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Pen Your Pride

Kapitel 11

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Ich erschrak und wich zurück. In der geöffneten Tür stand niemand anderes als James. Einen Moment lang starrten wir uns an, doch dann brach er das Schweigen, indem er sagte: "O mein Gott du bist ja ganz nass, wie lange stehst du denn schon da? Komm schnell rein, sonst wirst du noch krank." Irgendwie klang er wie eine besorgte Mutter. Auch auf seinem Gesicht zeichnete sich Sorge ab. Er zog mich in eine Wohnung und verfrachtete mich zuerst mal auf ein Sofa, wo er mich in 3 Wolldecken einpackte und dann in die Küche eilte, wo ich wenig später einen Teekocher rauschen hörte. Typisch England; immer am Teetrinken. Als er mit 2 Teetassen in der Hand zurück kam, musste ich unwillkürlich grinsen. Irgendwie war seine Sorge um mich schon irgendwie süß... 

James reichte mir eine Teetasse und ich verbrannte mir erstmal die Zunge. Wir mussten beide lachen. "Wohnst du hier eigentlich alleine?", erkundigte ich mich. "Nein", antwortete er, "Meine Mum arbeitet heute lange und Dad ist auf einer Fortbildung."

Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa und tranken unseren Tee. Keiner sagte etwas, doch es war ein angenehmes Schweigen. Wie damals, an meinem ersten Schultag hier in London, vermittelte er mir irgendwie das Gefühl von Geborgenheit. 

Irgendwann drehte er sich zu mir. Da wurde mir bewusst, dass wir viel zu nah nebeneinander saßen. Unsere Arme, Beine und Schultern berührten sich und sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von meinem entfernt.

"Darf ich dich mal was fragen?", flüsterte er. Warum sprach er so leise?

"Bien sûr, äh... natürlich." Warum war ich so verwirrt?

Er grinste. Doch dann wurde er wieder ernst: "Warum bist du hier?"

"Das ist eine sehr lange und komplizierte Geschichte."

"Ich habe alle Zeit der Welt. Du kannst mir vertrauen." Doch konnte ich das wirklich? Denn aus irgendeinem Grund hielt mich mein Gefühl davon ab, ihm alles zu erzählen. Also entschied ich mich für die Kurzfassung.

"Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten bei diesem Albtraum von Familie. Mein Dad ist mit meiner Tante durchgebrannt und alles brach auseinander. Und dann wurde mein Herz gebrochen und meine beste Freundin hat mich verraten. Ich hielt es nicht mehr aus und bin zu meiner Cousine gezogen. Sie ist die einzige, die mich versteht. Meinem Bruder ist das alles ziemlich egal und meine Mutter ist eh den ganzen Tag zu." In dem Moment als ich das alles aussprach, wurde ich von einer Welle von Selbstmitleid erfasst. Mein Leben war echt scheiße. Aber ich würde hier jetzt ganz bestimmt nicht in Tränen ausbrechen.

James sah mich an, als würde er noch auf etwas warten, doch dann sagte er: "Corinne, das alles tut mir echt leid, aber ich würde dein Herz niemals brechen. Denn seid ich dich das erste Mal gesehen habe, kann ich nicht aufhören, an dich zu denken. Ich liebe dich." Und dann beugte er sich einfach zu mir herunter und küsste mich. Das war nun wirklich das letzte, womit ich gerechnet hätte. Einen Moment lang war ich wie erstarrt, doch dann zuckte ich zurück, als hätte ich mich verbrannt. In seinem Blick meinte ich, Verwirrung zu erkennen. Und Schmerz. "Ich ähh... muss jetzt wirklich los. Danke für den Tee", murmelte ich hastig und stolperte dann zur Tür hinaus. Seine Antwort hörte ich nicht mehr.

Na toll. Das hatte ich ja klasse hingekriegt. Aber ich konnte nicht. Was war aus meinem Vorsatz geworden, niemanden an mich dranzulassen? Und ich hatte bei dem Kuss nichts gefühlt. Keine Schmetterlinge. Kein Herzklopfen. Ich war vermutlich einfach noch nicht über Xavier hinweg. Aber würde ich das je sein? James tat mir trotzdem leid. Hoffentlich hatte ihm das nicht zu viel bedeutet. Ich liebe dich. Okay, ich hatte ihm ziemlich warscheinlich das Herz gebrochen. Vielleicht sollte ich besser ins Kloster gehen, von wegen Schadensbegrenzung und so weiter. Ich seufzte.

Hollys Wohnung kam in Sicht, aber als ich eintrat, war niemand da. Bestimmt war sie wieder bei David. In letzter Zeit war sie nie zu Hause. Und gerade jetzt hätte ich sie dringend gebraucht. Schon allein weil ich Hunger hatte und nicht kochen konnte. Aber etwas anderes blieb mir jetzt nicht übrig. Ich durchsuchte die Schränke nach etwas essbarem und fand Tiefkühllasagne. Ich schob sie in den Ofen und ging in mein Zimmer. Plotzlich fiel mein Blick auf den Kalender, den Holly aufgehängt hatte. Bis jetzt hatte ich ihn noch nie genutzt. Aber nun stand dort in roten Großbuchstaben, die ganz sicher nicht meine Schrlft waren: 23:59 am Friedhof. Der Eintrag war für heute. Ich ging näher heran. Janes Warnung hatte ich schon wieder völlig vergessen. Die Schrift kam mir irgendwie bekannt vor. Als ich sie erkannte, lief es mir kalt den Rücken herunter. Diese geschwungenen Buchstaben würde ich immer wieder erkennen, nur eine Person, die ich kannte schrieb so: Alice.

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