K a p i t e l 4 2

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Wir fahren spät in der Nacht zurück zum Hotel. Konzentriert lenke ich den Wagen über die schmalen Straßen in den Bergen, bis wir endlich die Autobahn erreichen. Hier dreht Chloe die Musik auf. Das altbekannte "Dancing In The Moonlight" von Toploader dröhnt in erschreckend schlechter Qualität aus den Boxen, doch das stört uns kein bisschen. Wir singen lauthals mit. Draußen glitzert der Nachthimmel gemeinsam mit den wenigen Lichtern der entgegenkommenden Autos. Als ich in den fünften Gang geschaltet habe, taste ich zögernd nach Chloes Hand, die in ihrem Schoß ruht. Sie zieht ihr Bein an und umfasst meine Finger, drückt sanft zu. Als ich einen Blick zur Seite werfe, sehe ich, wie sie mich anstrahlt, und eine Welle der Liebe überrollt mich. Für einen kurzen Moment stelle ich mir vor, wie es wäre, unsere kleine Tochter auf dem Rücksitz zu haben. Ein Stich durchzuckt mich, aber er hält nicht lange an. Emilia fehlt mir, aber Chloe ist immer noch bei mir, und das ist so viel wert. Ich lächle.

"Woran denkst du?", fragt Chloe leise. Ich zögere nur kurz. "Emilia", gebe ich zu. "Aber diesmal fühlt es sich anders an." Wieder drückt sie sanft meine Hand. Mehr sagen wir dazu nicht, aber das tut auch gar nicht not. Ich weiß, was sie denkt, und sie weiß auch, was ich denke. Es ist gut.

Für den nächsten Tag haben wir eine Quad-Tour gebucht. Es ist etwas, das ich schon immer mal machen wollte, und ich kann es kaum erwarten. Mit dem Mietwagen fahren wir herunter zum Hafen, wo sich die Anlage befindet. In einer rostigen Blechgarage stehen reihenweise Quads und Buggies, ein klappriger Schreibtisch dient dem Besitzer der Gefährte als Büro. Wir sind nicht die Einzigen, die an diesem schönen Urlaubstag ein kleines Abenteuer erleben wollen. Eine Schlange hat sich gebildet, in die wir uns geduldig einreihen.

Der Mann, der die Tour führen wird, schiebt Chloe und mir jeweils ein Anmeldeformular hin. Nombre, Nacionalidad, Fecha de Nacimiento, Edad. "Fuck", höre ich Chloe leise murmeln. "Was ist?", frage ich nach. "Man muss mindestens 25 sein", knirscht Chloe. Ich frage mich, wieso sie flüstert, als fürchte sie, der Zuständige könnte Deutsch verstehen. Ich muss lachen. "Lüg doch", schlage ich vor. Eigentlich hatte ich es als Scherz gemeint, doch Chloe setzt augenblicklich ihr nachdenkliches Gesicht auf. "Man muss den Personalausweis nicht abgeben...", stellt sie fest und grinst. Meine flache Hand klatscht an meine Stirn, als sie munter 25 einträgt und ihr Formular mit arglosem Gesichtsaudruck abgibt.

Nachdem wir die Anmeldung durchgeführt, unsere Führerscheindaten angegeben und den Absatz mit "auf eigene Gefahr" unterschrieben haben, geht es los. Chloe und ich entscheiden uns dazu, ein Quad zu teilen. Ich will unbedingt fahren und so nimmt sie hinter mir Platz und schlingt ihre Arme um meinen Bauch, um sich festzuhalten. Es gibt nur eine kurze Einweisung, was die Bedienung des Gefährts angeht. "Im Grunde wie ein Motorad", ist noch der hilfreicheste Hinweis. "Bist du schonmal Motorrad gefahren?!", schreie ich über den Motorenlärm zu Chloe nach hinten. "Ja und du?!", schreit sie zurück. Irritiert drehe ich meinen Kopf zu ihr und starre sie entsetzt an, was sie aber unter meinem Helm nicht sehen kann. "Nein!", antworte ich laut und höre sie lachen.

Zum Glück geht es einfacher als gedacht. Als viertes Quad in der Kolonne brausen wir die Einfahrt hinunter und auf die Straße. Der Wind peitscht meine Haare nach hinten und friert trotz der fünfundzwanzig Grad Außentemperatur binnen Sekunden meine Hände ein. Trotzdem kann ich nicht aufhören zu grinsen, weil es so viel Spaß macht. Auch Chloe lacht ausgelassen in mein Ohr. Ihre Finger krallen sich in meine Jeansjacke und ihr Kinn liegt auf meiner Schulter. Sie brüllt etwas, das ich nicht verstehe, aber das macht nichts.

Die Route führt uns aus dem Ort hinaus in die Berge. Direkt an den Klippen entlang fahren wir über sandige Straßen durch die savannenähnliche Landschaft und bestaunen die Aussicht über den tiefblauen Ozean unter uns und die zackigen Bergkuppen in der Ferne. Unser Ziel ist die sogenannte Cofete, die Inselspitze. Dort soll es ein kleines, verstecktes Café geben.

Wir erreichen es nach gut anderthalb Stunden Fahrt und parken die Quads in Zweierreihen am Straßenrand. Rückwärts rutscht Chloe vom Sitz und zieht sich den Helm vom Kopf, schüttelt ihre verschwitzten Haare in den Wind und holt dann ihre Sonnenbrille heraus. Ich bin etwas langsamer. Hand in Hand gehen wir gemeinsam mit den anderen Teilnehmern der Tour in das kleine Holzhäuschen, das zu einem gemütlichen Café mitten im Nirgendwo umgebaut wurde, und stellen uns am Tresen an, um Getränke und einen kleinen Imbiss zu bestellen. "Drinnen oder draußen?", fragt Chloe mich, nachdem sie das mit Limonade und Sandwiches beladene Tablett entgegengenommen hat. "Draußen natürlich", bestimme ich und laufe voran.

Das Gesicht in die Sonne gereckt räkle ich mich in dem unbequemen Plastikstuhl und genieße den Nachgeschmack des Olivensandwiches. Sanft plätschern die Gespräche der anderen Gäste an meinem Ohr vorbei. Ich fühle die Wärme auf meiner Haut und ein leichtes Kribbeln im Bereich meiner Eingeweide. Tatsächlich würde ich in diesem Augenblick behaupten, dass ich glücklich bin. Glücklich, bis zu dem nächsten Augenblick.

Ein Geräusch, das wie ein Quaken klingt, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich öffne meine Augen und schaue direkt auf den Nebentisch, an dem sich gerade ein junges Pärchen niederlässt. Die Frau hat rotblonde Haare und eine Jeansjacke an. Ihr dunkelhaariger Freund trägt ihre Handtasche über der Schulter, in seiner freien Armbeuge zappelt in kleines Bündel, welches jene Geräusche von sich gibt und keine zwei Sekunden ohrenbetäubend zu schreien anfängt. "Lass mich sie nehmen", höre ich die junge Frau auf Englisch sagen und verfolge mit starrem Blick, wie sie aufsteht und ihrem Freund das gemeinsame Baby abnimmt. Meine Augen fangen ihr liebevolles Lächeln auf, als sie damit beginnt, ihre Tochter zu wiegen und langsam auf und ab zu gehen. Ich sehe den stolzen Blick des Vaters. Ich sehe das kleine Wesen, das die beiden kreiert haben und das nun ein Teil ihrer gemeinsamen Zukunft sein darf. Ich sehe wie unfair und grausam dieses Leben ist und wie fertig es mich macht.

Und dann sehe ich Chloe, deren Blick sorgenvoll auf mir ruht. In dem Moment spüre ich, dass ich weine und ich spüre, wie das Glück, das ich soeben noch empfunden habe, mich verlässt und langsam von der tiefen Trauer ersetzt wird, von der ich dachte, sie überwunden zu haben.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt