2.16. Mein Handy!

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2.16.

(Fortsetzung Kapitel 2.14.)

Schnell ist immer der gleiche Text an meine Lebensgefährtin Marie, an die Schwester Sabine und an meine Mutter versendet. Auslands-SMS lassen nur wenige Zeichen zu und sind teuer:

"Bin in Polizei. Keine Sorge, Missverständnis! Ruft zwischen 9 u 10 eurer Zeit an. Gr. Tom"

Den Terminus "Verhaftung" lasse ich ganz bewusst weg. Freunde und Arbeitskollegen werde ich auch erst einmal nicht mit dem Missgeschick belästigen. Außerdem ist es Samstagnacht oder Sonntagfrüh, je nachdem wie man es sieht, in Deutschland.

'Die schlafen in der Heimat oder genießen das Nachtleben. Hier auf den Philippinen ist es neun Uhr fünfzehn am Morgen. Sieben Stunden zurückgerechnet, also in Deutschland zwei Uhr fünfzehn in der Nacht.'

'Eltern und nahe Verwandte sind nicht erlaubt', hallen mir Ma'am Papillios Worte wie ein Echo in den Ohren. Das macht eine Auswahl recht schwer. 'Wem soll ich eine SMS senden?', überlege ich fieberhaft. Das ist Stress, denn es ist unklar, wie lange ich das Handy nutzen darf. So gut wie alle Filipinos im Telefonbuch meines Samsung B2100 Handys haben mit den fünf Kindern ein verwandtschaftliches Verhältnis. 'Das ist eine große Familie', wird mir schlagartig klar, jetzt wo ich darüber nachdenke.

Ma'am Papillio ist aus dem Raum. Ma'am Tolisan sitzt in der Kammer und arbeitet konzentriert am Computer. Ihr Blick ist auf den Monitor gerichtet. Ab und an starrt sie auf die gelben etwa A4-großen Notizblätter, die sie beim Verhör beschrieben hat. Danach blickt sie immer mal wieder kurz prüfend in meine Richtung.

'Das sind einige Notizblätter vom Verhör?' Ich hätte schwören können, es sei nur ein Blatt gewesen.

'Wem aus dem Dorf kann ich eine SMS senden?', überlege ich erneut. Die Nachrichten nach Deutschland haben fast das gesamte Guthaben verbraucht und es reicht nun nicht mehr, zu einer Promo für unlimited SMS in die Philippinen.'

Ich sende eine SMS an Jacub Castro, das ist der Ortsvorsteher im Dorf und an  den Deutschen Frank. Von dem habe ich in der Vergangenheit einige Male das Haus im Dorf, das am Strand gelegen ist gemietet. Dann noch schnell ein Text an Marielou. Sie ist zwar Aboys Cousine aber wer weiß das hier schon? Beim Senden dieser SMS schaue ich mich wie ein Ladendieb vor der Tat verstohlen um. Ich sende immer den gleichen Text in englischer Sprache:

"Bin in Polizeistation von Tugalm City. Missverständnis. Hoffe heute oder morgen rauszukommen. Kinder in BSWD. Alles okay! Keine Sorge!"

Anschließend lösche ich den Ordner "Gesendet." Die netten, aber von Natur aus neugierigen Polizisten, müssen nicht alles wissen.

Soeben bin ich dabei, die letzte und etwas ausführlichere SMS an Franco zu tippen, da klingelt das Handy. Vor Schreck gleitet es mir aus der Hand. Vor dem Aufprall auf dem Betonboden kann ich es auffangen. Ma'am Tolisan zuckt nervös bei meinen hektischen Bewegungen und schaut dann vorwurfsvoll, wegen der ungewollten Jongliereinlage. Ich mache ein unschuldiges Gesicht und denke: 'Nur keine Aufmerksamkeit erregen, sonst wirft die mich gleich raus.'

Es ist Franco, auch ein Cousin von Aboy, der mit richtigen Namen Romolo Junior Taslig heißt und deshalb laut Ma'am Papillio eigentlich nicht erlaubt ist.

'Anruf annehmen oder wegdrücken?'

Mein Entschluss steht binnen Sekunden: 'Egal, das weiß ja keiner hier.'

Ma'am Tolisan blickt neugierig, ich ignoriere das.

"Hallo, Franco?"

"Tom, Tommy?", stammelt es aus dem Lautsprecher, "Danke lieber Gott, Du kannst telefonieren. Bist Du schon entlassen?" Was ist denn los, Tommy? Warum verhaftet?"

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt