Kapitel 51 - Die falsche Wahrheit

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Die Allee, die den Großteil von Nells Schulweg ausmachte, glühte in einem klaren Grün. Einzelne Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg durch die frischen Blätter und blinzelten hinter ihnen hervor. Sie warfen helle Flecken auf den Teer und ließen die hohen Blätterkronen leuchten.

Nell war auf dem Weg nach hause. Es war ein anstrengender Schultag gewesen. Herr Tremmel hatte sie wie so häufig mit Fragen bombardiert, deren Antworten sie höchstens erraten konnte. Ebenso hatte Niel versucht, ihr den Sinn der Fragen nahe zu bringen, was ihm nicht wirklich gelungen war. Physik war einfach nicht ihr Fach, außerdem hatte seine bloße Anwesenheit sie abgelenkt.

Trotz der Schule war ihr Hochgefühl erhalten geblieben. Der Kuss am Morgen war ihr noch stark in Erinnerung und zauberte mit jedem Gedanken daran ein unbeschwertes Lächeln auf Nells Lippen.

Über die Spalten im rissigen Teer hüpfend, vergrößerte sie ihren Abstand zum Schulgebäude immer mehr. Sie verließ die Allee und schritt die nächste breite Straße hinunter. Im Vorbeigehen grüßte sie einige Bekannte, die in ihren Gärten arbeiteten oder einfach nur auf ihren Klappstühlen saßen und sich sonnten.

In die dritte Straße bog sie schließlich ein – es war die Straße zu Ilans Haus. Sie wollte sich nach ihm erkundigen, bevor sie nach hause ging.

Nell betrat den gepflegten Vorgarten des blauen Hauses und klingelte. Herr Spelzig öffnete die Tür.

„Hallo, Lena.“ Er wirkte ein wenig seltsam. Zerstreut und niedergeschlagen.

„Hallo. Ich wollte mich nach Ilan erkundigen. Ist er krank?“, fragte sie.

„Nein, es geht ihm gut. Er ist nur… seine Großmutter ist gestern gestorben…“

Emma?

Ilan hatte nur noch eine Oma – die Mutter seiner Mutter – deshalb ging Nell davon aus, dass Herr Spelzig sie meinte.

Das musste furchtbar für ihn sein…

„Oh…“, war alles, was sie über die Lippen brachte. Ihr Glücksgefühl verschwand beinahe augenblicklich.

„Wenn du möchtest, kannst du ihm ein wenig Gesellschaft leisten. Er ist im Garten.“

„Danke“, erwiderte Nell und durchquerte das Haus, um zur Hintertür zu gelangen.

Erst fand sie Ilan überhaupt nicht. Sowohl die Gartenstühle als auch die Bank waren leer. Sie blieb ratlos stehen, bis sie ein blaues Paar Turnschuhe aus den Blättern eines Baumes ragen sah. Langsam trat sie näher.

„Lan?“, fragte Nell vorsichtig, als sie vor dem Stamm stand. Ihr bester Freund schaute mit einer undeutbaren Miene zu ihr herab. Er blieb stumm. „Darf ich hoch kommen?“, wollte sie wissen.

Nach kurzem Zögern nickte er zur Antwort. Nell machte sich daran, zu seinem Ast hinauf zu klettern. Er machte ihr bereitwillig Platz, sodass sie sich neben ihm niederlassen konnte. Schweigend starrte sie in die Wand aus grünen Blättern, die sie umgab, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. Ob sie überhaupt etwas sagen sollte.

Schließlich beschloss sie, es wenigstens zu versuchen.

„Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Zu ihrem eigenen Erstaunen klang ihre Stimme leise und zerbrechlich. Beinahe war es nur ein Wispern, das man auch mit dem Rauschen der Blätter hätte verwechseln können. Doch Ilan hörte es trotzdem.

„Leer“, antwortete er.

Nell dachte einen Augenblick über das Wort nach und beschloss, dass es passte.

Leer.

„Leer und verlassen.“, bestätigte sie. Unvermutet schossen ihr die Tränen in die Augen. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle und ohne einen bestimmten Anlass musste sie plötzlich weinen.

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