2.30. Die Polizistinnen

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Ma'am Papillio schreckt auf, schaut auf die alberne Micky Maus-Armbanduhr und stellt fest, etwa 20 Minuten geschlafen zu haben. Der Tischventilator surrt leise und gibt klackernde Geräusche von sich, immer dann, wenn der Kopf die Richtung ändert. Im Raum hängt noch ein wenig Duft von Kampfer, Minze und Menthol.
"Das gute Efficascent Oil", seufzt Papillio und lauscht dem sonoren, beruhigenden Surren des Ventilators.

Es klopft sachte an die Kammertür.
"Ma'am, Ma'am", spricht es von draußen leise.
Ma'am Tolisan späht durch die Glasscheibe und öffnet die Holztür eine Handbreit: "Ah, Ma'am, Sie sind wach? Sorry, dass ich störe, aber ich habe die Protokolle der Aussagen der Kinder fertig, muss die aber noch ausdrucken. Dann spielte Ihr Laptop ständig diese Melodie. Außerdem Ma'am, ich denke, es ist Ihr Cellphone, was sich des Öfteren meldete."

Papillio sitzt auf der Kante des Feldbetts aus Militärbeständen, massiert sich die Schläfen und richtet das Haar. Die leichte Migräne ist verflogen. Das kurze Nickerchen tat gut. Sie ist nun voller Tatendrang: "Ma'am Tolisan, was machen die Kinder? Es ist schon nach zwei Uhr. Die Eltern werden hier bald aufkreuzen. Die müssen wir sofort befragen. Ohne die Kids. Die Eltern dürfen auf keinen Fall alleine mit den Kindern sprechen. Nicht dass hier irgendetwas vernebelt wird. Ich denke, Ma'am, die Eltern sind auf Hegers Seite."
Ma'am Tolisan bleibt nichts weiter übrig - während der Rede ihrer Chefin - zustimmend zu nicken. Sie würde auch niemals ihre Chefin unterbrechen. Das gehört sich einfach nicht und wäre eine absolute Respektlosigkeit einer höhergestellten Person gegenüber. Eine kurze Pause entsteht. Ma'am Papillio wiederholt: "Ma'am, was machen die Kinder? Sind die noch im Office von Sarang und Pangunang?"
Ma'am Tolisan erwacht aus einer leichten Trance und stottert: "Ja, ja, Ma'am, im Office von Sarang. Haben gemeinsam mit Heger zu Mittag gegessen, spielen jetzt Computer."
"Ma'am Tolisan, was ist los? Sie wirken irgendwie abwesend. Ich weiß, ist viel los zur Zeit. Sind Sie etwa überarbeitet?"
Ma'am Papillio sitzt nun am Schreibtisch, hinter ihrem Laptop.
"Ja, Ma'am, ich, ich drucke dann mal Protokolle zum Unterschreiben aus", wendet sich Ma'am Tolisan ab, ohne auf die Frage ihrer Chefin einzugehen.
Papillio fragt schnell: "Das Verhörprotokoll von Heger, Ma'am, ist das auch druckbereit?"
"Selbstverständlich Ma'am", freut sich Tolisan.
"Prima, Ma'am, bitte auch ausdrucken. Jeweils drei Exemplare. Der Boss will das lesen. Sind die gerichtsfest? Ma'am?"
"Selbstverständlich, Ma'am!", wiederholt Ma'am Tolisan mit Stolz in der Stimme.
"Ma'am, wenn ich Sie nicht hätte! Sie sind ein Engel. Ach, Ma'am, bevor ich das vergesse, bitte gehen Sie doch Sarang zur Hand, beim Fotografieren der Gadgets. Die müssen morgen früh sofort ins Labor. Ma'am, könnten Sie auch eine Pressemitteilung vorbereite, bitte?"
Ma'am Tolisan zählt gedanklich die ihr aufgetragenen Aufgaben auf, nickt mehrmals leicht oder zuckt zustimmend mit den Augenbrauen.
'Hatte Ma'am Papillio nicht ihr das mit den Gadgets bereits aufgetragen?', fragt sie sich.
Sie fragt rhetorisch: "Aber die Aussagen zuerst ausdrucken?"
Die Frage beibt unbeantwortet. Ma'am Papillio klappt den Laptop ganz auf: "Ach, Herrgott", stöhnt sie sofort.
"Ist etwas passiert, Ma'am?", fragt Ma'am Tolisan schnell.
"Nein, nein, aber ich habe nur  23 neue E-Mails! Moment Ma'am, 21 Stück zum Heger-Fall."
Papillios Cellphone surrt auf dem Schreibtisch. "Oh je, 18 SMS. Die lese ich später", sagt Papillio mehr zu sich selber und fügt hinzu: "Ich habe doch nur 20 Minuten gedöst!"

Ma'am Tolisan ist bereits zurück in der Computerkammer und lässt den Nadeldrucker kreischen.
Ma'am Papillio ruft des lärmenden Druckers wegen: "Oh je, dieser ausländische christliche NGO hat auch geschrieben."
"Was sagten Sie, Ma'am?", ruft Ma'am Tolisan zurück.
"Diese Nongovernmental Organization will Information. Haben wohl auch TV geschaut?"
Der Drucker verstummt, Ma'am Tolisan brüllt dennoch: "Ist das der, der als zweites Standbein Früchte exportiert?"
"Ma'am, warum brüllen Sie denn so, Ma'am? Ich habe es nicht an den Ohren!"
"Sorry, Ma'am, der Drucker war so laut." Ma'am Tolisan wiederholt: "Ist das diese christliche Organisation, die Früchte exportiert und als zweites Standbein Menschen rettet?"
Papillio lacht: "Ha, zweites Standbein! Mit solchen Storys, wie Heger sie hier produziert machen die doch ihr Geld. Nicht mit diesen überzuckerten eingelegten Früchten. Mit den NGOs müssen wir uns gut stellen, sonst kippen die im Internet wieder einen Eimer Scheiße über uns aus! Unfähige philippinische Polizei und so. Na ja, Ma'am, du kennst ja die Artikel. Da war was los, als der Amerikaner mit der kleinen Teenagerin im Hotel nach Hause ging. Aber was können wir noch machen, wenn das Mädchen und dessen Eltern ihre Anzeigen zurückziehen? Du weißt, Ma'am Tolisan, dass da Gelder geflossen sind!"
Ma'am Tolisan steht neben der Chefin, wedelt mit den Ausdrucken und wundert sich über Ma'am Papillios Ausdrucksweise. Das kennt sie von Ma'am Papillio nicht.
Ma'am Tolisan wiederholt gedankenverloren: "Eimer Scheiße, unfähige Polizei, Gelder."
Plötzlich scheint Tolisan zu sich zu kommen: "Fünfzigtausend Peso, Ma'am Papillio. Das waren Fünfzigtausend Peso an das Mädchen! Mein Gatte kennt den Anwalt der den Amerikaner vertrat aus der Highschoolzeit. Der Anwalt steckte das mit den Fünfzigtausend meinem Mann. Und das BSWD hat natürlich auch abkassiert. War nicht kurz danach BSWD-Solano mit ihrem Mann für ein Wochenende in Hong Kong? Aber Ma'am, unter der Hand. Das sage ich nur unter vorgehaltener Hand."
Papillio seufzt: "Ja, natürlich, Ma'am, unter der Hand!"

Es brodelt in Ma'am Papillio. Sie zischt: "Und dieser christliche NGO war damals richtig sauer, weil der Amerikaner ungeschoren davonkam. Wir vielleicht nicht? Wir waren auch frustriert!"
Ma'am Tolisan schaut ihre Chefin nachdenklich an: "Was ich über diese NGO hörte, war recht positiv, Ma'am."
"Das mag sein, Ma'am Tolisan. In den Brennpunkten wie Manila sind die schon erfolgreich. Aber hier bei uns in der Provinz? Und dann stürzen die sich doch hauptsächlich auf die Geschichten, wo Ausländer involviert sind. Das bringt öffentliches Interesse und Spendengeld. Die vielen, vielen Fälle, in denen nur Pinoys involviert sind, da haben die kein Interesse."
"Da ist was Wahres dran, Ma'am Papillio. Das ist mir auch schon aufgefallen."
"Nein, Ma'am Tolisan, was mich nervt, ist diese Arroganz. Die sollen doch erstmal in ihrem eigenen Land kehren. Da haben die doch genug zu tun. Wenn wir die Strafen für Kindesmissbrauch gerade mit Europa oder den USA vergleichen, da sind wir in den Philippinen bei weitem härter. Die Haft- und Geldstrafen sind bei uns sehr viel länger und höher als dort. Also, Ma'am Tolisan, was wollen die ständig von uns?"
Ma'am Tolisan nickt verlegen und schweigt.

Unvermittelt steht Ma'am Papillio auf und ruft wütend: "Alle kassieren ab und wir kriegen immer nur die Schläge! Ich habe es so satt, Ma'am. Diese ausländischen NGOs. Wissen nichts über unser Land und lokalen Gegebenheiten. Schreiben uns aber vor, wie wir unsere Arbeit zu erledigen haben. Berichten über unsere Polizeiarbeit, ja über die gesamte philippinische Justiz im Internet und in den anderen Medien immer nur negativ. Lassen wirklich kein gutes Haar an uns. Weißt Du, Ma'am Tolisan, diese NGOs bauen die Storys doch nur auf. Machen die Fälle blutiger als sie tatsächlich sind. Sonst öffnen sich in den USA und Europa die Geldbörsen nicht! Und wenn dann solche Typen nach Hause gehen, müssen wir uns rechtfertigen. Rechtfertigen, warum wir Monster laufen lassen."
Ma'am Papillio ist in Rage und den Tränen nahe.
"Ma'am", ruft besorgt Tolisan, "ich hole Ihnen ein Glas kaltes Wasser. Bitte, so setzen Sie sich doch und beruhigen Sie sich."

Eine Minute später ist Tolisan mit dem versprochenen kalten Wasser zurück.
Papillio tippt lustlos auf der Tastatur ihres Laptops herum. Sie hat sich wieder abgeregt: "Ma'am, ich habe absolut keine Lust mich, mit diesen ausländischen NGOs auseinanderzusetzen, aber mir bleibt keine Wahl."
"Nun trinken Sie erst mal einen Schluck, Ma'am."
Ma'am Papillio tut wie ihr geheißen und nimmt einen tiefen Schluck.
"Ah, Ma'am, das tut gut. Wenn ich Sie nicht hätte! Aber schau Dir das Dilemma doch mal an. Dieser Müllhaufen von Drucker. Der gesamte Computer in der Kammer dort ist doch Schrott."
Tolisan schaut verlegen auf die Ausdrucke, die sie in beiden Händen hält. Leise sagt sie: "Wenn ich mir was wünschen dürfte, Ma'am, ein Diktiergerät oder Tonband, das wäre klasse und eine vernüftige Fotokamera."
"No Budget, Ma'am!", entgegnet Papillio. Mit festem Blick schaut sie Tolisan in die Augen: "Deshalb müssen wir diesmal erfolgreich sein, Ma'am. Nur der Erfolg zählt! Dann hätten wir auch alle Argumente für ein größeres Budget."
Ma'am Tolisan nickt. Sie ist von ihrer Chefin total angetan. Wie recht sie doch hat. Wie klar sie die Dinge sieht und wie gut sie Zusammenhänge erklären kann.
"Keine Fehler, Ma'am Tolisan!"
"Keine Fehler, Ma'am!", wiederholt Ma'am Tolisan ruhig.
Die beiden Frauen blicken sich an und schweigen für Sekunden.

Irgendwo spielt ein Cellphone eine Melodie.
"Woher kommt das?", fragt Ma'am Papillio.
"Aus Hegers Rucksack", antwortet Ma'am Tolisan.
Während Papillio die Ausdrucke unterzeichnet, sagt sie zu Tolisan: "Heger soll später sein Cellphone checken. Der braucht einen Anwalt. Da braut sich was zusammen. Mit fünf Pinoy-Kids im Hotel. So einfach wie der Amerikaner-Fall wird das hier jedenfalls nicht."
"Einen guten Anwalt, Ma'am, Heger braucht einen guten!", entgegnet Ma'am Tolisan und ergänzt: "Mein Mann kann seinen Schulfreund fragen. Vielleicht hat der Anwalt Interesse."
"Der hat bestimmt Interesse! Ausländer, big Money, da ist doch was zu holen! Dann die Öffentlichkeit. Anwalt im Rampenlicht!", konstatiert Ma'am Papillio und fügt hinzu: "Aber der Tipp kommt nicht von uns."
"Klar, Ma'am."
Ma'am Papillio seufzt: "Trotzdem, irgendwie tut mir der Heger auch leid. Der hat noch nicht realisiert, was wirklich los ist."
Ma'am Tolisan nickt mit zusammengekniffenen Lippen und ausdruckslosem Gesicht.

Die Frauen blicken sich wieder schweigend an.

In diesem Moment bricht auf dem Flur ein Tumult los: Männer brüllen, Frauen kreischen, Kinder schreien und weinen.

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