*20. Ihr Buch*

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Die Türen gehen mit einem nervigen Piep-Ton hinter mir zu. Ich sehe der U-Bahn hinterher, verharre in dem Moment. Diese kleine Menge Sekunden setzt mein Ziel noch ein wenig weiter zurück. Jede Faser meines Körpers weigert sich, ich reiße mich trotzdem zusammen und verlasse die Station.

Meine Hände sind feucht und mein Gesicht tief unter der Kapuze meines Pullovers verborgen. Während der kurzen Fahrt hat es zu regnen begonnen und der Boden ist geschmückt mit Pfützen.

Ein Gitarren-Solo dröhnt mir in den Ohren und mein Blick ist starr auf den Boden gerichtet. Als ich Kathrine gefragt habe, ob sie es nicht für mich erledigen könne, hat sie bloß den Kopf geschüttelt. Es sei etwas, dass ich alleine zu erledigen hätte. Cynthias Brief scheint zentnerschwer in meiner Tasche zu liegen und ich werde das Gefühl nicht los, dass er mich zu Boden zerrt.

Das Wetter glich einem der typischsten Herbsttage. Es regnet, windet und ich zittere unter meiner Jacke. Als würde die Natur mir zeigen wollen, dass sie weiß, wie es in meinem tiefsten Inneren aussieht.

Ich bin nur zwei Male hier gewesen, die Erinnerungen an diesen Abend reißen an mir herum, ziehen, zerren, versuchen mich auseinander zu bringen. Es ging mir noch nie schlechter.

Als ich das erste Mal hier war, versicherte mir Cynthia, dass ihre Eltern zu Hause seien. Ich hätte es doch nicht ahnen können oder?

Ich tauchte noch am selben Abend genau hier auf. Es war der Abend, an dem ich zu zerbrechen glaubte. Als ich das zweite Mal hier war, kam ich zu spät.

Ich sehe auf. Die Straßenlaternen versuchen kläglich gegen die Abenddämmerung anzukämpfen, in ihrem Licht kann ich den Nieselregen erkennen. Tausende von kleinen Wassertropfen. Mein Blick richtet sich wieder dem Boden entgegen und ich latsche durch die anbrechende Dunkelheit.

Vor einem halben Jahr hätte ich niemals gedacht, dass ein einziger Mensch, mein Leben so verändern konnte. Natürlich, irgendwann würde ich wohl heiraten und Jemanden kennen lernen, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.

Vor einem halben Jahr hätte ich allerdings auch niemals gedacht, dass ich diesen Jemand nur sechs Monate später gehen lassen musste.

Ein halbes Jahr ist eine jämmerlich kurze Zeit. Liebe braucht Zeit um sich zu entwickeln, braucht Zeit um zu wachsen und sich zu stärken. Trotzdem hat mir Cynthia bewiesen, dass es manchmal schneller ging, als man zu Beginn dachte. Sie hat mir gezeigt, wie schnell man sein Herz an jemand anderem verlieren kann.

Und sie zeigt mir auch, wie furchtbar die Schmerzen danach sind.

In der Einfahrt bleibe ich stehen und sehe zu den Fenstern im dritten Stock auf. Es brennt Licht, die Barrows sind zu Hause.

Cynthia hatte das Licht auch angelassen. Für einen Moment sehe ich die Blinklichter eines Krankenwagens in der Einfahrt, im nächsten Moment sind sie verschwunden.

Ich kneife die Augen zu und versuche mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Mein Finger drückt die Klingel herunter, mein Herz setzt aus.

»Wer ist da?« Die Stimme von Cynthias Mutter klingt heiser. Genauso wie auf der Beerdigung vor sieben Stunden. Meine Kehle ist ganz trocken und ich habe Angst davor, meinen Namen auszusprechen.

»Jay.« Nicht mehr als ein trockenes Hauchen. Ich befürchte schon, sie habe mich nicht verstanden, doch gleich darauf gibt die Eingangstür an der ich gelehnt habe nach und ich stolpere ins Treppenhaus. Ich ziehe mir die Kapuze vom Kopf und steige die Treppen hinaus. Stetig begleitet von meinem lauten Herzschlag.

Ich strich mir die Haare zurück, versuchte mich irgendwie in Ordnung zu bringen um nicht ganz so verloren zu wirken. In zwei Tagen würde der Prozess wegen Cynthia stattfinden.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!