Kapitel 09

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Das Haustelefon auf dem Tisch des leitenden Redakteurs klingelte. Seufzend nahm er die Beine vom Tisch, legte die Zigarre in den Aschenbecher und hob ab.

„Chef?“

„Ja?“

„Ich bin’s, Welzel.“

„Ich weiß. Dein Krähen würde ich selbst noch über das Schnurtelefon meiner dreijährigen Tochter erkennen. Schieß los und mach schnell, ich bin gerade sehr beschäftigt.“

„Ich bin da auf eine recht interessante Sache gestoßen. Vielleicht sollten Sie sich das mal anschauen.“

„Wegen einer von deinen verrückten Ideen mache ich keinen Schritt.“

„Müssen Sie auch gar nicht. Es handelt sich um eine Internetseite. Die Adresse ist www.staats-ag.com.“

Staats-AG? Habe ich mich da gerade verhört oder haben Sie Ihr letztes bisschen Grips versehentlich der letzten Müllabfuhr mitgegeben?“

„Keins von beiden, wage ich zu behaupten. Doch jetzt will ich Sie nicht länger stören. Ich dachte bloß, da ich weiß dass Sie um diese Zeit immer Ihre Mittagszigarre rauchen, rufe ich einmal an damit Sie sich bei einer entspannten Unterhaltung mit einem alten Freund von dieser ach so anstrengenden Arbeit erholen können. Auf Wiederhören.“

Herr Oppermann legte erstaunt die Abendausgabe des Kuriers beiseite und rief nach seiner Frau.

„Tilda, hast du das gelesen?“

„Was denn, Werner?“

„Das, was hier in der Zeitung steht. Das können die mir nicht weismachen, dass das keine Ente ist. Hier, auf Seite drei.“

Matilda Oppermann las eine Weile.

Dann blickte sie auf.

„Warum sagst du, das sei eine Ente? Ich halte es für eine ausgesprochen gute Idee! Ich habe doch schon immer gesagt, dieser Frau Hupperich im Nachbarhaus, die immer dann anfängt Geige zu spielen wenn ich meinen Mittagsschlaf halten will, hätte ich jedes Mal gern den Krieg erklärt! Werner, du fährst am besten gleich zu diesen beiden netten Herren und regelst alles nötige. Stell dir vor, ich könnte sogar Königin sein! Wäre das nicht schön!“

„Aber Tilda, Schatz...“

„WERNER....“

„Ja Schatz. Sofort Schatz.“

Herr Schmidt klickte auf den ’Herunterfahren’- Button und stand vom Computer auf. Ganze fünf Stunden hatte er dagesessen und beobachtet, wie der Kontostand der Firma Schmidt und Braun schneller emporschoss als eine ehrgeizige Bambusstaude. Doch seltsamerweise fühlte er sich nicht glücklich. Eher ängstlich. Er war bereits zu fünf Jahren verurteilt worden. Ihm war nicht bekannt, ob der Wahnsinn, den Braun da ausgeheckt hatte illegal war, aber irgendetwas sagte ihm, dass er dafür wohl noch mal gute 500 Jahre aufgebrummt bekommen würde.

Nicht zum ersten Mal seit er das Gefängnis betreten hatte wünschte er sich eine Flasche Whiskey. Da ihm jedoch keine zur Verfügung stand, schlenderte er zu Wolfgang Haake hinüber, der mit übergeschlagenen Beinen in einem der abgenutzten Ohrensessel saß und Zeitung las.

Haake blickte auf.

„Hallo Schmidt. Interessieren dich die Sportnachrichten? Wenn nicht, kann ich ruhig umblättern. Ich lese nur Zeitung um mich zu entspannen. Was ich lese ist eigentlich irrelevant.“

„Der einzige Sport, der mich interessiert, ist Wetttrinkern. Und auch das nur, wenn ich selbst teilnehme.“

Haake blätterte um auf Seite drei, während Schmidt gelangweilt über seine Schulter schaute. Beim Anblick der Schlagzeile nahm Schmidts Interesse jedoch schlagartig zu. Haake klappte die Kinnlade herunter.

SCHMIDT & BRAUN

Wer sind die beiden geheimnisvollen Männer, die es wagen die Ordnung der Welt herauszufordern?

Schmidt stöhnte und hielt sich die Hand vor die Augen. Von dem Sessel neben ihm ertönte ein leises Hüsteln.

„Nur so eine Frage... Schmidt, bist damit zufällige du gemeint?“

„Leider ja.“

„Oh.“

Eine Weile schwiegen beide. Dann begann Haake Auszüge aus dem Artikel vorzulesen.

„Aus dem Nichts ist eine geradezu revolutionäre Theorie im Internet aufgetaucht: Jede Person oder Interessensgruppe soll berechtigt sein, den Grund und Boden der ihm/ ihr gehört zu einem unabhängigen Staat ausrufen zu können...

...existiert bisher keine offizielle Stellungnahme von den etablierten Regierungen, obwohl ein angehöriger des Umweltministeriums (26) sagte, er hielte die Sache für ’gar keine so schlechte Idee’. Einer seiner Vorgesetzten teilte uns mit, wir müssten den Namen des eben genannten Beamten gar nicht wissen, weil er sowieso bald in den Ruhestand gehen würde...

...findet die Idee unter der Bevölkerung viele Anhänger. Von den 2000 Teilnehmern einer ersten Umfrage haben bereits 30% ihren ’eigenen Staat gegründet’, wie Sie unseren Reportern nicht ohne Stolz mitteilten. Einige deuteten an, in naher Zukunft ihre Steuerzahlungen einstellen zu wollen. 57% denken über solche Schritte nach. Nur 13% halten die neue Staatstheorie entweder für nicht durchführbar oder illegal.“

"Fünfzig Prozent..." murmelte Schmidt.

"Nein, dreizehn", korrigierte Hake.

"Ich meine nicht 50 Prozent der Leute einer Umfrage. Ich meine eine Flasche mit fünfzig Prozent! Woher kriege ich eine Flasche Whiskey? Ich brauche Whiskey! Ein Königreich für eine Flasche Whiskey!!"

Haake blätterte in dem Artikel, bis er eine Zahl gefunden hatte.

"Gratis? Normalerweise, steht hier, verlangt ihr für so was 29,99 €."

"Ach halt die Klappe!"

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