Als ich die Tür hinter mir schließe und mich aufs Bett werfe, frage ich mich sofort, wieso er eigentlich Winter Soldier heißt. Wie kam es zu diesem Namen? Hat es irgendeine Bedeutung mit das, was er erlebt hat? Und wieso ist er so still? Vielleicht weiß er, dass ich sein Ersatz sein werde. Und wieso um Gottes Willen weiß ich überhaupt nichts mehr. Wer war ich bevor ich im Labor aufgewacht bin? Ich musste doch jemand gewesen sein. Ich kann doch kein niemand sein, oder? Da muss noch etwas sein, sonst wäre ich nicht hier.

Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken geworfen, jemand laut an der Tür klopft und hineinkommt. Ein Mann, der offensichtlich kein Soldat ist, hält ein Tablet in seiner Hand und legt diesen auf dem Tisch in der Ecke ab. Er schaut mich nicht einmal an, sondern verlässt den Raum wieder. Es war fast so, als wäre er überhaupt nicht hier gewesen.

Nach dem Essen kommt Rumlow rein und sagt, ich solle wieder zum Training gehen. Sagt er das, weil er es will, oder weil der Winter Soldier ihm darum gebeten hat? Wenn ich in seiner Nähe bin, bekomme ich Herzklopfen, denn ich rechne mit jedem Fehler, dass er mich anschreit oder verprügelt, aber er gibt keinen Mucks von sich.

Als ich in der Halle bin, hat er mich bereits erwartet. Er hält den Rücken zu mir gedreht, aber ich weiß, dass er weiß, dass ich hier bin. Als ich näherkomme, dreht er sich um und wirft mir ein Messer zu. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass er einige Messer in der Hand hält. Ich zucke erschrocken zusammen und versuche auszuweichen, wobei das Messer mich an der Schulter streift und eine kleine Wunde entsteht, die etwas brennt. Bei der Ausweichung müssen wir noch üben.

Er schaut mich an und mit nur einem ziemlich starken Schwung dreht er sich um und wirft das nächste Messer auf die Zielscheibe in die Mitte. Es sind nur zwei perfekte Mitten zu sehen. Eine am Kopf der und eine am Oberkörper direkt ins Herz. Wenn man diese in der Realität trifft, ist man sofort hin. Er machte mir Platz und deutet daraufhin, dass ich es versuchen soll. Scheiße. Er wartet darauf, dass ich schieße, doch ich ziele daneben. Schämend starre ich ihn an und er zeigt kein einziges Gefühl auf seinem Gesicht – keine Enttäuschung oder Wut. Ich kann einfach nicht entdecken, was gerade in ihn vorgeht und was er gerade denkt.

Als er auf die Zielscheibe deutet, weiß ich anfangs nicht genau, was er meint, doch als mir bewusstwird, was er vorhat, beginne ich zu zittern. Langsam bringen meine Beine mich vorwärts genau vor die Zielscheibe, wo ich die Messer herausreiße und zu Boden werfe. Dann stelle ich mich gerade vor die Scheibe und atme tief ein und wieder aus.

„Nicht bewegen...", sagt er und hält das Messer bereit zum Werfen. „... und vor allem..." Er nimmt Luft und zieht seinen Arm zum Auswurf nach hinten. „Vertraue mir."

Dann schießt er das Messer in meine Richtung zu und ich denke dabei, er würde mich aufspießen wollen, weil ich nicht beim ersten Mal getroffen habe, aber ich soll ihm tatsächlich nur vertrauen. Das Messer steckt genau wenige Millimeter neben meiner rechten Schulter. Dann schießt er das nächste Messer, welches über meinen Kopf stecken bleibt und mein Herz wie verrückt pocht. Ich halte die Augen weit geöffnet und kann sie nicht schließen. Ich versuche so still wie möglich zu stehen und versuche mein Zittern einzustellen, doch es gelingt mir einfach nicht. Um mich zu foltern schießt er das dritte und letzte Messer, welches genau neben meinem Ohr steckt. Augenblicklich spüre ich einen kleinen brennenden Schmerz an der Ohrspitze. Da er kein Messer mehr in der Hand hält, gehe langsam nach vorne.

„Du hast mich getroffen."

Er erwidert nichts und schaut wendet sich von mir ab. Aber das ist bloße Ablenkung von ihm und eine gute Taktik gleich dazu. Plötzlich wie aus dem Nichts schnappt er sich ein Messer, das an seinem Riemen befestigt war und schießt es in meine Richtung. Das Messer geht an meinem Kopf vorbei und, als ich nach hinten schaue, steckt es im Herz der Zielscheibe. Als ich wieder zu ihm zurückschaue, stelle ich fest, dass er lächelt. Ihm macht es wohl Spaß mir Angst zu machen und mich inniglich leiden zu sehen.

Nach dem Training gehe ich zum ersten Mal in den großen Essaal, wo alle Agenten und Ärzte von Hydra speisen. Ich habe bereits bemerkt, dass ich keinen Soldaten hier erblicke und sie alle sicher irgendwo unter sich essen, anstatt bei den anderen. Ich glaube es ist so eine Art Regel, dass man den ersten Tag noch in seinem Zimmer isst, und erst später zu den anderen integriert wird.

Als ich eintrete, starren mich alle kurz an, reden aber weiter, wie sie es vorher schon gemacht habe, als wäre nichts passiert. Der Saal ist wirklich groß, dunkel und ist ziemlich beleuchtet. Es gibt lange Tische zu sehen, aber auch viereckige Tisch. Ich nehme mir etwas Kleines und geselle mich zu einem Tisch, wo ich alleine sitze. Keiner sieht zu mir und niemand will etwas mit mir zu tun haben, was ich für gut finde. Die Agenten hier sind alle etwas älter, als ich. Nachdem ich fast fertig mit Essen bin, stelle sich ein gutaussehender Soldat zu mich.

„Du bist also Skye?"

Er grinst etwas und ich starre zu ihm hoch. Dann setzt er sich gegenüber von mir ohne zu fragen. Ich nicke mit vollem Mund und versuche schnell zu schlucken.

„Ich habe gehört, du wirst die neue Mission später leiten?"

Ich sehe ihn etwas ängstlich an. „Wird das von mir hier rumerzählt?"

„Die meisten sagen, dass du es nicht schaffen wirst, aber einige glauben, dass du die Mission des Supersoldaten vollenden kannst."

„Supersoldaten?"

Er lacht. „Ja, der Winter Soldier. Sag bloß, du kennst ihn nicht."

„Er trainiert mich."

Ich erblicke erstmals sein Namensschild, während er sich mit der Hand durch sein dunkelbraunes Haar fährt. Conor Jenkin.

„Na dann, Skyeward. Viel Erfolg."

Conor steht auf und lasse mich mit meinem leeren Teller alleine am Tisch zurück. Ich runzele die Stirn. Skyeward? Langsam schaue ich zu meinem Namensschild herunter, das ich auch erst jetzt bemerke, dass dort nur Skye steht.

Abends nach dem Essen nehme ich eine Dusche, wasche meine Unterwäsche und lege sie zum Trocknen raus. Ich ziehe mein Top und meine Hose an und das Gefühl, nichts unten drunter zu tragen, ist etwas seltsam, aber man gewöhnt sich nach einer Weile daran. Skyeward. Wieso nannte er mich so? Auf meinem Namensschild steht nur Skye, mehr nicht. Mir ist sofort aufgefallen, dass ich keinen Nachnamen habe, so wie alle anderen Agenten. Dann fallen meine Gedanken auf das Training, das heute stattgefunden hat. Das mit dem Messerwerfen muss ich noch üben. Aber nachdem er die Messer selbst nach mir wirft und mir sagt, ich solle ihm vertrauen, bringt mir Gänsehaut über meinen gesamten Körper. Und vor allem... vertraue mir. Seine Stimme hallt in meinem Kopf und diesen Satz werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Ich weiß aber, dass ich immer neugieriger werde, was den Winter Soldier betrifft. Ich weiß so wenig über ihm und ich habe das Gefühl, dass er über mein ganzes Leben Bescheid weiß. Ich habe das Gefühl, dass jeder Mensch hier mehr von mir weiß, als ich mir je Bewusstsein werde.

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