● 3 - Høyre, ich bin ein Typ

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»Mama?«, rief ich in unsere Doppelhaushälfte.
»Wohnzimmer!«, säuselte meine Mutter.
Fen blieb im Flur stehen, während ich ins Wohnzimmer ging.
»Ich geh' mit zu einem... Äh, Freund, ist das okay?«
Mama schaute mich verdattert an, fing dann aber an, freundlich von einem Ohr zum anderen zu grinsen.
»Natürlich! Aber sei bis zum Abendessen zurück. Du weißt, wie ich dazu stehe, wenn du alleine im Dunkeln umherirrst.«
»Ja, okay, danke!«

Ich ging zurück in den Flur zu Fen. Dieser hatte das Kreuz an der dunkelroten Wand entdeckt und schaute es nachdenklich an.
»Wollen wir dann los?«, fragte ich unsicher.
»Ihr seid Christen?«, fragte Fen, meine Frage ignorierend.
»Ähm, ja?« Mich verunsicherte diese Frage so gewaltig. War es etwa ein Problem, dass wir Christen waren? Meine Mutter war so harmlos wie Watte und ich erst recht.
Fen murrte nur irgendetwas als Antwort, lächelte mich aber direkt wieder an.

Und die Gänsehaut griff wieder an...

Ich schloss hinter mir die Tür ab, bevor Fen mich zu seinem Zuhause führte. Es war kein weiter Weg, vielleicht zehn Minuten.

Das Mehrfamilienhaus, zu dem Fen mich brachte, war aus braunen Ziegeln und Efeu wucherte über die Hauswand. »Also«, sagte Fen, »Wir sind da.« Er schloss die Haustür auf.

»Bin zu Hause!«, schrie Fen in den Hausflur. Keine Reaktion.
»Wo sind deine Eltern?«, fragte ich.
»Ach, die arbeiten noch.« Fen guckte die Treppe hoch. »Schau.«

»Ich habe Besuch dabei«, trällerte Fen. Nun war von oben das Knallen einer Tür zu hören, dann kam ein Mädchen um die 18 die Treppe heruntergestürmt.

»Besuch?! Ich hoffe, du hast nicht wieder einen Streuner mitgeschleppt.«

Sie blieb am Fuße der Treppe stehen und starrte mich aus stahlgrauen Augen an, ihre Haare waren ebenso dunkel wie die von Fen, doch ihre Kleidung war um einiges farbenfroher.

»Høyre! Das ist ja ein Mensch!«, rief sie und ich wurde rot.

»Lass das, Loree. Ich glaube, du machst ihm Angst«, lachte Fen.

»Ist ja auch egal«, winkte Loree ab. »Wie heißt du denn?«

»Äh... Cassiel.«

»Cool«, sagte sie und grinste Fen an. Ich verstand nicht ganz, was an meinem Namen so grinsenswert war, aber diese Geschwister schienen grundsätzlich etwas eigen zu sein.
»Hast du noch andere Geschwister?«, fragte ich an Fen gerichtet.
Loree antwortete für ihn: »Nein, da sind nur Mama, Papa, Fenni und ich.«
Fen lachte zwar über seinen Spitznamen, ihn schien seine Schwester aber langsam zu nerven.

»Wann kommen Mama und Papa zurück?«, fragte Fen.
»Ach, Pa ist schon lange zuhause, der sitzt in der Garage und versucht das Auto wieder hinzubekommen«, antwortete Loree, als sie sich aus der angrenzenden Küche eine Flasche Kirschlimonade holte. »Und Ma kommt später, ist noch einkaufen.«

»Okay. Cassie? Wollen wir in mein Zimmer?«

Loree grinste schon wieder und ich konnte nur verdattert nicken. Dieses Mädchen verwirrte mich einfach. Fen scheuchte seine Schwester beiseite und machte die Kellertür auf.

»Kommst du?«, fragte Fen etwas genervt und ich drückte mich schnell an Loree vorbei.

»In den Keller?«, fragte ich, als ich durch den Türrahmen ins Dunkle schaute.

»Äh, ja.« Fen griff um die Ecke und das Licht ging an. Ich konnte immer noch nur bis zum Fuße der Kellertreppe sehen, aber es sah spinnenlos aus, also okay.

Fen stupste mich an der Seite an. »Gehst du vor?«

Ja, gut, ich bin die Treppe nicht wirklich runtergegangen. Eher habe ich mich so vor einem Fussel erschreckt, dass ich quiekend die Treppe heruntergestürmt bin. Fen stand immernoch oben in der Tür, hatte eine Augenbraue hochgezogen und schüttelte den Kopf, ein Lachen unterdrückend. Loree hingegen lag beinahe auf dem Boden vor schadenfrohem Lachen. Sie hatte die Arme um den Körper geschlungen und hatte bereits Tränen in den Augen.

Fen kam nun auch die Treppe runter. Er legte mir eine Hand auf die Schulter. »Ich glaube nicht, dass die Fussel in diesem Haus sonderlich gefährlich sind.«

Diese Aussage brachte Loree noch mehr zum Lachen und ich wurde wieder rot, nicht zuletzt, weil Fen wirklich nah vor mir stand, und seine Hand auch nicht wegnahm.

Plötzlich tauchte Loree neben Fen auf. »Genug des Flirtens, ich hab Hunger.«
»Dann mach dir was!«, keifte Fen in ihre Richtung, sichtlich genervt von Loree. Sie schien das allerdings nicht zu stören, denn Loree fing schon wieder an zu grinsen. Ich versuchte, einfach nicht rot zu werden.

Eventuell sollte ich mich auf solche »Scherze« einstellen. Fen hatte mittlerweile seine Hand weggenommen. Und ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal so sündenvoll fühlen würde, denn ich vermisste diese Berührung jetzt schon...
›Einfach nicht drüber nachdenken, Cass...‹

»Ich schrei dann, wenn Mama zurück ist«, sagte Loree und verschwand die Treppe hoch.

»Mach die Tür zu!«, rief Fen ihr hinterher.

Die Tür wurde lieblos zugeschoben, fiel aber nicht ganz ins Schloss, und ging langsam wieder auf.

»Ganz zu!«

Mit einem lauten Knall ging die Tür ganz zu und Fen stöhnte genervt auf.

Ich stand da, etwas wie bestellt und nicht abgeholt, und fragte mich, was wir jetzt machen sollten.
Es trat eine äußerst unangenehme Stille zwischen uns und ich stützte mich von einem Fuß auf den anderen.

Durch die Stille kamen meine Gedanken wieder ins Rollen.
Warum nennt man seinen Sohn wie einen Wolf aus der Nordischen Mythologie?
Ich grübelte. Ich wusste nur ansatzweise, warum meine Mutter mich Cassiel genannt hatte.
Sie war nun mal streng katholisch und wollte mir einen christlichen Namen geben. Und da ich an einem Donnerstag geboren worden war, stand die Sache für meine Mutter fest.
Meinem Vater war das alles herzlich egal; ich hab ihn seit Jahren nicht gesehen. Er verließ Mama, als ich zehn war.

»Du bist also Christ«, unterbrach Fen meine Gedanken.
»Äh... Ja, ich bin katholisch.«
»Katholisch...«, wiederholte Fen leise.

»Ist–... Ist das ein Problem?«

Fen strich sich mit der Hand durch die Haare in seinem Nacken und seufzte.
Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe.
Diese Frage lag mir seit der Kreuz-Sache bei mir zu Hause auf der Zunge.

»Nein... Nein, ist es nicht«, murmelte Fen, doch irgendwie glaubte ich ihm nicht.

Ich schreckte zusammen, als ich einen lauten Schrei von oben hörte.

Fen seufzte erneut.
»Mama ist zuhause...«

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now