2.21. Police Superintendent Carmen Papillio

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(Fortsetzung Kapitel 2.18.)

Carmen Papillio wählt die Nummer der ABC-PTV Reporterin, Suzette Zambrano.
'Die schärfste Waffe des Senders', schmunzelt sie in sich hinein, während das Handy die Verbindung aufbaut.
Die attraktiven Frauen kennen sich seit ihrer gemeinsamen Highschool-Zeit. Heute verbindet sie eine lose Freundschaft und eine professionelle Arbeitsbeziehung. Sie akzeptieren einander.
Nachdem Ma'am Papillio zum Police Superintendent und 'Head of' des 'Women And Children Protection Helpdesk' ernannt wurde, musste sie Suzette schon einige Interviews geben oder wurde von ihr auf Pressekonferenzen mit Fragen bombardiert. Interviews und Pressekonferenzen sind Papillio eher eine lästige Pflicht.

"Hallo Suzi, hier ist Carmen. Ähm Carmen Papillio. Wie geht es Dir?", eröffnet Papillio das Gespräch einen Tick zu freundlich.
Suzi gibt sich überrascht: "Carmen, ach, das ist ja eine schöne Überraschung! Das ist aber nett, dass Du anrufst. Bei mir ist alles beim Alten. Nichts Großartiges passiert. Viel Arbeit halt! Und bei Dir?"
"Ach bei mir? Auch viel zu tun. Die Arbeit reißt nicht ab. Mhm, Du weißt ja", stottert sie gedankenverloren. Carmen kommt nicht so recht in das Gespräch.
Suzi erwidert schnell: "Oh Carmen, das glaube ich Dir. Ich meine, dass Ihr viel zu tun habt. Du rufst doch sicherlich wegen des Deutschen mit den fünf Kids im Hotel an, oder?", und sie fügt schnell hinzu: "Wie ist es mit einer Pressekonferenz?"
Carmen ärgert sich ein wenig, weil sie sofort Fragen beantworten muss. Sie weiß, bei Suzi, der Reporterin, muss sie höllisch aufpassen.
Carmen seufzt: "Für eine Pressekonferenz ist es definitiv zu früh, Suzi. Ich denke aber, dass der Fall nicht so hoch aufgehängt wird. Mein Boss äußerte sich aber auch noch nicht dazu. Also kein Plan zu einer Pressekonferenz derzeit, Suzi."
Suzi bohrt sofort nach: "Dieser Heger, der Deutsche, was ist das für ein Typ? Typ verklemmter Sexgangster?"
Carmen überlegt kurz: "Ja Suzi, dies ist eine gute Frage. Was ist das für ein Typ? Also eher der nette, freundliche, offene Typ. Redet viel. Hat noch nicht realisiert, in welchen Schwierigkeiten er steckt."
"Oh, redet viel", wiederholt Suzi atemlos und lacht laut, "Dann kann ich wohl ein Interview anfragen?"
Carmen bleibt sachlich: "Ein Interview? Ich denke, so wie Deine Kollegen Heger gestern malträtierten, wird der wohl niemanden mehr ein Interview geben."
"Carmen, das ist unser Job!"
"Ich weiß Süße, ich weiß."
Suzi holt hörbar Luft und will antworten. Carmen erinnert sich nun an den eigentlichen Grund ihres Anrufes und kommt Suzi zuvor: "Suzi, der TV-Bericht, ich war zu beschäftigt, konnte den Bericht nicht sehen, hast Du den online? Kannst Du den senden?"
Suzi tippt laut hörbar auf die Computertastatur ein, während Carmen redet. Sie antwortet schnell, nach dem das Geklappere endet: "Ja, hier ist der Link. Oh, sogar schon öffentlich zugänglich. Ich sende Dir den Link. An Deine bekannte E-Mailadresse, Schnecke?"
"Jaha, an meine E-Mail bitte."
Bevor Carmen sich bedanken und "Tschüss" sagen kann, hört sie Suzi sagen: "Carmen, lass uns mal einen Kaffee trinken gehen. Plaudern wir ein wenig über die alten Zeiten. Und wer mit wem und so weiter."
"Ha", antwortet Carmen amüsiert, "dass Du mir Informationen aus der Nase ziehen kannst. Süße, ich kenn Dich!"
Suzi lacht: "Nein, nur über alte Zeiten quatschen."
Nun lacht auch Carmen: "Du meinst wohl, wer schon wieder in einer neuen Beziehung steckt, wer schon wieder neu verheiratet ist und wer das wievielte Kind bekommt?"
Suzi hat es plötzlich eilig, ist wieder ganz die Geschäftsfrau: "Aber ein Exklusivinterview gibst Du mir, versprochen?"
"Ach Suzi, wie könnte ich Dir das abschlagen?"
"Danke Schnecke. Ach, in etwa zehn Minuten hast Du den Link."
"Danke sehr. Und grüße Deine Ma und Pa von mir."
"Ja, Du auch."
Damit ist das Gespräch beendet.

Ma'am Tolisan arbeitet unterdessen am Computer in der Kammer. Manchmal hört Ma'am Papillio sie leise reden. Ma'am Tolisan spricht mit sich selbst, liest leise Texte oder kommentiert - meistens fluchend - die Reaktionen des Computers auf ihre Eingaben. Der Nadeldrucker kreischt, dann ist es angenehm still.
Plötzlich steht Ma'am Tolisan neben ihrer Chefin, Ma'am Papillio. Die schaut gedankenverloren auf ihren Laptop, der vor ihr auf dem Schreibtisch steht. Tolisan ist von kleiner, aber kompakter Statur. Sie überragt die sitzende Chefin nur ein wenig.
"Ma'am?", fragt vorsichtig Ma'am Tolisan. Sie stört nicht gerne ihre Chefin. Es könnte ja sein, dass Ma'am Papillio gedanklich an einem Fall arbeitet und kurz vor dem Durchbruch steht!
"Ma'am?", wiederholt sie dann doch einige Sekunden später leise ihre Ansprache.
Die Chefin lässt einen Bleistift zwischen den Fingern kreisen und schaut weiter ins Nichts. Plötzlich schreckt sie doch aus ihrer Gedankenwelt hoch, sieht Ma'am Tolisan verwundert und mit großen, leeren Augen an. Noch bevor Ma'am Tolisan etwas sagen kann, fragt Ma'am Papillio: "Ma'am Tolisan, was denkst Du über den Heger-Fall?"
Nun ist Ma'am Tolisan perplex. Sie ist nicht auf diese Frage vorbereitet und hat auch noch keine Zeit gefunden - bei dem ständig wachsenden Berg an Arbeit - eingehend über den Fall nachzudenken. Nervös wedelt sie mit dem Computerausdruck in ihrer rechten Hand. Sie stottert: "Fakt, Ma'am Papillio, Fakt, Fakt ist doch, als wir, also wir und die Anderen, in das Hotelzimmer kamen, na da na da, war doch keine, keine Crimescene. Und die Kinder, die Kinder, Ma'am, schliefen tief und fest. Wir haben die ja gar nicht wach bekommen. Und der Heger hatte Unterwäsche an. Auch die Kinder waren bekleidet. Aber zu einem Urteil, Ma'am, zu einem Urteil möchte ich mich nicht hinreißen lassen."
Ma'am Papillio schaut ausdrucklos. Der Bleistift kreist in der rechten Hand zwischen ihren schlanken Fingern: "Gut gesprochen Ma'am.", antwortet Papillio ernst (Ma'am Tolison lächelt verlegen), "Drei Faktoren Ma'am", fährt Papillio fort, "erstens, was sagen die Kinder? Zweitens, was sagen die Eltern? Und drittens, welche Geheimnisse verbergen sich in Hegers Gadgets? Laptop, Tablet-PC, Kamerakarte, Cellphone?"
Ma'am Tolisan ist nun - wegen des Lobes - mutiger: "Unsere selbst ernannten Computerspezialisten, Villanova, Sarang und Pangunang, haben jedenfalls nichts nichts Gesetzeswidriges gefunden.
"Selbst ernannte Computerspezialisten", wiederholt Ma'am Papillio leise.
"Ma'am Tolisan, die Gadgets müssen so schnell wie möglich zu einem Forensiker ins Labor.", und rhetorisch fragt sie: "Kümmerst Du Dich bitte darum?"
Ma'am Papillio überlegt kurz: "Hatte ich das nicht Sarang aufgetragen? Egal, wenn es so sein sollte. Es ist Tolisans Aufgabengebiet."
"Das steht sowieso auf meiner Agenda, Ma'am", entgegnet Ma'am Tolisan schnell und wedelt weiter mit dem Computerausdruck in ihrer Hand.
"Um so besser, Ma'am", gibt sich Ma'am Papillio wieder ihren Gedanken hin.

Die Stille wird durch die blecherne Melodie aus Ma'am Papillios Laptop beendet. Es sind die Anfangsakkorde von Britney Spears, "Toxic."
Erschrocken drückt Ma'am Papillio irgendeine Taste.
"Die E-Mail! Der Link zum TV-Bericht!", ruft sie erfreut. Sekunden später läuft der Bericht aus den TV-News in voller Größe auf dem Laptopscreen:

- Hotel und Cottage.
- Die Glastür des Cottage öffnet eine Handbreit.
- Die Gruppe drängt in den Raum (Hektische Kamera).
- Heger in der Raumecke, Verhaftung, Handschellen.
- Versuch, Interview mir Heger.
- Hektische Kamerafahrt durch den Raum und das Bad.
- Schlafende - grob verpixelte - Kinder auf den Betten, umringt von unzähligen Beteiligten.
- Heger wird mit niedergedrücktem Haupt abgeführt.
- Im Polizeiwagen.
- Im Polizeirevier mit blutender Hand.
- Die Kinder, ihre Gesichter wieder stark verpixelt vor dem BSWD-Gebäude.
- Versuch des Interviews, alle Kinder reden gleichzeitig oder zu leise. Es ist chaotisch. Fragen und Antworten zu Heger und dem gestrigen Tag. Dann Fragen über Duschen im Hotel.
- Plötzlich Sam allein im Interview. Von hinten, übers Ohr gefilmt. Suzette Zambrano frontal.
- Suzette wirkt gestresst, sie fragt jetzt Sam, mit sehr ernster Stimme:
"Also einige von Euch haben nackt geduscht?"
"Ja", Sams knappe Antwort.
"Und der Deutsche, Mr. Heger war dann auch im Bad?"
"Ja...."
- Schnitt. Es ist nur noch das BSWD-Gebäude, anstatt der fünf Jungs zu sehen.
(Papillio merkt sofort, dass nach Sams "Ja" Bilder aus der Retorte gezeigt werden. Das BSWD-Gebäude ist viel weniger verwittert, wirkt jünger und neuer.)
- Der Sprecher quasselt ununterbrochen weiter.
- Suzettes Stimme, der Abspann.
- Ende TV-Bericht.

Die beiden Polizistinnen schauen fassungslos. Ma'am Papillio steigt die Zornesröte ins Gesicht: "Suzette, du Miststück!", zischt sie und an Ma'am Tolisan gerichtet: "Verdammt, die waren wieder einmal schneller!"
Ungerührt sagt Ma'am Tolisan, was beide Frauen denken: "Vom Duschen im Hotelraum haben die Jungs bisher nichts erzählt."
"Wir haben ja auch nicht gefragt!", wird Ma'am Papillio laut. Sie ist zerknirscht.
Ma'am Tolisan zerknüllt den Computerausdruck. Auch sie ist nun zerknirscht: "Gut, dann werde ich den Fragenkatalog um das Duschen erweitern müssen."
"Wirste wohl tun müssen, Ma'am", antwortet Ma'am Papillio emotionslos. Sie hat sich wieder unter Kontrolle. Dazu ist sie zu sehr Profi, um sich über solche Dinge lange aufzuregen.
"Aber Ma'am", fragt Papillio nachdenklich, "hast Du bemerkt, dass die Sams Rede beschnitten haben? Der sagte noch etwas. Aber Cut." Sie haut die flache Hand - wie ein Judokämpfer - auf die Tischplatte.
Ma'am Tolisan ist ehrlich: "Nein", stammelt sie nur erschrocken und ist von Ma'am Papillios Scharfsinn und Auffassungsgabe tief beeindruckt.

Ma'am Tolisan wackelt in die Kammer. Ma'am Papillio hingegen streut den Link zum TV-Bericht per E-Mail breit.

Kurze Zeit später kreischt erneut der Nadeldrucker. "Fragenkatalog fertig!", ruft Ma'am Tolisan aus der Kammer.
"Ich höre es, Ma'am!", ruft Ma'am Papillio zurück.
Die hat sofort Anrufe zum TV-Bericht erhalten. Musste auch dem Chef kurz Rede und Antwort stehen.
Nun ruft sie im BSWD an, da die Kinder überfällig sind. "Wo bleiben denn nur die Kids?", fragt sie Tolisan. Natürlich erwartet sie keine Antwort. Das Telefon klingelt, aber keiner hebt ab.

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