7. Warum?

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CHARLIE

Am Dienstag belauschte ich ein weiteres Gespräch von Paul. Es war mitten in der Nacht, ich konnte nicht schlafen und plötzlich fing Pauls Handy an zu klingeln. Ein lautes Vogelzwitschern, dass sich in meine Ohren bohrte. Und ich wurde neugierig. Wollte das unfertige Puzzel zusammensetzen. Also kletterte ich aus dem Bett, schlich leise durch die Wohnung, bis ich an der Wohnzimmertür stehen blieb. Paul hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und krammte nach seinem Handy, dass noch immer schrille töne von sich gab. Als er es endlich fand, stellte er den Fernseher leiser und ging dran.  Angespannt stand ich da, lauschte, hoffte. Aber auf was denn?

Dass es meine Mutter war? Oder ob es wieder die Person vor zwei Tagen war? Ich wusste es nicht. Ich wusste bloß, dass ich endlich Klarheit haben wollte. In meinem Leben. Über mich. Außerdem war ich etwas wütend auf Paul, weil er mir etwas verschwieg, dass für mich sehr wichtig klang. Aber was wusste ich schon von Paul? Außer, dass er mich großgezogen hatte, dass er gerne trank, dass sein Lieblingsgericht Kartoffelbrei war und dass er erdbeereis abgöttisch liebte. Ich wusste nicht, warum er mich großgezogen hatte, weshalb er trank, wieso er gerne Kartoffelbrei aß oder warum er Erdbeereis liebte. Warum?

Wer war Paul? Wer war meine Mutter? Wer war ich? Warum war ich Ich? Warum war Paul Paul? Warum war mein Vater mein Vater? Warum waren wir alle drei gleich?

Warum hatten wir drei dasselbe Schicksal, obwohl ich den einen, den man Vater nannte, noch nie gesehen hatte und den anderen, trotz jahrelangem zusammenleben, kaum kannte? Das Leben war unfair. Schon immer und wird es auch bleiben.

Das Leben stellt dir eher das Bein, als dass es dir aufhilft.

Paul hatte noch gar nicht gesprochen, hörte bloß konzentriert zu. Seine Miene wirkte sanfter, fast mitleidig und schließlich stieß er ein tiefes seufzen aus. ,,Ich habe ihm doch gesagt, dass er nicht herkommen soll. Aber natürlich hört er nicht auf mich" Bei dem Wort ihm wurde seine Stimme einen ticken schärfer. ,,Ich weiß es nicht" Am liebsten hätte ich Paul gesagt, dass er verdammt nochmal Namen nennen sollte, denn so kam ich kein stück weiter. Aber er tat es nicht. Natürlich. ,,Wie denn? Er hört auf keinen. Du weißt, dass er seinen eigenen Kopf hat"
Er war anscheinend derjenige gewesen mit dem Paul vor einigen Tagen telefoniert hatte. ,,Charlie", er sagte meinen Namen ganz vorsichtig, als könnte die Person bei dem Wort explodieren und ich horchte auf, ,,geht es gut, glaube ich" Und da hielt ich es nicht mehr aus. Ich trat durch die Tür, räusperte mich und wollte wissen: ,,Mit wem redest du da?" Dieser schritt hatte mich sehr viel Mut gekostet, denn so war ich nicht. Ich war nett, ich war brav, ich unterbrach niemanden beim telefonieren und jetzt Paul zu stören, fühlte sich komplett falsch an. Pauls Gesicht erstarrte.

Und dann wurde er kalt, seine Augen waren eiskalt und seine Mundwinkel zogen sich nach unten. Mein Herz flatterte, als er ohne ein Wort zu sagen das Handy zuklappte. Ja, Paul war altmodisch und kam mit smartphones überhaupt nicht klar. ,,Was machst du hier Charlie?"

,,Mit wem hast du telefoniert?" erwiederte ich trotzig. Er musterte mich, musterte meine angespannte Körperhaltung und wie ich meine Hände verkrampft zusammenballte. ,,Das geht dich nichts an", barsch, ohne jegliches Gefühl. Ich zuckte zurück. ,,Du hast meinen Namen erwähnt! Natürlich geht mich das was an!" Er verzog noch immer keine Miene und ich wusste was das bedeutete. Er war stinksauer. Am Anfang war er ruhig, danach brach er aus wie ein Vulkan. ,,Geh ins Bett, Charlie" Aber ich bewegte mich nicht vom Fleck und er stieß ein ernergisches ,,Sofort!" hinzu. ,,Aber...."

,,Ich sagte SOFORT!" Und da war er: Der Ausbruch. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut und seine Stimme wurde lauter. ,,Charlie", sagte er drohend und ich ging.

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Als wir am nächsten morgen frühstückten, war Paul so beleidigt, dass er kein einziges Wort mit mir sprach. Er blickte mich nicht mal an, sah einfach durch mich hindurch, als wäre ich Luft. Und in der Schule schrieben wir einen Mathetest, den ersten seit dem ich wieder in München war, und ich wusste wirklich nicht ob er gut oder schlecht ausfallen würde. Mitten in Englisch schob mir Emily einen zusammengefaltenen Zettel zu, auf dem ihre Handynummer stand. Als ich sie ansah, musste sie breit grinsen. In der Mittagspause hatte ich kein Geld, um mir was im Schulkiosk zu kaufen, Paul war eben beleidigt, und Dylan leihte mir 2€.  Wenn ich diesen Tag zeichnen müsste, hätte einfach bunte Farbe draufgeklatscht. Denn alles fühlte sich ziemlich verwirrend an.

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Zuhause erwartete mich eine Überraschung. Als ich in die Küche kam, kochte Paul, und das erstaunte mich wirklich, weil ich dachte, er wäre noch unglaublich wütend auf mich. Er hatte sogar den Tisch gedeckt. ,,Hallo Paul"

Paul erwiederte meine Begrüßung nicht, sondern klatschte einfach Kartoffelbrei auf seinen und meinen Teller und legte noch, für jeden, zwei Würstchen drauf.

,,Setz dich", kommandierte er und wiederstrebend hockte ich mich gegenüber von ihm hin. Ich wusste wirklich nicht was jetzt kam. ,,Da du ja so neugierig bist", vorwurfsvoll sah er mich an, ,,sage ich dir jetzt etwas" Angespannt stocherte ich in meinem Kartoffelpüree rum. Ich fühlte mich etwas schuldig, eben weil ich gelauscht hatte. ,,Okey", sagte ich nach kurzem schweigen und wartete darauf dass er fortfuhr. Aber Paul schien zu zögern, er sah mich an und der Ausdruck von Mitleid verzog sein Gesicht.  Ich wusste das ich dieses Mitleid verdient hatte, ich meine, mein Leben war verkorkst genug, und doch wollte ich ihn nicht. Es machte mich nur noch wütender, es machte mich hilflos. Und ich schwamm darin, in dieser Hilflosigkeit, die mich zu verschlucken schien. Die drohte mich zu etwas zu machen, dass kaum noch menschlich war.  Ich weiß, dass das übertrieben klingt, aber damals dachte ich das wirklich. ,,Gut", murmelte Paul. Er hielt sein Besteck in den Händen, aber rührte sein Essen nicht an, als wäre er zu tief in seinen Gedanken versunken. ,,War das gestern meine Mutter, am Telefon?", fragte, weil er immer noch nichts sagte.  Behutsam legte er Gabel und Messer auf den Teller zurück. Und seine Augen sagten Ja, sie war es. Es war deine Mutter. ,,Okey", murmelte ich wieder und nickte.

Paul räusperte sich. ,,Shelby und William kommen" Nachdem er mir einen weiteren kurzen Blick zugeworfen hatte, fügte er hinzu: ,,Du erinnerst dich doch noch, oder?" Die erste und letzte Begegnung mit Onkel William, an die konnte ich mich schrecklich scharf erinnern. Das war kurz nachdem meine Mutter verschwunden war. Die Tage danach hatten sich in mein Hirn eingefressen, weil ich mich so elend ohne sie, meine einzige Bezugsperson, gefühlt hatte. Und als Onkel William auftauchte, eine Person die ich davor gar nicht gekannt hatte, und er sich zu mir runterbeugte, um mir Hallo zu sagen, da wusste ich, dass sie nie wieder kommen würde. Aber an eine Shelby? An eine Shelby konnte ich mich nicht erinnern.

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Ich freu mich schon auf Shelby, weil mit Shelby die story richtig anfängt und ein paar fragen beantwortet werden. Und ich bin immer noch in Thailand aber es regnet so heftig das wir nur im Zimmer rumsitzen können. Ja egal :'D
und guckt bei my sweet lavina rein, von der story meiner sis, weil in den nächsten fünf tagen kommt Kapitel 2 raus. :* :D
sonja :D

Sein Name war CharlieLies diese Geschichte KOSTENLOS!