2.23. Alles wird gut!

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Obwohl ich im Halbschlaf bin, registriere ich Geräusche an der Zellentür und vermute, es wird bestenfalls die Katze, schlimmstenfalls aber die Ratte oder es werden Mäuse sein. Vielleicht ist es der dicke Frosch, der in der Nacht durch die Zelle gehüpft ist oder die Kakerlaken, die ständig an der Tür turnen. Es raschelt abermals und nun ist auch ein Scharren zu hören. Die Zellentür scheppert leise. Da sind das Flüstern von Kinderstimmen.

Die hellen Stimmen werden lauter: "Tommy", haucht es zur Zelle hinein und dann die Posaune! Die tiefe und laute Männerstimme: "Mr. Heger, Sie haben Besuch."

Sofort springe ich auf und kollidiere nur um Haaresbreite mit der Unterkante des Bettes über mir. Es ist düster in der Zelle, denn die Besucher vor der Tür nehmen fast das gesamte Licht.

"Kinder!", schreie ich auf.

Die fünf Jungen stehen dicht gedrängt an der Gitterstabtür. Jeder hat beide Hände auf Ohrhöhe, um die senkrechten rostigen Stäbe gekrallt. Dazwischen pressen sie neugierig ihre Kindsgesichter. Officer Sarang steht hinter den Kindern, grinst breit und spielt den Unbeteiligten. Die Jungen schauen mit großen Augen in die Zelle, sie haben verheulte Gesichter und gerötete Augen.

"Wie seht Ihr denn aus?", frage ich erschrocken: "Habt Ihr geweint?"

Ausgerechnet Dan, der Kleinste und der mit dem verheultesten Gesicht, antwortet verlegen: "Nur ein bisschen, Tommy, wir haben nur ein bisschen geweint." Er grinst unsicher und blickt dabei tieftraurig.

Jan legt brüderlich seine Hand auf Dans rechte Schulter: "Wir hatten Streit mit dem BSWD."

"Diese Hexe, ähm, Ma'am", Aboy schaut scheu zu Officer Sarang (der schaut schnell verlegen in den Himmel), "will uns nicht unsere Cellphones geben. Tommy, weißt Du, wie Du aussiehst?" Aboy beantwortet seine Frage schnell selber und lacht: "Du siehst aus wie ein Zombie."

"Ihr bekommt die Cellphones schon zurück, macht Euch keine Sorgen darüber. Ich sehe aus wie ein Zombie? So fühle ich mich auch. Ihr schaut aber auch nicht gerade besser aus, Jungs."

Ich verziehe das Gesicht zu einer Grimasse, hebe die Schultern, sodass die schief stehen und trampel wie ein Untoter auf der Stelle. Dazu grunze ich. Die Jungen lachen und Officer Sarang grinst von einem Ohr zum anderen.

"Tommy!", ruft Phil und schüttelt eine Tüte Piattos-Kartoffelchips, "Frühstück, Tommy!"

Sam und Jan wedeln mit kleinen Flaschen Mineralwasser.

Aboy fragt besorgt: "Tommy, Du hast doch bestimmt Hunger? Du hattest doch kein Frühstück, oder?"

Officer Sarang und ich, wir werfen uns verstohlene Blicke zu. Pandesalbrötchen mit Kaffee am frühen Morgen, das verschweigen wir. Die Jungen reichen mit zufriedenen Gesichtern die Dinge in die Zelle. Mit den Zähnen und gespieltem Heißhunger reiße ich einem Zombie gleich die Chipstüte auf. Es fallen einige hellgelbe flache Chips auf den rußschwarzen Zellenboden und leuchten dort wie Goldstücke im Schmutz. Eine Handvoll stopfe ich mir brummend in den Mund. Die Kinder lachen. Dann spüle ich den Klumpen klebrige Masse, mit einer Flasche Mineralwasser hinunter: "Oh, das tut gut!" Ich gebe die Chipstüte an die fünf Kinder zurück. Jeder bedient sich, auch der Officer kann nicht widerstehen.

Sam spricht mit vollem Mund: "Tommy, unsere Eltern kommen und holen uns ab."

"Ja, das hoffe ich, dass Ihr schnell nach Hause dürft.", antworte ich zuversichtlich.

Officer Sarang wird unruhig und schaut verlegen auf seine Uhr: "Sorry, Kinder, aber Ma'am Papillio hat nur fünf Minuten erlaubt. Sorry, aber wir sollten nun zurück, sonst wird Ma'am noch sauer."

Die Kinder schauen traurig.

Phil sagt schnell: "Alles wird gut, Tommy!"

Aboy wiederholt: "Alles wird gut, Tommy!"

Sam sagt noch einmal: "Unsere Eltern kommen, Tommy, keine Sorge, mein Vater hilft uns!"

Langsam drehen sich die Jungen zum Gehen um. Sam ballt schnell die Hand. Ich tue es ihm gleich und alle machen mit der rechten Hand eine Faust. Von rechts nach links berühre ich alle Fäuste. Officer Sarang eilt ungeduldig voraus und hüpft wie ein Zwölfjähriger über die offenen Abwasserkanäle. Traurig blicke ich den Kindern nach und wundere mich nicht, dass die Zwölfjährigen nicht wie Officer Sarang, fröhlich über die Kanäle hüpfen.

Jan dreht sich noch einmal um. Mit großen traurigen Augen raunt er: "Alles wird gut" und winkt dabei leicht mit der rechten Hand. Dan, der sich immer im Schutzkreis seines älteren Bruders Jan befindet, wiederholt Jans Geste und winkt auch.

Officer Sarang ist schon an der Gebäudeecke. Die Kinder müssen sich nun beeilen.

Alle Jungen rufen: "Alles wird gut, Tommy! Alles wird gut!"

"Wie ein Echo im Gebirge", sage ich leise und lege mich wieder auf die Pappe, und wische die klebrige Hand am Shirt ab. 'Ist jetzt auch egal', resigniere ich und spüle den Rest der Chipsmasse im Mund mit der zweiten Flasche Wasser hinunter.

Es erscheint merkwürdig, aber Hoffnung keimt auf. Ich flüstere: "Die Jungs dürfen mich besuchen. Das ist wohl als gutes Zeichen zu werten. Alles wird gut!" Ich möchte das in die Welt hinaus brüllen, es bleibt bei einem Flüstern.

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