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Eine Woche später

Chloe und ich sitzen nebeneinander auf einer kleinen Mauer, die am Strand entlang verläuft, gut sechs Kilometer vom Hotel entfernt. Unser Spaziergang ist ein wenig eskaliert. Zu schön ist der Strand, ist das Meer, sind die Palmen, ist die gemeinsame Zeit. Es ist bereits abends und die Sonne steht kurz davor, hinter dem Horizont zu verschwinden.

"Am Liebsten würde ich nie wieder weg von hier", verkünde ich leise.

Chloe schweigt. Ich blicke zur Seite, um sie anzusehen. Mit geschlossenen Augen reckt sie ihr Gesicht den letzten Sonnenstrahlen entgegen. Sie sieht vollkommen entspannt aus, so, als hätte sie mich gar nicht gehört.

"Wir könnten eine Bank ausrauben und ein Haus am Strand kaufen", spinne ich weiter. "Arbeiten müssen wir nicht mehr, weil wir durch unseren Banküberfall reich geworden sind. Wir könnten einfach jeden Tag von morgens bis abends am Strand liegen und von abends bis morgens Sex haben bis an unser Lebensende."

"Lass uns einfach für immer hierbleiben", sagt Chloe unvermittelt.

Ihre Stimme klingt ernst und kein bisschen scherzhaft. Irritiert schaue ich sie wieder an. Noch immer sind ihre Augen geschlossen. "Was?", hake ich unsicher nach. "Du machst Witze."

"Ganz und gar nicht." Sie dreht sich zu mir und sucht meinen Blick. "Was spricht dagegen? Auch auf dieser Insel gibt es Schulen, an denen du unterrichten kannst, und eine Uni für mich. Wohnungen sind nicht wirklich teuer und zu unserer Hochzeit können wir unsere Familien und Freunde einfach einfliegen lassen. So weit von Deutschland ist es nicht."

"Halt jetzt mal!", unterbreche ich sie. "Wovon sprichst du?"

Ihr Blick wird sanft. Jetzt erst fällt mir auf, wie sie permanent mit ihren Zähnen ihre Unterlippe bearbeitet. Sie ist ganz und gar nicht so entspannt, wie sie getan hat. Ihre Hand ertastet meine und drückt sie zärtlich. "Was wird das?", frage ich verunsichert.

"Maria", beginnt sie. "Ich habe keine Ahnung, was ich hier tue." Ein aufgedrehtes Lachen entschlüpft meinen Lippen.

"Guck dich doch mal um. Wir sitzen hier auf irgendeiner Insel kurz vor Afrika am Strand und schauen uns den Sonnenungergang an. Wie zur Hölle haben wir es bis hierhin geschafft?"

Ich zucke die Schultern. Ehrlich gesagt, kann ich es selbst kaum glauben. Wie sind wir von der heimlichen, verbotenenen Beziehung durch Erpressung, eine zweijährige Trennung, Fremdgehen und beinahe die Gründung einer Familie bis hierhin gelangt?

Chloe schweigt kurz. "Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ich dich liebe. Ich habe damit vor Ewigkeiten angefangen und seitdem niemals damit aufgehört. Bis heute verpasst du mir mit jedem Blick, mit jeder Berührung einen Schock, genau wie damals in der Schule." Gedankenverloren streicht sie mir eine meiner roten Locken hinters Ohr. Ihre grauen Augen leuchten mich im Licht der untergehenden Sonne an wie glühendes Silber. "Sieh dich nur an." Sie lächelt. "Ich könnte in keinen Menschen mehr verliebt sein als in dich. Ich will, dass unsere Geschichte immer weitergeht und nie, nie aufhört."

"Chloe, ich...", will ich etwas erwidern, doch sie unterbricht mich: "Shh, sag jetzt nichts." Gehorsam klappe ich meinen Mund wieder zu. Mit einem Lächeln fährt sie fort.

"Ich bin, wie du weißt, kein großer Fan davon, sich in eine Kirche zu stellen und einen Schwur zu leisten vor einem Gott, den es möglicherweise gar nicht gibt. Für mich sind das nur leere Worte, wie eine zwanghafte Handlung, die aus der Liebe eine Pflicht macht."

Und ich dachte, sie will mir einen Heiratsantrag machen.

"Wir brauchen keine Geschworenen dazu, einander zu versprechen, für immer beieinander zu bleiben. Aber das heißt nicht, dass ich es dir nicht trotzdem in aller Öffentlichkeit und vollends offiziell versprechen will. Und sofern du es auch möchtest..."

Sie steht auf und zieht mich an meiner Hand ebenfalls in den Stand. Erst jetzt merke ich, dass meine Knie wackeln und sich in meinen Augen Tränen angesammelt haben. Sie macht mir einen Heiratsantrag!

"... dass ich will, dass du es mir ebenso versprichst."

Ohne mich aus den Augen zu lassen, sinkt Chloe in dem weichen Sandstrand auf ein Knie und greift in die hintere Tasche ihres Jeanskleids. Als sie die kleine Schatulle aufklappt und mir in beiden Händen entgegenstreckt, kann ich mein Schluchzen nicht länger zurückhalten und schlage beide Hände vor meinen Mund, um zu verdecken, wie fertig sie mich in diesem Augenblick gerade macht. Ihre vom Sonnenuntergang angestrahlte Gestalt verschwimmt vor meinen Augen, ihr gebräuntes Gesicht, das von ihren dunklen Haaren eingerahmt wird, ihre funkelnden hellgrauen Augen unter den dichten Brauen, ihre schlanke Figur in dem Jeanskleid, wie sie vor mir kniet und mir das größte aller Geschenke macht. Alles, was mich in diesem Moment erreicht, sind die Worte, die sie mit leicht heiserer Stimme ausspricht.

"Maria Ruben", setzt sie zärtlich an. "Willst du mir dieses Versprechen geben und meine Frau werden?"

Ich habe mir diesen Moment schon als Kind so oft vorgestellt, mir ausgemalt, was ich sagen würde, sollte mir jemand jemals diese Frage stellen. Ich denke, das hat jedes Mädchen getan. In diesem Moment denke ich jedoch nicht einmal darüber nach, was ich sagen soll.

"Natürlich!", schluchze ich.

Ihre Augen strahlen auf. Mit einem glücklichen Lächeln nimmt sie meine linke Hand in ihre und schiebt langsam den Ring auf meinen zweitkleinsten Finger. Er passt wie angegossen, natürlich. Beide starren wir darauf, das zierliche Silber, in das ein wunderschönes Rankenmuster graviert ist, und den kleinen, funkelnden Stein in der Mitte. "Komm endlich her", flüstere ich erstickt und ziehe sie zu mir nach oben, um sie zu küssen. Es ist ein langer, regloser Kuss, der all das besiegelt, was in den letzten paar Minuten gesagt wurde. Dann nimmt sie mich in ihre Arme und hält mich fest an sich. Ich spüre, wie sie ihr Kinn auf meinem Scheitel platziert und tief einatmet. Zärtlich lege ich einen Kuss auf ihr Schlüsselbein. Im nächsten Moment erspähe ich über ihre Schulter hinweg die Picknickdecke, die Kerzen und den Champagner, fein säuberlich angerichtet hinter der Mauer, sodass ich es vorher nicht gesehen habe.

"Du Miststück hast das alles geplant!", rufe ich und löse mich von ihr. "Na klar", erwidert sie und küsst meine Nasenspitze. "Was glaubst du, wieso wir fast sieben Kilometer vom Hotel gelaufen sind?" Entgeistert starre ich sie an und stelle fest, dass ich mich mit jeder Sekunde mehr in sie verliebe, falls das überhaupt möglich ist. Sie grinst. "Champagner?"

Als wir anstoßen, ist dir Sonne bereits vollständig untergegangen. Zurück bleibt nur ein dunkelroter Himmel, der hier und da von tiefschwarzen Streifen durchzogen wird. "Chloe...", setze ich an, noch immer überwältigt, weiß selbst nicht einmal, was ich eigentlich sagen will, sodass ich, als sie mich fragend ansieht, nicht mehr herausbringe als: "Ich liebe dich."

"Für immer?", fragt sie leise. Grinsend hebe ich meine Hand, um meinen Verlobungsring anzusehen. Der kleine Diamant spiegelt die Feuerfarben des Himmels wieder. "Für immer", erwidere ich.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt