2.15. Der Junge aus dem Dorf

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(Fortsetzung Kapitel 2.13)

Franco öffnet die Augen und schließt sie sofort wieder. Er will noch nicht aufstehen. Die Hütte, in der er schläft, liegt nahe am Strand. Unweit der Stelle wo einige Kids zeitgleich ihr Frühstück haben. Die hatten Tamban-Fisch in Öl gebraten und essen den nun mit Reis und scharfer Sojasauce.
In die entgegengesetzte Richtung den Strand entlang, ebenfalls unweit der Hütte in der Franco schläft, lassen Fischerleute weißen Tuba (Coconut-Wine) in einer Kaffeetasse kreisen und essen auch Tamban. Allerdings als Salat zubereitet. Als Kinilaw, mit viel Essig und Kokosnussmilch. Der Tuba steigt ihnen schnell in die Köpfe und sie werden wohlig schläfrig. Kein Wunder, waren die Fischer doch schon kurz nach zwei in der Nacht zum Fischen aufgebrochen.

Beide Orte sind nun verwaist.

Etwa eine Stunde später nachdem Franco schon einmal kurz die Augen öffnete, wird er endgültig wach und lauscht dem Rauschen der schwachen Meeresbrandung. Durch einige Spalten und kleine Löcher der dünnen Wände, die aus geflochtenen Blättern der Nipapalme bestehen, fällt streifen- und punktförmiges Sonnenlicht. Das winzige Fenster ist mit einem Verschlag aus Bambus verrammelt.
Irgendetwas ist anders als sonst. Das Meer rauscht sanft. Er hört die Palmenblätter im leichten Wind. Es riecht ein wenig nach verbranntem Bratöl. Irgendetwas ist anders als sonst, irgendetwas stimmt nicht. Franco befreit sich aus dem Mosquitonetz. Er muss erst einmal zu sich kommen. Das Cellphone ist aus. "Lowbatt", erinnert er sich. Er vergaß gestern früh den Charger in Tommys Apartment.
Er stülpt sich die Armbanduhr über. Kurz nach neun Uhr. Er hat lange geschlafen. Gestern Nacht die Fischer beim Auslaufen beobachtet. Mit Verwandten und Freunden lange zusammengesessen und gequatscht. "Es sind ja noch Ferien. Das Studium beginnt erst wieder in einer Woche. Heute ist Sonntag?", fragt er sich. Die Armbanduhr bestätigt seine Annahme.
Franco rauft sich die Haare. Er ist immer noch nicht richtig wach. Er streift sich die kurze Hose über und entfernt den Verschlag vom Fenster. Gleißendes Sonnenlicht blendet. "Verdammt, was ist denn los?" Es ist Sonntag und alles ist anders. Irgendwie anders.
Er nimmt einen tiefen Schluck aus der lauwarmen Wasserflasche. Das Wasser schmeckt alt und abgestanden. Im kleinen Handspiegel betrachtet er seine Wangen. Die sind stellenweise mit Aknenarben verunziert und hier und da gibt es noch kleine Eiterpickel, Mitesser und Hautunreinheiten. Franco ist 21 und studiert Englisch. Aber nicht in Sendong. Hier gibt es nichts. Keinen Hafen, keinen Flugplatz, nur das staubige Busterminal. Sendong kann keine Universität vorweisen und keine nennenswerte Industrie. Nur Kokosnüsse, Kokosnussmilch und -öl, Bananen, Ananas, Gemüse, ein paar andere Arten tropischer Früchte und tropisches Holz (Das hier oft illegal geschlagen wird). Ein wenig Reis wird auch angebaut. Und natürlich die Fischerei im kleinen Rahmen. Das reicht gerade so zum Überleben. Zu Mehr reicht es nicht.
"Kein Ort zum Leben", schaut sich Franco in der armseligen Hütte des ältesten Bruders um. Für kleine Kinder ist das Dorf ein riesiger Spielplatz. Meer, Fluss, Mangroven, Schule, Basketball, schwimmen gehen, fischen, umherstrolchen. Ein Paradies für Kids. Für Jugendliche dagegen eine Qual. Absolut langweilig. Fischen gehen, Abhängen, Rauchen, Tanduay, Bier und Tuba trinken, den Mädchen hinter her laufen. Kein Geld für die Highschool. Kein Geld für das College. Das bedeutet für die Meisten: Keine Verbesserung zur vorherigen Generation. No Future.

"Wie gut, dass er nur zu Besuch ist", resümiert er, "hier leben könnte er auf keinen Fall mehr. Er braucht die Stadt. Das pulsierende Leben", stellt er fest. "Gut dass es Tommy gibt. Ohne Tom wäre er sicherlich wie viele seiner Freunde, Brüder und Verwandten Fischer geworden. Er hätte schnell eine Familie gegründet und wäre Vater geworden. Das war's dann. Wie sein ältester Bruder.
"Der Bruder? Wo ist der nur?", schaut er sich verwundert um und ihm wird schlagartig klar, was nicht stimmt: Es ist ungewöhnlich - ja fast schon unheimlich - still. Die übliche Geräuschkulisse fehlt. Kein Klappern und Scheppern von Töpfen und Pfannen. Kein Klirren und Klimpern von Tellern, Tassen, Gläser, Messer, Gabel, Löffeln und anderes Kochgeschirr. Kein Kindergeschrei beim Toben oder Schwimmen, kein Baby schreit. Das ständige Gelächter fehlt. Er hört auch keine Unterhaltungen und keine Frauen, die laut auf ihre Männer schimpfen. Kein Radiogedudel und keiner quält die Karaokeanlage (Fünf Piso, zwei Songs). Keine fliegenden Händler, die laut rufend ihre Waren oder Fisch feilbieten. Kein Motorrad und auch kein Bootsmotor knattert. Keine Arbeitsgeräusche, kein Hämmern und Sägen (An den Fischerbooten gibt es immer etwas zu reparieren). Nicht mal Hunde bellen. Auch die vielen Hühner und Hähne, die zwischen den Hütten leben, sind still.
"Merkwürdig, wo sind die alle?", rätselt Franko und stürzt in einem Anfall leichter Panik zur Tür hinaus. Niemand ist zu sehen. Entfernt hört er einen Fernseher. "Der hat volle Lautstärke. Das kann nur Vater Kandayos Apparat sein", sagt er zu sich selber. Ihm ist plötzlich unheimlich und er sieht sich ängstlich um. Eine schwarze Katze schleicht vorüber, mustert ihn, faucht feindlich und springt davon.
Weltuntergang hin oder her, dass muss jetzt warten, denn Franco hat ein dringenderes Bedürfniss. Das Klohäuschen ist auch nur zwei Schritte geradezu.
Auf der Toilette hört er vom Fernseher - leise entfernt - die nervige Musik der Werbung, die Fanfare des ABC-PTV Senders und ab und an scheinbar angeregte Diskussionen. Dann vereinzelte spitze Schreie von Frauen, anschließend ist es wieder bedrückend still, bis auf den Fernseher und dann wieder lebhafte Diskussionen.
Wasser ist in der Tonne, Seife auf dem Fensterbrett, das Handtuch am Nagel scheint recht neu. Es ist alles, für eine erfrischende Dusche da.
Er schleudert das feuchte Handtuch auf die Leine zwischen Palmen und brennt vor Neugier. Deshalb geht schnell durch ein Labyrinth von unverputzten, in Erdnähe feuchten und porösen Wände aus Hohlblocksteinen. Hütte an Hütte. Dazwischen der schmale vermüllte Streifen Weg, um vom Strand schnell zum Dorfplatz zu kommen. Am alten koreanischen Haus sieht er rechts Kandayos Haus. Und er lag richtig! Eine gewaltige Menschenmasse befindet sich vor dem Haus. "Das muss gut und gerne das halbe Dorf sein", stellt Franco fest.

In dem Moment geht ein Ruck durch die Menge. Ernesto stürmt aus Kandayos Haus, greift nach seiner Frau und sie verlassen schnellen Schrittes den Ort. Das ist wie die Zündung einer Explosion. Die Gruppe zersprengt in alle Richtungen. Franco steht wie angewurzelt am koreanischen Haus und beobachtet. Er meint, Entsetzen in den Gesichtern lesen zu können. Es liegt eine ungute Stimmung in der Luft. Keiner lacht, keiner reisst blöde Witze. Sogar die Kinder und die Teenager haben ihre natürliche Fröhlichkeit im Moment verloren.
"Da ist etwas passiert", erschrickt Franco, "da ist etwas ganz Schlimmes passiert." Dermaßen bedrückt und entsetzt hat Franco seine Leute nur bei Beerdigungen erlebt. Und dann noch - erinnert er sich mit Grausen - als Onkel Romolo ein Auge an eine Krabbe verlor. Franco schüttelt sich. "Aber warum glotzten die dann TV? Vielleicht der Präsident? Oder der Vize? Na und, dann kommt eben ein Neuer. Ist doch egal?", sinniert Franco, unfähig sich zu rühren. Ein mulmiges Gefühl beschleicht ihn.
Alvin, Ernestos Ältester erreicht als Erster Franco: "Was stehst Du hier so blöd rum?", raunt er - herablassend und frech - Franco an.
"Wer ist gestorben?", entgegnet Franco schnell und ungerührt, denn er kennt Alvins plumpe Art.
"Gestorben? Mann, hast Du die News nicht gesehen?"
"News?", stottert Franco, "bin gerade erst aus dem Bett."
Alvin verdreht die Augen: "Oh, Mann, mein Pa, na der hat 'nen Highblood. Echten Highblood. Und die Anderen auch. Krasse wirre krude Story. Echt wild. In Tugalm City. Mannomann. Ich sage Dir, echt krasse Story. Krude. Oh Mann, der Tommy und Sam und die Anderen! Ich sage Dir, das geht nicht gut aus. Verhaftet, Mann. Hast du das kapiert? Alle verhaftet!"
"Tommy verhaftet?", dringt es zu Franco durch. Ihm rutscht das Herz in die Hose.
"Halt endlich das Maul Alvin", schreit Franco nun entsetzt. "Was denn, Mann? Was denn, Alvin?", schreit Franco aggressiv und schluchzt. Der Kloß im Hals lässt ihn kaum ein Wort herausbringen: "Sage endlich, was los ist?"
Alvin reagiert auf Francos verzweifelte und aggressive Reaktion perplex und wird kleinlaut: "Die haben Tommy verhaftet und fünf von unseren Jungs auch. Alle verhaftet. Sam verhaftet. Den Phil, ich meine den Phil von Michael und Vicente, auch den Jan und den Dan. Die zwei von Lang und Matt. Und auch noch Deinen Cousin Aboy. Romolo seiner. Der heißt doch richtig Romolo Junior, oder? Das ist doch Dein Cousin, oder?"
"Ja warum denn?", ist das Einzige, was Franco über die Lippen bringt.
"Keine Ahnung, Mann. Ich habe echt keine Ahnung, sorry Franco. In den News war nur, Tommy verhaftet und die Jungs auch."
Der erste Schock ist vorüber: "Alvin, ich habe Lowbatt. Aber du hast doch auch ein LG Cellphone? Das hat doch den gleichen Anschluss wie meines?"
"Weiß nicht?", entgegnet der 25-jährige Alvin unsicher und zündet sich mit zitternden Händen eine 'Winnsboro' an. Schweiß steht den jungen Männern auf der Stirn.
"Alvin, hast Du Tommys Nummer?"
"Nee", Alvin stößt den Rauch aus.
"Ich hole mein LG. Ich komme in Dein Haus."
Franco sprintet in die Hütte seines Bruders und greift das Cellphone. Er ignoriert jede Menge Leute, die ihm auf dem kurzen Weg ein Gespräch über Tom aufdrängen. Er hört in jeder Ecke und in jeder Gruppe die zusammen stehen, News, Tom, Tommy, Tugalm City, Hotel, Polizei, Verhaftung und die Namen der Jungs und deren Eltern. Oder bildet er sich das nur ein? Er rennt ja.
In Alvins Haus steckt er sofort den Charger an das Cellphone.
"Natürlich ist das nun Gesprächsthema Nummer Eins im Dorf", sagt Franco zu Alvin, während sie gespannt auf das Telefon starren. Denn es dauert zwei lange qualvolle Minuten bis das LG endlich erwacht. "Das ist aber ein sehr tiefes Lowbatt", staunt Alvin. Franco schaut ihn verständnislos an. Beim Wischen und Tasten auf dem Touchscreen bemerkt Franco, dass seine Hände zittern.
Endlich ertönt der Rufton im Lautsprecher. Tommys Cellphone ist nicht aus! Es klingelt einmal, zweimal, dreimal...

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