Totenstille

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Ich spürte die gigantischen Wurzeln unter meinen Füßen und hörte wie Äste brachen. 

Die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die Äste und fiel auf mein Gesicht. 

Der Wald war verstummt und ich spürte die Blicke der Entführer auf mir. 

In meinem Kopf war alles tot. 

Keine wirren Gedanken, keine Erinnerungen, keine Gefühle. 

Ich registrierte nichts mehr.

Es war als würde ich in Zeitlupe fliegen und doch kam es mir vor als liefe alles in Schallgeschwindigkeit ab. 

Doch in meinem Kopf war eine Uhr am laufen, die die Sekunden zählte. 

Ich betete, dass jemand von den beiden schoss, dass irgendetwas passieren würde. 

Kein Laut ertönte aus der Umgebung. Das einzige was ich hörte waren meine Schritte. 

Wo blieb er?

Wo blieb der Knall der Pistole? Wieso lebte ich noch?

„Sie wird nicht weglaufen.“ 

Die Worte rissen mich zurück in die Welt der Sinne.

Die Stimme von ihm war kalt, fast tot gewesen und nichts an dieser Stimme erinnerte an den Blonden netten Jungen mit den warmen braunen Augen. Doch ich gab nicht auf. Ich konnte nicht. Dies war mein letzter Kampf den ich nicht verlieren würde!

„Was?Wieso?“ 

Diese Stimme war anders. Sie klang verwirrt, ängstlich und unglaublich vertraut. 

„Weil sie nirgendwo hin kann.“ 

Schlagartig blieb ich stehen und ein Stich durchfuhr mein Herz. Es war als würde es zerreißen. 

Mein Atem ging schwer und ich spürte die grauenvolle Angst in mir aufsteigen. Sie schlängelte sich von meinen Beinen hoch über meinen Rücken um mir dann die Luft zu nehmen. 

Der Wald war stumm, als wären alle Tiere geflohen um dieses Spektakel nicht miterleben zu müssen. Die Sonne verschwand hinter einer Wolke und plötzlich war es düster. 

„Sie kann… nirgendwo hin?“ Bens Stimme durchbrach die Stille. Ich wusste dass er direkt zu Nils sprach, der mich nicht aus den Augen ließ. 

Und ich wusste ebenfalls in was für kalte Augen ich blicken würde, wenn ich mich umwandte. 

„Checkst du’s nicht Ben? Ihr Vater hat sie misshandelt! Deswegen die blauen Flecken. Deswegen hatte sie keinen Hunger als sie sein kack Gelaber gehört hat. Deswegen hat sie die Pistole so angeschaut. Sie will sterben Ben!“

Seine Stimme hatte sich erhoben und hallte in den tiefen des Waldes wieder. So kam es mir zumindest vor. Es kann auch sein, dass es nur in meinen Ohren widerhallte, bis mir die Bedeutung der Worte bewusst wurde. 

Er hatte es gewusst. 

Er hatte es die ganze Zeit gewusst. 

Und dann spürte ich die Wut in mir aufsteigen. 

Wie ein Feuer brannte sie in meiner Kehle und verlangte danach rausgelassen zu werden. 

Ich wirbelte herum und starrte den Menschen mit den kalten Augen und der schwarzen Seele an. 

Brownie hatte sich geirrt. Dieser Mensch war ein böser Mensch. 

„JETZT SCHIEß DOCH ENDLICH!“

Ich schrie. Die Stille wurde für einen Moment in Stücke zerrissen und brach dann wieder über mich und die Entführer herein. 

Doch Nils zeigte keine Regung. Sein Gesicht und sein Herz schienen tot zu sein. 

Er stand einfach nur da und schaute mich an. 

Mehr nahm ich nicht wahr. Es gab nur ihn und mich. 

Brownies Gewinsel existierte nicht, genauso wenig wie Bens ängstliche Blicke. 

Ich stürmte auf ihn los und wollte ihn zerstören. Ich wollte ihm die schlimmsten Qualen seines Lebens bereiten. Er wusste nicht wie es mir ergangen war, wieso also konnte er es nicht einfach beenden. 

Ich stand vor ihm und schlug auf jeden Zentimeter seines Körpers ein, den ich erwischen konnte. Meine geballten Fäuste trafen auf seine Muskeln und ich hasste diesen Menschen abgrundtief. 

Was tat er mir nur an?

„WIESO TUST DU MIR DAS AN?!“ schrie ich ihn an und hoffte, dass er ein schlechtes Gewissen bekam oder irgendeine andere Regung zeigte, doch nichts. Er war tot. Für mich war er tot.

Die Wut loderte in mir, doch es tat sich noch etwas anderes auf. 

Aus meinem inneren brach etwas hervor, das mich vollkommen irritierte und mein Herz erneut zerspringen ließ. 

Es war die Angst vor der Rückkehr und die Enttäuschung, dass ich es nicht geschafft hatte. 

Heiße Tränen liefen über meine Wangen und ich spürte wie meine Sicht verschwand. 

„Wieso tust du mir das an?“ meine Stimme versagte ebenso wie meine Beine und ich glitt an seinen Beinen herab. 

Ich krallte mich an seiner Hose und begann zu weinen.

Ich konnte nicht mehr. Jede Kraft die ich besaß war aus mir gewichen und meine Hilflosigkeit wurde mir bewusst. 

Wie dämlich war ich gewesen, zu denken, dass er nichts bemerkt hatte.

Die Erinnerungen und alle Gefühle brachen wieder an die Oberfläche und ließen mich fast Ohnmächtig werden. 

„Ich hasse dich.“ Flüsterte ich immer wieder unter Tränen und betete um seine Einsicht. Doch ich wusste, dass ich verloren hatte. 

Ich spürte wie eine Taubheit sich über mich legte. Meine Finger wurden schwach und ich fiel. 

Bevor ich jedoch auf dem Boden aufschlug packten mich starke Arme und hoben mich vorsichtig hoch. Sanft wurde ich an eine starke Brust gedrückt. Sein Geruch stieg mir in die Nase und ich beruhigte mich. Es war wie eine Droge, die mich fort brachte von grauenvollen Gedanken und Erinnerungen. Vertreiben konnte sie diese jedoch nicht. Wortlos wurde ich die massiven Holztreppen hoch getragen. 

Meine Augen hatte ich geschlossen, während ich verzweifelt versuchte aufzuhören zu weinen. Doch ich konnte nicht. Die Worte von Nils hatten sich in meinen Gedanken gebrannt. Bilder aus meiner Vergangenheit liefen vor meinen Augen ab und gleichzeitig echoten die Worte in meinen Ohren. 

Er hatte Recht gehabt. Ich war alleine. 

Das Spiel war vorbei, doch ich durfte nicht gehen. Der Kampf war schon verloren gewesen, bevor er begonnen hatte. 

Meine Wut war nicht mehr da. Es war nur noch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die ich nicht vertreiben konnte. 

Ich spürte etwas Weiches unter mir. 

Sanft löste er meine verkrampften Hände von seinem Shirt und legte meinen Kopf auf ein Kissen, das ebenfalls nach ihm roch. 

Ich war zu schlapp um mich zu Bewegen. 

Also blieb ich einfach so, wie er mich hingelegt hatte und ergab mich meiner Hoffnungslosigkeit und jedem anderen Gefühl, dass ich seit Jahren unterdrückte. 

Nils legte sich neben mich und blieb stumm. 

Er machte nichts außer da zu liegen. 

Man hörte nichts außer meinen verzweifelten Schluchzern. 

Es war totenstill.

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