2.29. Wiedersehen mit den Kindern

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Auf dem kurzen Weg vom Zellenhaus in das Polizeigebäude weist Officer Sarang mich höflich an, nicht mit den Jungen über den gestrigen Tag, die Verhaftung oder über deren Verhöre zu sprechen. Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit. Wir stoppen an der Gebäudeecke, außer Sichtweite der Wachmänner die an der Schranke ihren Dienst verrichten.

Officer Sarang schaut sich verstohlen um und flüstert: "Sir Heger, die Kinder haben nichts Nachteiliges gegen Sie ausgesagt. Aber bitte erzählen Sie niemandem, dass ich Ihnen das gesagt habe."

Officer Sarang wendet sich zum Weitergehen. Voller Hoffnung erwidere ich: "Sir, wie lange können sie mich hier noch festhalten? Wann ist der Spuk endlich beendet?"

Der Officer weicht der Frage aus: "Wir werden sehen, Sir. Verlieren Sie nicht die Hoffnung und vor allem beten Sie. Kommen Sie nun, die Kinder warten schon sehnsüchtig auf Sie."

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Sechs schwer beschäftigte Jungen im Polizeibüro. Officer Sarang und ich stehen im Türrahmen. Aboy liegt quer auf der Kunststoffbank und spielt mit einem Cellphone. Er schielt dabei leicht. Phil und Sam spielen gemeinsam mit Sarangs Sohn am Laptop und diskutieren angeregt über das Computerspiel. Jan döst auf einer Bank aus Bambusrohr in der Büroecke. Sein kleiner Bruder Dan sitzt neben Jan, auf einem der flachen Bambusstühle. Sein Gesicht, die großen dunklen Augen und die Pausbäckchen werden vom Screen des Tablet-PCs hell erleuchtet. Die konzentriert spielenden Kinder bemerken uns nicht. Officer Sarang beobachtet die Szene und flüstert: "Der Kleine ist mein Sohn John. Er ist fast so alt wie Ihre Jungs."

'Meine Jungs?', wiederhole ich im Gedanken.

Officer Sarang räuspert sich: "Na, das ist ja eher 'ne Spielhölle als ein Polizeibüro!"

Die Kinder schrecken hoch, springen auf und sind schon bei mir. Nur John spielt ungerührt weiter am Laptop.

"Tommy, Tommy", rufen die fünf Freunde und umringen mich.

"Alles wird gut!", ruft Aboy und zieht mich auf die Kunststoffbank.

Sam wiederholt Aboys Worte: "Alles wird gut!" und ergänzt ernst: "Unsere Eltern kommen und holen uns ab!"

Darauf habe ich keine Antwort.

Dan erschrickt: "Tommy, Deine Hand!"

Phil fragt besorgt: "Wie geht es Deiner Hand und Dir, Tommy?" Er zeigt auf das mittlerweile verschmutzte Pflaster auf meinem linken Handrücken.

"Ach, das ist doch nichts, Kinder. Nur ein kleiner Ritz von den blöden Handschellen."

Sam schaut ernst und besorgt: "Tommy, warum hat man uns verhaftet?"

"Psst", antworte ich, "wir sollen nicht davon reden."

"Ach so!", gibt sich Sam zufrieden und schaut kurz mit scheuem Blick zu Police Officer Sarang.

Aboy setzt sich neben mich und legt freundschaftlich seinen Arm um meinen Hals.

Sam beginnt sofort meine rechte Hand zu massieren. Dan hingegen lehnt seitlich an meinem linken Oberschenkel, legt ebenfalls seinen Arm um meinen Hals und macht Anstalten sich auf meinen Schoß zu setzen. Mir ist die Nähe unangenehm.

Officer Sarangs Sohn spielt mit verbissener Miene Laptop. Das Spiel hört sich sehr nach "Counter Strike" an. Nun beginnt Phil auch noch meine Schultern zu massieren.

Jan fragt besorgt: "Tommy, Du siehst müde aus."

"Ihr seht aber auch nicht besser aus. Wir haben wohl alle zu wenig Schlaf in der letzten Nacht gehabt." Ich sage das scherzhaft und grinse dabei.

Dennoch nicken die Jungen ernst und zucken kurz mit den Augenbrauen. Dan versucht weiter auf meinen Schoß zu gelangen. Es fällt mir schwer ihn abzuweisen, denn ich möchte ihn dieser Situation nicht verletzen. 'Andererseits sind die Jungen gerade viel zu dicht an mir dran. Das könnte missverstanden werden', sinniere ich.  Die Officers Sarang und Pangutana nehmen jedoch keine Notiz von der Belagerung.

'Was passiert aber,' ich blicke besorgt zur Tür, 'wenn plötzlich eine der Polizistinnen hereinkommt?'

Jan scheint nun meine Verlegenheit zu bemerken. Er zieht Dan gekonnt ein wenig von mir weg und hält ihm das Tablet unter die Nase.

"Angry Birds! Tommy, das Spiel ist so lustig." Dan ist begeistert und er begibt sich wieder in die Ecke und spielt sofort konzentriert weiter. Jan werfe ich einen dankbaren Blick zu. Der zwinkert als Antwort und lächelt.

Phil begibt sich wieder zu Officer Sarangs Sohn. Aboy schmiegt sich dichter an mich: "Tommy, die haben tolle Spiele hier."

Als Abwehrmaßnahme lege ich meinen Arm um Aboy, drücke ihn kurz fest und schiebe ihn dann ein wenig von mir weg. Aboy grinst breit und betrachtet jetzt das Cellphone, dass er immer noch in seiner Hand hält.

Officer Sarang klatscht unvermittelt laut in die Hände und erhebt sich: "Na, die Jungs scheinen Sie ja wirklich zu mögen!" Er sagt das mit einem ehrlichen und frohen Tonfall. "Kinder, habt Ihr Hunger?", fragt Officer Sarang und blickt mich an.

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Die Kinder nicken, einige rufen erfreut: "Ja!"

"Was können wir denn kaufen, Sir?", frage ich unsicher.

"Wie wäre es denn mit Limpo, Sir? Auf dem Platz gegenüber der Polizeistation könnten wir Limpo, das ist gegrilltes Schwein, kaufen. Pangu, ähm, Sir Pangutana wird es besorgen, wenn Sie möchten."

Beim Wort "Limpo", werden die Augen der Kinder groß. Sogar Officer Sarangs Sohn John schaut vom Laptop auf.

"Limpo!", wiederhole ich und frage: "Und was ist mit Reis und Getränke?"

"Kein Problem Sir, das können wir dort alles kaufen", informiert Officer Sarang und schaut zu Officer Pangutana. Der grinst, nickt und schaut mich auffordernd an.

"Limpo?", wiederhole ich. Im Gedanken bin ich aber bei meiner Geldbörse und zähle Scheine. Glücklicherweise habe ich noch genug und gebe Officer Pangutana zwei von den blauen Tausender.

"Oh!", schaut Officer Pangutana erstaunt und fügt schnell hinzu: "Das ist mehr als genug. Wir sind drei Erwachsene und sechs Kinder. Getränke, Sir, was soll es sein? Cola, Royal, Sprite, Wasser?"

Ich bin überfordert und fühle mich ein wenig überfahren. Es wird still vorausgesetzt, dass ich das Essen zahle. 'Das ist ja im Dorf auch nicht anders. Der Ausländer zahlt! Bei den Trinkgelagen ist das oft so gewesen', erinnere ich mich und schmunzel. Die blöden Gedanken wische ich beiseite, statt dessen freue ich mich: 'Sei froh, hier in einer freundlichen Atmosphäre, gemeinsam mit den Kindern zu sitzen. Außerdem hat Officer Sarang gesagt, die Kinder haben nichts Nachteiliges gegen mich ausgesagt. Besser kann es doch wohl gar nicht laufen!'

Für den Moment bin ich zufrieden und erledige die Bestellung an Officer Pangutana.

Aboy massiert lieber meine rechte Hand, denn mit dem Cellphone zu spielen. Auch Phil scheint mein Wohlergehen wichtiger als Counter Strike zu sein. Er steht hinter mir und massiert leicht meine Schultern. Ich kann sie davon nicht abbringen.

Müde denke ich: 'Die Kinder umsorgen die Alten. Das ist auf den Philippinen ein kulturelles Ding, tief verwurzelt in der Gesellschaft. Ebenso wie das Massieren. Alle Sorgen und Probleme werden einfach weg massiert.'

Meine schweren Gedanken schweifen durch Raum und Zeit und die Augenlider senken sich automatisch: 'Mein Gott, was ist das nur für eine dumme Geschichte?'

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"Mr. Heger!", höre ich von weit her eine Stimme rufen. Augenblicklich bin ich hellwach und schaue in das lächelnde Gesicht vom Officer Sarang. Es duftet verführerisch nach gegrilltem Schweinebauch. In der Sitzecke sitzen die Jungen und Officer Pangutana bereits um eine riesige Schüssel gewürfeltes Fleisch. Auch Reis, Getränke, Kuchen und was sonst noch zu einer rustikalen Mahlzeit gehört, befinden sich ebenfalls auf dem flachen Tisch.

Nun herrscht gespannte Stille. Alle Augen sind auf mich gerichtet.

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