2.28. Eine edle Gabe

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(Fortsetzung Kapitel 2.23.)

'Was ist heute für ein Tag?', frage ich mich verwirrt: 'Samstag oder Sonntag? Und wie viel Uhr es wohl ist?' Die Armbanduhr beantwortet alle meine Fragen: Sonntag und es geht, stelle ich verwundert fest, gegen ein Uhr. Ich habe etwas geschlafen.

Beim Aufstehen verfehle ich wieder nur um Haaresbreite den Querbalken der Unterseite des Bettes über mir.

'Das hätte weh getan!', denke ich und erinnere die Begegnung mit dem Türquerbalken Freitag in der Nacht im Polizeibüro.

"Alles für Zwerge gebaut", schüttel ich den Kopf, lege mich wieder auf das ächzende Bett und puste in den Teppich aus Spinnweben über mir. Der weht in Wellen mit langer Amplitude nach. Von den Spinnen ist nichts zu sehen. Mein Rachen ist so dermaßen trocken! Vielleicht ist das die Folge der salzigen Piattos, die die fünf Jungen gebracht haben. Ich habe einen miesen Geschmack im Mund. Es ist der widerwärtige Gestank, der schwer in der schwül-feuchten Luft hängt, der das Atmen schwerfallen lässt und diesen ekelhaften Geschmack im Mund verursacht. Das Mineralwasser ist alle. Damit habe ich die Chips hinuntergespült. Einige flache Chips liegen noch an der Zellentür und leuchten dort auf dem rußschwarzen Boden wie Goldnuggets.

Draußen vor den Gitterstäben der Tür befinden sich plötzlich Kinderfüße, die ausgelatschte Flip-Flops tragen. Mein Blick wandert nach oben und ich blicke in große Augen staunender Kinder. Es sind vier schweigende Geschwister, die dort aufgereiht wie die Orgelpfeifen stehen. Der Jüngste ist um die sechs Jahre, der Älteste vielleicht zwölf, dazwischen zwei Mädchen.

Jetzt bemerke ich auch die Betriebsamkeit auf dem Vorplatz des Zellenhauses. Das müssen Besucher der Arrestierten sein. Angeregte Unterhaltungen, Gelächter, Teller und Essbesteck klappern und Flaschen werden lautstark in Kisten deponiert. Über die Köpfe der schweigenden Kinder geschaut, erkenne ich, dass draußen eine rege Betriebsamkeit herrscht. Die Kinder sind ärmlich gekleidet und spindeldürr. Die Blusen der Mädchen ausgewaschen und die zwei Brüder tragen gleiche Basketballtrikots, obwohl sie vom Alter her am weitesten auseinander liegen.

Mit der linken Hand winke ich ihnen zu und grüße mit einem "Hallo!"

Das zaubert Lächeln in die Kindsgesichter und sie grüßen in der gleichen Weise zurück. Die rundliche Mutter mit gestresstem aber nettem Gesicht taucht unvermittelt auf und scheucht ihre Kinder fort. Hinter ihr steht plötzlich ein älterer Herr, wahrscheinlich ist es der Vater der Mutter. Er staunt nicht weniger wie seine Tochter und die Enkel, als er mich erblickt. Sein Mund ist fast ohne Zähne.

"Hey, Joe", grüßt er mit eingefallener Mundhöhle und dürren Fingern.

Ich grüße mit dem gleichen "Hallo", mit dem ich auch die Kinder gegrüßt habe, zurück.

Die beiden wenden sich ab. Die Mutter ist nah dran, sich den Hals zu verrenken, da sie ihren Blick nicht von mir lassen kann. Sie verschwinden aus meinem Blickfeld. Es laufen ständig Menschen vor meiner Zellentür hin und her. Mir kommt die Toilette neben meiner Zelle in den Sinn: 'Natürlich, die waschen dort ihr Geschirr oder nutzen die Toilette. Daher auch die Geräusche.'

Die ältesten Geschwister stehen unvermittelt wieder vor der Gitterstabtür. Der Junge hält einen großen Becher Cola in die Zelle. Das Mädchen eine kleine Plastiktüte mit zwei Brötchen. Ihr Opa taucht auf und ermuntert mich, die Gaben anzunehmen.

"Kaon", sagt er. Daumen und Zeigefinger zur Pinzette geformt, führt er die Hand mehrfach zum Mund. Die Geste für Essen.

Der Anblick der Cola lässt meinen Rachen noch trockener werden. Der erste Schluck schmeckt köstlich. Das Eis raschelt im Becher. Auch die frischen gezuckerten Brötchen schmecken erstaunlich gut.

"Salamat kaayo! (Danke sehr!)", bedanke ich mich und gebe den Becher zurück. Die Reaktionen sind lächelnde und weiterhin staunende Gesichter.
'Eine Langnase in der Zelle, das ist wohl eine Sensation', komme ich zum Schluss, während ich mich wieder auf dem viel zu kurzen Bett langmache. 'Das war Rettung in letzter Sekunde', freue ich mich und lächel in mich hinein.

Unvermittelt verstummen die angeregten Gespräche und das Gelächter auf dem Vorplatz. Die Frauen und Männer grüßen respektvoll: "Maayong hapon, Sir. (Guten Tag, Sir)"

Der Schlüsselbund klimpert, das Schloss knackt, die Zellentür quietscht: "Mr. Heger, die Befragung der Jungen ist beendet! Die Kinder bekommen Hunger! Wollen Sie Essen kaufen lassen?", fragt Officer Sarang rhetorisch. Er steht quasi in der Zelle und zeigt ein jungenhaftes Lächeln.

"Ja, natürlich, Sir, ich habe auch Hunger. Mit dem Durst geht es. Ich könnte auch eine Toilette gebrauchen, Sir."

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