● 6 - Eine Frau mit Stock.

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Wir nahmen einen kleinen Umweg zu mir nach Hause. Was rückblickend, glaube ich, die dümmste Entscheidung das Tages war. Nein, des Jahrhunderts!
– Ich könnte heulen...

Wir liefen durch eine kleine Nebenstraße, die an beiden Seiten riesige Bäume hatte, welche mit ihren dichten Kronen das meiste Licht der Sonne abschirmten.
Das wirklich Gruselige war aber die großgewachsene Frau. Sie trug einen schwarzen Wollmantel und hatte lange, graue Haare, ihr Gesicht sah nicht alt aus, aber auch nicht jung, es hatte etwas altersloses, was mir Angst machte.

Fen schien sie auch gesehen zu haben, denn er blieb abrupt stehen.
In ihrer linken Hand hielt die Frau einen Stab, welcher höher war als sie selbst. Sie schaute zu uns und doch auch irgendwie durch uns durch. Ihre grünen Augen waren so klar und schienen fast zu leuchten. Dann setzte sie sich in Bewegung, nutze den riesigen Stab wie einen Gehstock.

Fen spannte jeden seiner Muskel an; er war bereit, jederzeit zu flüchten, und das machte mich nervös.
»Normalerweise...«, setzte die Frau an, als sie vor uns zum Stehen kam. Ihre Stimme war genauso alterslos wie ihr Aussehen.
»Normalerweise kommen die Leute zu mir und bitten mich um Rat. Doch ihr seid wohl eine Ausnahme«, sagte sie.

Sie schaute zu Fen und ein federleichtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
»Wovor hast du Angst, Fenris? Vor deinem  eigenen Namen wohl kaum.«
»Lass uns in Ruhe, Völva.«
Fen griff nach meiner Hand und ich starrte auf unsere Hände. 
Er wollte sich gerade umdrehen, als die Völva, wie Fen sie anscheinend nannte, ihren Stab auf den Boden  schlagen ließ und Fen in seiner Bewegung innehielt und nun noch mehr Angst zu haben schien. Er hielt meine Hand nun so fest, dass ich Angst bekam, sie würde gleich brechen.

»Ich bin kein Wesen von Geduld, jeg ulf.« Sie sprach immernoch ruhig, aber mit Nachdruck.
»Hast du nichts besseres zu tun?«, knurrte Fen.
Ich blieb still, verstand, dass ich keine Ahnung hatte.
»Schon, aber wenn du von den Göttern um einen Gefallen gebeten wirst – Ach, da kann man doch nicht einfach Nein sagen.«

»›Götter‹... Plural?«, fragte ich leise.
Diese Völva schaute jetzt zu mir und ihre Augen leuchteten noch heller als zuvor, wie grünes Feuer brannten sie sich in meine Seele und ich musste schlucken.
»Der kleine Christ ist ja ein ganz Schlauer«, sagte sie und legte den Kopf schräg und musterte mich.
Sie griff nach der Kreuzkette um meinem Hals und schaute sie sich an.

»Ich weiß nicht ganz, was die Götter meinten, aber irgendwie müsstet ihr wichtig sein.«

Sie trat zurück.
»Was willst du... was wollen die Götter von uns?«, fragte Fen und er hielt dabei noch immer meine Hand.
»Sie wollen euch woanders. Ich glaube es ist so etwas ähnliches wie ein soziales Experiment... Ich verstehe die Götter auch nicht so ganz, ich spreche nur das aus, was sie mir erzählten«, antwortete die Frau und Fen murmelte etwas.

»Hat Loki damit zu tun?«, fragte Fen und bei dem Namen ›Loki‹ klingelte etwas bei mir. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was...

»Hat Loki nicht immer irgendwie was mit allem zu tun?«, verschränkte die Völva ihre Arme und lächelte Fen an.
Fen schnaubte genervt.
»Du redest zu viel.«

»Wenn du meinst. Ich wollte euch eigentlich noch erzählen, was eure genaue Aufgabe ist, aber ich kann auch einfach schweigen und handeln.« Mit diesen Worten schlug die Völva erneut ihren Stab auf den Boden und die Welt um mich herum wurde schlagartig schwarz.

Ich fühlte mich wie in einem Fiebertraum; ich wurde durch die Luft geschleudert, hin und her. Jedenfalls fühlte es sich so an.

Innerlich betete ich zu Gott, gleichzeitig verfluchte ich die Völva.

So schnell wie die Waschmaschinenhöllenfahrt anfing, endete sie auch.

Das erste, was ich wieder mitbekam, war, dass mir kalt war, außerdem stank es nach Fisch, Salzwasser und nassem Holz.
Ich hörte eine Stimme, die lautstark auf Norwegisch zu fluchen schien.
Es war Fen.

Ich verstand zwar noch immer kein Norwegisch, aber in dem Fall wollte ich es auch gar nicht so wirklich wissen.

Als ich langsam wieder anfing, klar sehen zu können, wusste ich auch, warum es hier so roch.
Ich lag mit dem Gesicht nach oben im Sand. Ich fing an, die Wellen zu hören, die an das Ufer rollten.

Da beugte sich Fen über mich.
»Geht's dir gut?«, atmete er etwas schwer, wahrscheinlich, weil er grade eben noch so rumgeschrien hatte.

»Fen, warum liege ich im Sand an einem Strand?«

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now