Kapitel 1

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Behutsam setze ich meine P 40 auf der Landebahn des ehemaligen Militärflugplatzes auf. Mein Rundfluggast hinter mir sagt nichts mehr. Das ist mir schon bekannt, wenn sie sprachlos sind von der atemberaubenden Schönheit meiner Maschine und der Ostseeküste von oben, gepaart mit dem gemütlichen Brummen des Motors. Ich fahre dessen Leistung herunter, rolle die Maschine zum Hangar und stelle den Motor ab. Langsam aber sicher kommt der Propeller zur Ruhe und ich öffne die Haube. Ich steige zuerst auf die Tragfläche und helfe meinem Fluggast, ein Mittvierziger der den Rundflug von seiner Frau zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, auf die Leiter die mein Kollege vom Ground Service schon bereit gestellt hat. Als mein Gast wieder festen Boden unter den Füßen hat klettere ich hinterher und wende mich ihm zu.

„Also, wie hat es ihnen gefallen?“, grinse ich und stemme meine Hände in die Hüften.

„Es war unglaublich. Vielen Dank, Frau Messerschmidt!“, sagt er und grinst im Kreis, bevor er sich zum Gehen wendet. Das sind für mich die schönsten Reaktionen.

„Na dann machen sie es gut und bestellen sie ihrer Frau schöne Grüße!“, rufe ich ihm hinterher. Er dreht sich um und winkt.

„Das mach ich!“

Das war der letzte Rundflug für heute, nun heißt es für mich Feierabend. Ich habe noch ca. eine halbe Stunde, dann geht es mit meinem Bruder zum Tanztraining und am Abend zum schicken Essengehen mit unseren Eltern. Das machen wir ein Mal pro Vierteljahr und haben uns das zur Tradition gemacht, damit neben der Arbeit in unserem Familienbetrieb, bei der oft nicht viel Zeit füreinander bleibt, auch die Zeit für die Familie nicht zu kurz kommt. In der Umkleide für die Angestellten stopfe ich meinen Fliegeroverall in meinen Schrank und streife mir meine dunkelblaue Jeans, ein schwarzes geripptes Top und eine rote Strickjacke über. Ich schlüpfe in meine bequemen ausgelatschten Converse Chucks, nehme meine Tasche und fahre mit meiner Vespa zu meiner Wohnung. Ich schließe auf, schmeiße meine Handtasche im Flurbereich neben meiner Garderobe voller verschiedener Jacken und Schuhe in die Ecke und gehe in mein Wohnzimmer, welches wie der Rest meiner Wohnung schön hell und großzügig eingerichtet ist. Ich schmeiße mich auf die große Ledercouch und schließe meine Augen. Nicht einschlafen. Du musst gleich los Frau Messerschmitt. Ich rappel mich auf und gehe in meinen begehbaren Kleiderschrank. Dort schnappe ich meine Sporttasche und befülle sie mit einem meiner schwarzen Latein-Trainigskleider, einer hautfarbenen Strumpfhose und meinen Latein-Tanzschuhen. Montags ist immer Latein dran und donnerstags Standard. Ich füge meiner Tasche noch eine große Flasche zu trinken, Deo, eine Bürste und ein Handtuch hinzu, bevor ich mich wieder auf meine Vespa schwinge und ins Tanzstudio fahre, wo ich bereits auf meinen Bruder treffe.

„Hallo Andi.“ Ich umarme ihn und gebe ihm einen Kuss auf die Wange.

„Hey Schwesterherz“, antwortet er.

„Ich gehe mich kurz umziehen, dann können wir loslegen, Julia müsste auch jeden Moment da sein“, erkläre ich, mein Bruder nickt und ich verschwinde in die Frauenumkleide. Im Augenwinkel sehe ich noch wie unsere Trainerin Julia das Studio betritt. In der Umkleide lege ich meine Klamotten ab, hänge sie sorgfältig auf den Haken, zwänge mich in die Strumpfhose und steige in mein hautenges Trainingskleid. Ich gehe mit meiner Bürste zum Spiegel, öffne meinen Bauernzopf, der über den Tag bereits etwas gelitten hat und bürste meine langen braunen gestuften Naturlocken durch, bevor ich sie zu einem hohen Zopf zusammen nehme.

Anschließend diesele ich mich noch ein bisschen ein, ziehe meine Tanzschuhe an und betrete dann den Saal. Julia schließt schon ihren Laptop mit der Musik für das Training an und Andreas macht sich etwas warm. Ich schließe mich ihm an.

Julia kommt auf uns zu und verkündet: „Heute widmen wir uns der Samba. Technik!“

Intensiv zeigt Julia uns in den folgenden zwei Stunden was Samba ausmacht und lässt uns verschiedene Schrittkonstellationen immer und immer wieder tanzen, bis sie uns zu den Ohren raus hängen. Völlig erschöpft und verschwitzt kommen wir aus dem Training und ich bemühe meine Vespa zum vierten Mal an diesem Tag. Zu Hause stopfe ich meine Trainigskleidung direkt in die Waschmaschine und gehe unter die erlösende Dusche. Gut zehn Minuten lasse ich das heiße Wasser auf meine vom Fahren in den kalten November-Temperaturen eiskalte Haut prasseln. Nach der Dusche wickle ich ein Handtuch um meinen Körper und schlinge eins um meine nassen Haare. Aus meinem Kleiderschrank ziehe ich einen schwarze Röhrenjeans und eine senfgelbe Bluse, darüber ziehe ich einen braunen Strickmantel. Zurück im Badezimmer reibe ich meine Haare etwas trocken und lege dezentes Makeup in Herbsttönen auf.

Anschließend schmeiße ich mich auf mein Sofa und schalte den Fernseher ein, bevor ich kurz darauf einschlafe. Fast genau eine halbe Stunde später wache ich wieder auf, wie üblich, nach der Zeit die ich nachmittags schlafe kann man die Uhr stellen.

Nach meinem Schläfchen muss ich mich schon fast beeilen, und gehe in mein Badezimmer, wo ich meine Haare föhne und sie an den Seiten mit Haarnadeln in rauen Mengen fixiere, damit mein Helm die Frisur nicht zerstört. Ich schmücke mich mit zwei dünnen Goldringen, der goldenen Rolex von meinem Großvater, einer goldenen Statementkette und kleinen Ohrsteckern, ebenfalls in Gold gehalten. Da ich beim Fliegen Arbeitskleidung trage und Schmuck nicht erlaubt ist lege ich in meiner Freizeit umso mehr Wert auf mein Äußeres.

Als ich mit mir zufrieden bin nehme ich meine Handtasche, ziehe meine braunen Schnürstiefel und meinen schwarzen Wolltuchmantel an, danach fahre ich zum Restaurant. Unterwegs merke ich, dass ich meinen Schal vergessen habe, als der kalte Wind in meine Jacke rein pfeift. Etwas durchgefroren komme ich an unserem Stammrestaurant an, einem griechischen Familienrestaurant. Meine Eltern Katharina und David und mein Bruder sitzen bereits am Tisch und warten auf mich, mein Getränk haben sie mir schon bestellt. Während wir auf das Essen warten unterhalten wir uns über das Geschehen auf dem Flugplatz heute.

„Ach übrigens, morgen hab ich eine kleine Überraschung für Euch. Es wird einen neuen Kollegen geben, mehr verrate ich noch nicht“, erklärt mein Vater und lacht sich ins Fäustchen. Er weiß, dass er mich und meinen Bruder mit Überraschungen immer nervös machen kann. Im Verlaufe des gesamten Abends zermartere ich mir das Hirn, was mein Vater wohl meinen könnte. Welcher neue Kollege kann so besonders sein, dass mein Vater so einen Hehl daraus macht? Noch im Bett denke ich darüber nach, bevor ich schließlich erschöpft einschlafe.

Fly away with meLies diese Geschichte KOSTENLOS!