K a p i t e l 4 4

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Am nächsten Morgen werde ich von Chloes gescheitertem Versuch geweckt, den Rand unserer Wolldecke so vorsichtig wie möglich unter meinem Körper festzustopfen. "Was tust du?", murmle ich leise, als ich zu ihr aufblicke. "Ist dir nicht kalt?", fragt sie mich. Scheinbar haben wir die Decke über Nacht von uns geschoben, denn Ja, mir ist kalt. "Jetzt nicht mehr", flüstere ich jedoch liebevoll und ziehe Chloe zurück zu mir in die Kissen. Lachend plumpst sie neben mich und verstummt, als ich sie zärtlich küsse.

Die heiße Dusche an diesem Morgen tut mir gut, ich taue langsam auf, während ich die Reste des Meeres von meiner Haut abwasche und aus meinen Haaren spüle. Nachdem wir uns fertig gemacht und angezogen haben, gehen wir zum Frühstück nach unten. Ich habe mich heute ganz bewusst für eine figurbetonte Stoffhose mit schwarzen und weißen Längsstreifen und ein eng anliegendes Spitzentop entschieden. Seit Chloe mich gestern zum ersten Mal seit Emilias Tod beinahe komplett unbekleidet gesehen und mir dennoch mit jeder Faser ihres Körpers gezeigt hat, wie sehr sie mich trotz der Spuren, die mein Verlust hinterlassen hat, liebt und begehrt, fühle ich mich augenblicklich wohler. Jemandem fällt dies auch auf.

"Sie tragen heute eine ganz andere Ausstrahlung, Maria", begrüßt Pablo mich, als ich am Frühstücksbuffet stehe und Omelett bei ihm bestelle. "Das ist beinahe ausschließlich Ihr Verdienst", versichere ich und nehme meinen Teller entgegen. "Nochmals vielen Dank für das Gespräch gestern." Ich gehe weiter und nehme mir etwas Obst. "Und es tut mir wirklich, wirklich leid, was Sie durchmachen mussten." Er nickt leicht. "Schon gut. Ich bin froh, dass Ihre Frau offenbar nun nicht dasselbe durchmachen muss." Irritiert blicke ich ihn an. "Sie ist nicht meine Frau." "Aber sie liebt Sie so, als wären Sie es", erwidert er sanft. "Und ich glaube nicht, dass sie jemals damit aufhören wird." "Dazu wird es keinen Grund geben", bestätige ich und lächle.

Schließlich sitze ich Chloe gegenüber an einem Zweiertisch und genieße mein Frühstück. "Was wollen wir heute machen?", fragt sie mich. Gerade will ich antworten, als auf eimmal mein Handy in meiner Hosentasche klingelt. Entschuldigend gestikuliere ich kurz in ihre Richtung und werfe dann einen Blick auf das Display. Meine Augen weiten sich.

Es ist Finn.

"Was zur...?", murmle ich. "Was ist los? Wer ist das?", will Chloe sofort wissen, doch ich nehme das Gespräch bereits entgegen.

"Hallo...?", melde ich mich zögernd.

"Maria!" Seine Stimme klingt so laut und wütend wie ich sie selten zuvor gehört habe. Vielleicht liegt das nur an der Leitung, aber ich bin mir da nicht so sicher. "Finn?", erwidere ich.

"Du hattest also eine Fehlgeburt?" Es ist wie ein Tritt in den Magen, das Wort zu hören. "Und wann genau hattest du vor, mir davon zu erzählen?"

Ich bin sprachlos. "Wie bitte? Du..." Er lässt mich nicht zu Wort kommen. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich ein Kind haben werde und jetzt erfahre ich, dass es bereits vor Wochen zugrunde gegangen ist?" "Hör auf...", wispere ich. In meinen Augen sammeln sich Tränen. Mal wieder. "Mein Geld hättest du natürlich trotzdem gerne genommen, was?" "Hör auf", wiederhole ich. "So war das nicht."

"Wie dann?!", schreit Finn. Ich zucke zusammen, will antworten, doch ich kann nicht. Es fühlt sich an, als hätte jemand meine Kehle zugeschnürt. "Ich kann nicht glauben, dass ich dich mal geliebt habe, Maria", höre ich seine enttäuschte Stimme an meinem Ohr. Im nächsten Augenblick hat er aufgelegt.

Stumm lasse ich mein Handy sinken und starre auf das Display, ohne wirklich etwas zu sehen. Mein Herz rast und ich muss mich sehr zusammenreißen, um die Tränen zurück zu halten. Was ist nur mit diesem Mann passiert? Wo ist seine zärtliche, rücksichtsvolle Persönlichkeit hin? Wieso spricht er so mit mir und verletzt mich dermaßen?

"Maria, was ist los? Was hat er gesagt?", höre ich Chloes besorgte Stimme wie durch eine Wand aus Watte. Ich schaue auf und sehe sie an.

"Er hasst mich." Meine Stimme klingt rau und belegt. "Er denkt, ich hätte ihm nichts von Emilia erzählt, weil ich trotzdem sein Geld beanspruchen wollte. Aber so war das doch gar nicht."

"War es auch nicht!", erwidert Chloe heftig. "Was fällt ihm ein?! Kann der Mann kein Verständnis zeigen?" Ihre Aufgebrachtheit ist offensichtlich, als sie ihre Serviette zusammenknüllt, neben ihren Teller wirft und aufsteht. "Komm mit", sagt sie entschieden und macht Anstalten, zu gehen. "Was hast du vor?", will ich wissen, doch sie antwortet nicht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.

In unserem Zimmer kramt sie in ihrer Handtasche nach ihrem Handy, tippt darauf herum und reicht es dann mir. "Seine Nummer?" "Was?" Ich komme nicht mit.

"Gib mir bitte seine Nummer." Zögernd tippe ich sie ein und sehe ihr dabei zu, wie sie sich das Handy zwischen Schulter und Ohr klemmt und ihre Arme wütend vor der Brust verschränkt, als könnte Finn sie sehen.

"Finn?", bellt sie in den Hörer. "Ja, ist mir schon klar, dass du es bist. Ich habe dich schließlich angerufen." Kurze Pause. "Hier ist Chloe. Marias Freundin."

Die nächste Pause ist deutlich länger. Vermutlich wirft Finn ihr gerade allerlei unschöne Dinge an den Kopf. Das entnehme ich zumindest Chloes erniedrigendem Lächeln. "Bist du fertig?", unterbricht sie ihn irgendwann. "Ich würde dich gerne etwas fragen.

Hast du schonmal ein Kind verloren? Und damit meine ich nicht Marias Kind, denn dieses wolltest du nicht einmal, wenn ich dich daran erinnern darf." Während er antwortet, nimmt Chloe das Handy in die Hand und fängt an, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. "Sie hat gelitten, du Elch!", ruft sie schließlich in den Hörer. "Maria ging es so schlecht wie nie zuvor. Sie hat keinen Sinn mehr in ihrem Leben gesehen, weil ihre Tochter gestorben ist. Genau das ist der Grund, warum sie dich nicht informiert hat. Sie scheißt auf dein Geld, das tun wir beide. Sie war einfach nicht in der Lage dazu, zum Telefon zu greifen und dir von dem Verlust ihres Babys zu erzählen, das du von Anfang an nicht einmal gewollt hast."

Eine weitere Pause folgt. Chloes Augen verengen sich zu Schlitzen. "Ruf sie einfach nie wieder an", zischt sie in den Hörer. "Schon gar nicht, wenn du nichts Besseres vorzubringen hast als Vorwürfe und Gemeinheiten."

Auf einmal lächelt sie. "Schön!" Sie bedeckt ihr Telefon mit einer Hand und blickt zu mir. "Er lässt eine Entschuldigung ausrichten", informiert sie mich gedämpft. "D-Danke", stammle ich überwältigt. Schließlich verabschiedet Chloe sich und legt auf.

Mit Tränen in den Augen gehe ich auf sie zu und lege meine Arme um ihren Hals. "Was würde ich nur ohne dich machen?" Sie küsst mich sanft, ohne zu antworten. "Gehen wir wieder ins Bett?", fragt sie dann. Ich kichere und stimme zu. Mittlerweile wurde das Bett neu bezogen. Wir kriechen in die warmen, duftenden Laken und kuscheln uns eng aneinander.

In dem Moment fühlt es sich so an, als wäre endlich alles am richtigen Ort. Nicht perfekt, eher grausam, aber so, wie es sein soll.

Ich schließe meine Augen und fühle die gewisse Ruhe und Entspannung durch meinen Körper strömen, die Chloes Nähe immer in mir auslöst.

"Ich weiß, was ich ohne dich machen würde, Chloe", murmle ich gegen ihre Haut und grinse. "Was denn?", möchte sie wissen.

"Viel, viel weniger schlafen."

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt