●9 - Fen zeigt sich als Wikinger MacGyver

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Fen hatte angefangen, auf Norwegisch zu singen. Ich hatte keine Ahnung, worum es ging, aber es war eine ruhige Melodie und sie entspannte mich sowie anscheinend auch Fen. Er konnte wirklich gut singen.
Der Blauäugige lief vor mir her, wie auch zu Beginn, doch er ging nicht mehr ganz so schnell.
Ich konnte gut Schritt halten und übersah auch keine Wurzel, um anschließend über diese zu fallen.

Wir liefen weiter ins Landesinnere, weg vom Meer, tiefer in den Wald.
Es war ein Fichtenwald und die Stämme reichten hoch über unsere Köpfe.
Ich war noch nie gerne wandern gewesen, meine Tante hatte mal versucht, mich auf einen Wanderausflug mitzunehmen, aber auf halbem Weg den Berg herauf bekam ich Lungenprobleme und Höhenangst.
Jetzt hatte ich nicht wirklich eine Wahl und so war ich einfach dankbar, dass sich meine Lunge nicht in den imaginären Abgrund warf.

Wir kamen zu einer Lichtung in der Nähe eines Flusses. Auf ihr stand eine große Hütte, eine Weide mit Hühnern und Schweinen, Gemüse- und Kräutergärten.

»Lebt hier die Seherin?«, fragte ich leise.
Fen lief weiter auf das Haus zu:
»Nein, sieht eher aus wie ein Bauernhaushalt.«

Ein großer Hund kam auf uns zugerannt. Ich schreckte zusammen und wollte wegrennen, da fiel mir wieder ein, dass das so ziemlich das Dümmste war, was man in einer solchen Situation tun konnte...
Also blieb ich wie angewurzelt stehen und starrte auf den braunen Hund, der an meinem Bein schnupperte. 

»Tyke! Komm sofort wieder hierher, du räudiger Köter!", rief eine markante Männerstimme, dessen Besitzer auch gleich aus dem Haus gestapft kam. Als er Fen und mich aber sah, blieb er abrupt stehen.
Der Hund hatte mittlerweile so nachdrücklich meine Hand angestupst, dass ich anfing, ihm den Kopf zu streicheln; Tyke wedelte glücklich mit dem Schwanz.

Der Mann zog einen Dolch aus einer Halterung an seinem Gürtel. Ich keuchte auf und wich ein paar Schritte zurück, Fen ebenso.

»Er wird uns doch nicht angreifen?! Wir haben nichts gemacht!« Der Hund, den ich gestreichelt hatte, bemerkte sein Herrchen jetzt und lief zu ihm zurück.

Der tobende Mann fixierte Fen und mich.

»Wir sind auf seinem Grundstück, das ist sein Land, hier kann er tun und lassen, was er will«, meinte Fen und kam auf mich zu.

»Runter von meinem Boden, ihr Mistgören!«, brüllte der Mann mit erhobenem Dolch. »Sonst scheuche ich euch persönlich nach Hel!«

»Cassi, das ist ein Moment – den merkst du dir bitte –, in dem man in purer Panik einfach davonrennt.« Und schon war Fen an mir vorbeigehetzt, am Haus und an den Weiden lang, und ich hechtete hinterher, wieder in den Wald.
Der Hund kläffte und der Mann schrie uns diverse Verwünschungen hinterher.

Fen war schnell, aber ich war es auch.
Nach ein paar Minuten des puren Sprintens verlangsamten sich unsere Schritte.
Dann meldete sich ein anderes Problem... Und zwar mein Magen.

Wie aufs Stichwort sagte Fen: »Ich hab Hunger.«

Die Sonne stand hoch am Himmel, soweit man das durch das dichte Blätterdach beurteilen konnte. Mittag.
Wir liefen zum Fluss, den wir vorhin beim Bauernhaus gesehen hatten, nur etwas weiter flussaufwärts.

Fen hatte einen langen, dünnen Stock in einer Hand und einen abgebrochenen Stein in der anderen, mit dem er den Stock an einem Ende etwas anspitzte. Er improvisierte sich einen Speer.
Als er fertig war, watete er in den Fluss und rief: »Cassi, kannst du trockenes Holz und Zunder für ein Feuer suchen?«

»Ja«, rief ich zurück und marschierte los. Es war Sommer und ziemlich warm, was das Suchen von trockenem Holz und Gras nicht wirklich schwer machte.

Als ich mich auf den Weg zurück machen wollte, stolperte ich über einen Strauch.
An ihm hingen rote Beeren. Himbeeren, bemerkte ich glücklich.

Ich lief zurück zu Fen.
Dieser stand immernoch im Fluss, den Speer in beiden Händen und konzentriert ins Wasser starrend. Dann schnellte der Speer nach unten, Fen zog ihn wieder hoch und aufgespießt daran war eine Forelle.
Erleichtert atmete Fen aus.
»Endlich«, seufzte er.

Ich legte das Holz auf den Boden.
»Wo hast du sowas gelernt?«, sagte ich neugierig, nahm ihm den Fisch ab und legte ihn auf einen flachen Stein.

»Nirgends. Ich hatte kurz auch etwas Angst, wir würden verhungern«, lachte er nervös. Ich schmunzelte.
»Ich glaub, ich versuche, noch einen zu fangen«, meinte er dann und stellte sich wieder tiefer ins Wasser.

»Mach das, ich hab etwas weiter hinten einen Himbeerstrauch gesehen. Ich glaub, ich hole ein paar.«

Fen nickte, konzentrierte sich dann aber wieder auf das Fischen. 

Ich sammelte so viele Himbeeren, wie ich in meiner improvisierten Pullover-Schale transportieren konnte und machte mich anschließend auf den Rückweg.
Da sah ich einen Lederbeutel auf dem Waldboden liegen. Ich zog die Augenbrauen zusammen.
Hat den hier jemand verloren?

Ich hob ihn vom Boden auf, bedacht darauf, keine Beere zu verlieren.
Der Beutel war leer und sah auch ziemlich sauber aus, also nahm ich ihn mit.

Zurück beim Fluss hatte Fen es geschafft, noch einen weiteren Fisch zu fangen. Er pulte gerade die Eingeweide aus einem der Fische. Kein schöner Anblick... Ich erspare euch eine genauere Beschreibung.

Ich kniete mich ans Ufer und wusch den Beutel mit Wasser aus. Zur Sicherheit.
Dann füllte ich die Himbeeren in den Beutel.

»Wo hast den denn her?«, fragte Fen, als er anfing, den anderen Fisch auseinanderzunehmen.
»Gefunden«, sagte ich.
Fen schaute mich fragend an, zuckte dann aber mit den Schultern.

Das Feuer war ziemlich schnell gemacht, die beiden Forellen hatte Fen auf zwei Stöcke aufgespießt und er hielt mir einen hin.
Ab und zu aß ich ein Himbeere, genau wie Fen.

Der Fisch war fertig, als die Sonne grade begann unterzugehen.
Ich war zwar nie ein großer Fischesser gewesen, aber die Forelle schmeckte, für die wenigen Mittel, die wir hatten, echt gut.

Als es wirklich dunkel wurde, lehnten Fen und ich uns gegen einen großen Baumstamm.

Diese Nacht war ungemütlicher als die davor und die vielen Geräusche des Waldes ließen mich immer wieder aufwachen.
Als ich grade wieder eine Wach-Phase hatte, glaube ich zumindest, hörte ich eine Stimme durch den Wald flüstern.
»Abwärts.« Mehr nicht...

Nur dieses eine Wort. Immer wieder.

»Abwärts

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now