01 - Einen Monat zuvor ...

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Song: Sorry (Halsey)


»Hey!«, sagt eine bekannte Stimme neben mir. Fast fürchte ich, beim Anblick von Richard vom Laufband zu fallen, weil meine Knie ganz weich werden. Aber ich fasse mich schnell und knipse ein Lächeln an, das hoffentlich nicht so verkrampft wirkt, wie ich mich fühle.

»Hi!«

Richard ist ein Kommilitone und zudem ein alter Kumpel von Calvin. Von meinem Freund, rufe ich mir in Erinnerung. Während Richard das Laufband neben mir anwirft, versuche ich verzweifelt, das heiße Prickeln zu ignorieren, das mich überkommt. Konzentriert starre ich auf das Display vor mir. Zum Abschluss meines Trainings laufe ich immer fünf Kilometer und habe gerade mal die Hälfte geschafft. Das bedeutet, dass Richard und ich noch ein Weilchen nebeneinander herlaufen werden. Allein der Gedanke macht mich komplett fertig. Erstens habe ich einen Freund, und zweitens hat Richard eine Freundin. Zudem ahnt er nichts davon, dass er mich dermaßen aus der Bahn wirft. Jeden Tag sehen wir uns in der Uni, und jedes Mal fällt es mir schwerer, seine Wirkung auf mich zu verbergen. In einer – zu meiner Verteidigung sehr langweiligen – Vorlesung, merkte ich erst dann, dass ich ihn wie blöde anstarrte, als er sich mir mit einer Frage zuwandte und wir mit den Nasen aneinanderstießen. Ich weiß noch, wie ich die Luft einsog, als ich den Hauch seines Atems auf meinen Lippen spürte. Seine aufgerissenen Augen und der Schock darin holten mich jedoch schnell zurück und binnen Bruchteilen einer Sekunde lehnte ich mich zurück und verfolgte die Vorlesung, als wäre nichts gewesen.

»Wie lange machst du noch?«, fragt er mich.

»Das Lauftraining und dann noch ein paar Dehnübungen, wird wohl eine Stunde werden, schätze ich.« Er sieht mich von der Seite an, und ich merke, wie meine Hände, die ich zu leichten Fäusten geballt habe, anfangen zu zittern und mein Mund ganz trocken wird. Schnell nehme ich einen Schluck und schiele dabei zu ihm rüber. Er guckt weg und erhöht sein Tempo. Okay ...

Ich stelle meine Trinkflasche zurück und mache einen auf cool, obwohl mir verdammt heiß wird. Habe ich schon erwähnt, wie unwiderstehlich der Mann duftet? Okay, Marie, rufe ich mich zur Besinnung, vielleicht verzichtest du heute besser auf das Lauftraining. Mein Herz rast und ich bin froh, dass ich auf den Pulsmesser verzichtet habe.

»Und du?«, frage ich irgendwann belämmert zurück.

»Mal sehen.«

Aha. Na danke für die Information.

Ein paar Minuten laufen wir schweigend nebeneinander her. Richard wirkt nachdenklich. Eine blonde Strähne fällt ihm in die Stirn und er schiebt sie gedankenverloren zurück.

»Was ist los?«, frage ich und beobachte ihn neugierig von der Seite.

»Hm? Ach ...« Er grinst entschuldigend. »Es ist nur wegen Ewa.«

Autsch. Dass es um seine Freundin gehen könnte, ist mir nicht in den Sinn gekommen.

»Sie hat einen Obdachlosen bei uns aufgenommen, Alec oder so. Keine Ahnung, ob das so eine gute Idee ist.«

Na prima. Seine Freundin ist eine Heilige. Jetzt fühle ich mich erst recht wie eine Bitch. »Das ist doch nett von ihr.« Finde ich wirklich. Leider.

»Das ist das Problem. Ewa ist zu nett. Wenn ich nicht aufpasse, wird sie vermutlich ausgenommen wie ein Suppenhuhn. Aber wenn ich mit ihr zu reden versuche, sieht sie mich an, als würde ich ihr den Sinn ihres Lebens vorenthalten.«

»Hat sie dich nicht gefragt, bevor sie diesen Alec aufgenommen hat?«

»Doch, klar. Aber ich weiß nicht, ob meine Zustimmung so clever war. Sie hängt sich ganz schön da rein.«

Drei Tage Marie  - ein love-roadtrip in Dein ♥ (Mega-Leseprobe )Lies diese Geschichte KOSTENLOS!