Trick or Treat

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»Ich finde immer noch echt doof, dass du nicht mit auf die Party kommst!« Stella zieht einen Schmollmund, als würde der allein reichen, um mich zu überzeugen, sie trotzdem zu begleiten. Dass sie dabei fast der schwarze Lippenstift ihres Hexenkostüms dran glauben muss, ist ihr egal.

Ein Seufzen kommt mir über die noch nicht schwarz angemalten Lippen. »Du weißt, dass ich dich gerne begleiten würde, aber es geht nicht.«

»Aber du hast es versprochen, außerdem wird Lucas sicher auch dort sein. Ich habe aufgeschnappt, dass er als Dracula kommt. Hexe und Vampir passt doch super!«

Auf der Stelle fühle ich mich ein wenig mieser, weil ich auch gerne mit ihr zur Party kommen würde. Nicht nur, dass mir sicher wieder unendlich viele Insider-Witze entgehen werden und ich nicht mitreden kann, meine alternative Abendgestaltung ist auch nicht das Nonplusultra.

»Beschwer dich bei Moms Chef. Müsste sie nicht arbeiten, hätte sie Lisa und Louis auf die Trick-or-Treat-Runde begleitet. Ehe ich mir das ganze nächste Jahr bis Halloween anhören darf, was für eine doofe große Schwester ich bin, gehe ich jetzt mit ihnen. Vielleicht schaffe ich es danach noch zur Jonas' Party. Er wohnt ja nicht weit weg.«

Seelenruhig befestige ich die Fledermaus-Ohrringe und widme mich danach dem dunklen Make-up. Wenn ich schon nicht feiern gehen kann, will ich meine Geschwister trotzdem nicht unverkleidet begleiten. Vielleicht fallen ja auch ein paar Süßigkeiten für mich ab. Ein kleiner Trost.

»Lyn, du bist zu gut für diese Welt, weißt du das eigentlich?« Meine beste Freundin schüttelt den Kopf und schnappt sich den violetten Lippenstift aus meinem Kosmetiktäschchen. »Der ist ziemlich cool. Wo hast du den gekauft?«

»Versöhnungsgeschenk von Mom, als sie mir eröffnet hat, dass meine Pläne sich geändert haben. Gibst du ihn mir? Eine Hexe mit rosa Lippen? Geht gar nicht!«

Darüber sind wir uns schnell eilig und als ich wenig später mit blasserer Haut und dunkel geschminkten Augen vor dem Spiegel stehe, fühle ich mich tatsächlich ziemlich zauberhaft. Stella unterschreibt das so und verabschiedet sich, um mit einer gebührenden Verspätung auf der Party ihres Freundes aufzukreuzen.

Ich hingegen widme mich meinen jüngeren Geschwistern. Mit ihren goldblonden Haaren, die Mom ihr vor ihrer Schicht noch in einen Dutt gedreht hat, und dem Krönchen auf dem Kopf sieht Lisa, die heute auf Lady Lisa besteht, wie eine richtige Prinzessin aus. Das pinke Kleid sieht man unter ihrer dicken Jacke leider kaum.

Louis hat sich ein Kopftuch aufgesetzt und eine Augenklappe. Außerdem hat er sich einen Bartschatten mit dunklem Lidschatten gemalt. Auch bei ihm ist mir direkt klar, was er darstellt.

»Also gehen Hexe, Prinzessin und Pirat jetzt wohl auf Süßigkeitenjagd!«, beschließe ich mit mehr Euphorie, als ich sie tatsächlich empfinde und bekomme ein lautes »Jaaaaaa!« von beiden Seiten zurück.

Schnell sind die Kürbisförmigen Beutel verteilt und wir aus dem Haus. Kalter Wind weht mir durch das brünette Haar, was ich aus Gründen, die ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, offengelassen habe und ich bin roh, zumindest eine Jacke eingepackt zuhaben.

Meine Geschwister stören die Temperaturen nicht. Fröhlich rennen sie eine Einfahrt nach der anderen hoch und wieder runter und mit jedem Klingeln wird der Süßigkeitenbeutel voller. Zumindest die beiden kleinen Racker haben ihren Spaß.

Als sie Mrs Roberts mit ihren Kostümen betören, ziehe ich mein Smartphone aus der Tasche und checke, ob Stella mir geschrieben hat. Da ich meine beste Freundin ziemlich gut kenne, wundert mich die ungelesene Nachricht nicht.

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