●10 - Es geht abwärts... mit mir...

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»Cassi? Hey, wach auf.«
Ich wurde von Fen an der Schulter wachgerüttelt. Ich murrte, ein kläglicher Versuch, Fen davon zu überzeugen, mich weiterschlafen zu lassen.
Als ich mich beim Umdrehen, weg von Fen auf einen spitzen Ast, der sich in meine Seite bohrte, legte, zuckte ich zusammen.
Ja gut... Jetzt war ich wach...

Ich setzte mich aufrecht hin; mir hing ein Zweig vor den Augen, welcher sich in meinen Haaren verheddert hatte.
Ich zog ihn heraus und warf ihn weg.
Fen sah nicht gerade besser aus, seine schwarzen Haare waren wirr und standen an vielen Stellen ab. Unter seinen Augen waren dunkle Schatten und ich konnte mir vorstellen, dass ich ähnlich aussah.

Ich strich mir meine Haare etwas glatt und stand auf. Fen hatte den improvisierten Speer in seiner Hand.
»Ich glaube, ich nehme den mit. Wer weiß.« Er klang müde.
»Ich hoffe, wir finden die Völva heute«, setzte er hinzu. Ich nickte.

Ich erinnerte mich an den Traum.
Abwärts...

Mit meinem Leben ging's abwärts, aber das war's auch schon...

»Fen, was könnte man mit ›abwärts‹ meinen?«
»Was? Äh, meinst du ›flussabwärts‹?«
»Ich weiß nicht...«

Fen schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an. Ich seufzte und erzählte ihm von meinem Vielleicht-Traum.
Er nickte, schaute aber nicht weniger verwirrt, als ich es war.

»Ich hab mir das bestimmt nur eingebildet...«, meinte ich schulterzuckend nach einer elendig langen Pause, in der Fen auf Norwegisch vor sich hin gemurmelt hatte.

»Das bezweifle ich«, sagte er, jetzt wieder auf Altnordisch – Die Sprache, in der wir anscheinend die ganze Zeit sprachen. Fragt mich nicht, wie... Ich hinterfragte es einfach nicht, aus Angst, das der »Zauber« dann verginge und wir wieder keinen mehr verstünden.

»Ich denke, dass wirklich ›flussabwärts‹ gemeint ist.« Fen ging ein bisschen umher, was er bisher immer beim Nachdenken gemacht hatte.
Dann nuschelte er wieder auf Norwegisch vor sich hin. Ab und zu mal redete er so, dass ich es verstehen konnte, wahrscheinlich absichtlich.
»Aber dann würden wir wieder zurücklaufen...«

»Vielleicht sind wir dran vorbeigegangen«, mutmaßte ich, als ich auf ihn zu ging; ich legte meine Hände an seine Oberarme, um ihn vom Umhertigern abzubringen.
Er schaute schaute mich verwirrt an und ich versuchte, aufmunternd zu lächeln.

»Das kann sein«, sagt er leise.
Da merkte ich erst, wie nah ich jetzt eigentlich vor ihm stand. Er schaute mir in die Augen und ich konnte mich in seinen Pupillen spiegeln sehen. Mir wurde ganz warm und ich ging ein paar Schritte zurück.
»Ja, könnte sein«, flüsterte ich fast und schaute auf den Boden. Ich wusste gar nicht, warum mir das gerade so unangenehm war...

Ich stand schon viel näher vor Leuten.
Da war einmal diese Marie, die ich echt gern gehabt hatte; sie hatte mich küssen wollen... Bis zu diesem Zeitpunkt war ich auch noch der Annahme gewesen, ich sei in sie verliebt, aber als ich ihr so nahe gewesen war... Nein, das hatte sich nicht richtig angefühlt, ich hatte das nicht gewollt.
Sie war so sauer auf mich gewesen... Ich weiß gar nicht mehr wirklich, wie oft ich mich entschuldigt hatte, aber es war oft.

In Fens Nähe zu sein war aber etwas ganz anderes, bei ihm fühlte ich mich wohl. Seine Augen waren zwar kalt, aber sein Blick war immer warm.
Mir wurde danach auch warm und am liebsten würde ich ihn... küssen...

»Dann lass uns gehen«, meinte Fen, welcher bereits ein paar Schritte vorgelaufen war, und riss mich endgültig aus meinen Gedanken.

»Ja«, rief ich und mit heißen Wangen lief ich  ihm hinterher.

Den Fluss entlang, flussabwärts, zurück in die Richtung, aus der wir gekommen waren.
Wir schlichen an dem Bauernhaus von gestern vorbei, dann machte der Fluss eine Kurve nach rechts und wir kamen von unserem ursprünglichen Weg ab.

Das Gelände in Ufernähe war überwuchert mit Sträuchern und Unkraut.
Nachdem der Fluss noch zwei weitere Kurven gemacht hatte, zeigte uns der Wald auf einer Lichtung eine kleine Hütte. Umgeben von Kräutergärten stand sie da. Die hölzernen Windspiele, welche am Vordach befestigt waren, klimperten vor sich hin.
Die Gärten verströmen einen benebelnden Duft und mir wurde etwas schwummerig.

Fen klopfte an die Haustür. Die Tür sprang knarrend auf und aus der Hütte stieg ein noch extremerer Geruch nach Kräutern und ätherischen Ölen.

Ich drückte die schwere Tür ganz auf. Der Schwall an Gerüchten rief mir Tränen in die Augen und ich musste kurz husten.
Fen ging schließlich in die Hütte; ich schloss die Tür hinter mir.

Im Inneren der Hütte war es düster, Kerzen gaben durch den Rauch ein gespenstisches Licht ab.
Ich konnte nicht viel von der Einrichtung sehen, aber in Armut schien man hier nicht zu leben.

An der Wand gegenüber des Einganges, mittig, saß auf einem Stuhl, welcher einem großen Thron ähnelte, in Pelze gehüllt eine Frau, zu ihrer Linken hielt diese einen langen Stab. Sie lächelte.
Ich wusste ziemlich direkt, dass dies die Völva war, nach der wir suchten.

»Wie kann ich den Reisenden behilflich sein?«, fragte die Völva, mit einer Stimme, die so erhaben klang und doch so freundlich.
Fen verbeugte sich kurz und ich tat es ihm hastig nach.
»Wir brauchen Antworten«, sagte Fen, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte.
Ich nickte.

»Ihr wollt Antworten? Die werde ich euch geben. Doch könnt ihr mich auch entlohnen?«, fragte die Völva und erhob sich aus ihrem Sessel.

Fen schlug sich die Hand vor die Stirn. »Mist«, sagte er durch zusammengebissene Zähne.

»Ich habe noch Himbeeren«, sagte ich und steckte meine Hand in den Beutel. Doch ich fand darin keine Himbeeren; als ich den Inhalt meiner Hand betrachtete, funkelten mir Edelsteine entgegen. Fen bekam den Mund nicht mehr zu und ich wusste auch nicht, was ich dazu sagen sollte.

Die Völva lächelte.
»Ich nehme die Himbeeren an.«
Sie streckte mir ihre rechte Hand entgegen und ich öffnete meine Linke, ließ die Edelsteine hineinfallen. Die Völva zog ihre Hand zurück, ihre nun erhobene Stimme erklang:

»Hört die Glocken!
Sie läuten, läuten nach Tat,
einer Tat, die nur nichtig wird durch den Tod.

Hört die Stimme!
Sie hört sich an nach Verrat,
denn der Taten Tuende, mit Silber im Munde,
wird von Feind zu Freund, für kurze Zeit.

Schwarz – wie der Raben Federn. Der Reisende reist allein und doch nicht allein.

Weiß – wie des Suchenden Name. Wird der Suchende zu dem Findenden?

Wolf und Engel.
Gott und Götter.
Kampf und Kampf,
mit zwei Gesichtern kämpfen zwei den selben Kampf.

Doch öffnet nur einer die Augen, vergeht der Kampf, aber nicht der Krieg.«

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now