K a p i t e l 3 9

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Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, was ich geträumt habe, aber es war schrecklich.

Unwissend, ob ich schlafe oder schon halb wach bin, werfe ich mich von einer Seite auf die andere und versuche, mich diesem grauenhaften Phänomen namens "Schlaf" zu entwinden. Ich bin wie paralysiert.

Wieso schläft man eigentlich freiwillig? Man wartet quasi, bis man bewusstlos wird und sich gegen das, was im Traum auf einen zukommt, nicht mehr wehren kann. Es ist Folter.

"Maria, wach auf!"

Ich sitze senkrecht im Bett und starre direkt in Chloes besorgtes Gesicht. Schweiß läuft meinen Rücken hinab und ich strample hektisch die Bettdecke von mir, die sich um mich geschlungen hat wie eine fleischfressende Pflanze. "Luft", ächze ich. "Komm her", lautet Chloes einzige Antwort. Sie nimmt meine Hand und zieht mich hoch, führt mich zur offenen Balkontür und schiebt mich hinaus. Dort legt sie endlich von hinten ihre Arme um mich und hält mich fest.

Ich atme tief die frische, klare Luft ein und spüre, wie sich mein Herzschlag langsam beruhigt. Ein leicht salziger Geschmack legt sich auf meine Lippen und ich kann auch das Wellenrauschen hören. Doch der Salzgeschmack kommt nicht nur vom Meer. Ich weine. Ich weine wie ein stummer Regen und kann nichts tun, um aufzuhören.

"Ich habe keine Tablette genommen", flüstere ich monoton. "Daran liegt's." Wann wird diese Schlafstörung endlich aufhören?

"Jetzt ist alles gut", ist alles, was Chloe dazu sagt, und küsst sanft meinen Nacken. Es fühlt sich an wie ein glühend heißen Eisen, das man mir auf die Haut presst, und ich möchte ausweichen, doch gleichzeitig genieße ich es, wie sie mich umarmt und beruhigt. Was ist nur los mit mir?

"Seit einer halben Stunde gibt es Abendessen", lässt Chloe mich wissen. "Hast du Hunger?" "Nein", antworte ich. "Aber du bestimmt." "Ja, das stimmt." Noch immer steht sie hinter mir und wir blicken gemeinsam in die Ferne, wo der Strand zu sehen ist. "Dann lass uns runter gehen."

Von dem üppigen Buffet bekomme ich nichts herunter. Ich knabbere ein bisschen Knoblauchbrot, weil Chloe mich so leidend ansieht, und trinke mehrere Gläser Wasser. Sie hingegen verdrückt eine große Portion und genießt Sangria. Der Albtraum sitzt mir noch immer in den Knochen, aber auch wenn ich nicht essen kann, lenken mich die Gespräche mit Chloe, die sanfte Pianomusik im Raum und die Anwesenheit der vielen verschiedenen Leute ab. Wir beobachten sie und lästern ein wenig. Endlich kann ich wieder lachen.

Als Chloe satt ist und wir aufstehen, kommt ihr auf einmal eine Idee. Ich kann ihr das ansehen. Ihr Gesicht verändert sich und ihre Augen blitzen auf. "Lass uns noch ans Meer gehen", schlägt sie aufgeregt vor und greift nach meiner Hand.

"Ich ziehe mich nicht aus!", wehre ich erschrocken ab. Sie sieht mich schräg an, lächelt dann beruhigend. "Musst du doch auch nicht", sagt sie leise. "Ich habe nichts von Schwimmen gesagt. Lass uns einfach spazieren gehen." "Okay", willige ich ein.

Hand in Hand verlassen wir das Hotel und gehen die Straße hinunter. Am Kreisel mündet sie in die Promenade, wie uns laute Musik, Gelächter und Stimmen, die sich auf vielen verschiedenen Sprachen unterhalten, verraten. An Geschäften und Bars vorbei spazieren wir über die warmen Holzbohlen. Einheimische haben Stände aufgebaut, an denen sie Badekleidung, Postkarten, handgemachten Schmuck, Aloe Vera Pflanzen und mehr verkaufen. Ein paar von ihnen rufen uns Angebote hinterher, die wir lachend ablehnen. Ein schmaler Weg führt uns endlich zum Strand.

Der noch immer sonnengewärmte Sand an meinen Füßen fühlt sich gut an. Ich öffne leicht meinen Mund und schmecke Salz auf meiner Zunge. Das Rauschen des Meeres wird lauter, je näher wir der Brandung kommen, und endlich umspült das kalte Wasser meine Knöchel. Die Gischt kitzelt meine Haut und als die Welle sich zurückzieht, nimmt sie den weichen Kiesboden mit sich, auf dem ich stehe. Ich blicke nach unten und stelle fest, dass mir schwindelig werden würde, wenn ich nur lange genug schaue. Beinahe fühlt es sich so an, als würde ich mit ins Meer hinausgezogen werden. Es ist wie Fliegen und Fallen gleichzeitig.

Das Gefühl des Fliegens überwiegt jedoch, als ich spüre, wie Chloe meine Hand loslässt und stattdessen zärtlich ihren Arm um meine Taille legt. Ich lasse es zu und fühle mich zum ersten Mal weder bedrängt, noch bedroht, sondern einfach... frei.

Ich drehe mich zu ihr und stelle mich auf Zehenspitzen, um sie küssen zu können. Es ist ein kurzer Kuss ohne jegliche Erotik, der jedoch umso mehr eine schlichte Geste meines Glücks darstellt. Ich bin froh, hier mit ihr zu sein.

"Gehen wir ein Stück", schlägt Chloe leise vor und zieht mich sachte mit sich. Arm in Arm spazieren wir durch die Brandung, während der Himmel langsam immer dunkler wird. Der Wind zerzaust Chloes Haare und wirbelt sie in mein Gesicht, wo sie sich mit meinen Locken vermischen. Ich rieche Vanille, Kokos und Meer. Es ist eine gute Mischung, die mich beinahe vergessen lässt, warum wir eigentlich hier sind.

Die Erinnerung kommt schlagartig zurück, als Chloe einen kleinen Sparmarkt an der Promenade sichtet und vorschlägt, eine Flasche Wein zu kaufen. "Auf unseren ersten Urlaub müssen wir trinken", sagt sie. "Ich bin gleich wieder da." Ich willige nur zögernd ein. Es fühlt sich noch immer nicht richtig an, Alkohol zu trinken. Wäre ich noch immer schwanger, würde ich es auch nicht tun.

Chloe kehrt mit einer Flasche billigen Lambrusco zurück. Ich weiß, dass es ihr Lieblingswein ist, weil sie die kribbelnde Süße mag, auch wenn es kein hochwertiges Getränk ist. Sie setzt sich etwas abseits vom Wasser in den Sand und streckt ihre Hand nach mir aus. "Komm", sagt sie.

Zögernd lasse ich mich neben sie sinken und winkle meine Beine an. Es zischt, als sie die Flasche mithilfe unseres Zimmerschlüssels entkorkt. Sie nimmt den ersten Schluck und reicht den Wein anschließend mir.

Ich zögere. Meine Finger umfassen das kühle Glas und dennoch kann ich sie nicht dazu auffordern, die Flasche an meinen Mund zu führen. Ich denke an mein Baby. An die Mutter, die ich hätte sein sollen. An die Familie, die wir hätten sein könnten. Der Schmerz droht mich erneut zu überkommen, mit sich zu reißen wie die Brandung den Kiesstrand. Doch bevor er mich ertränkt, setze ich die Flasche an und nehme einen großen Schluck.

Es schmeckt anders als ich es erwartet hätte. Natürlich ist es derselbe Wein wie der, den ich kenne, aber ich kann eine Note Unbeschwertheit darin ausmachen, die herrlich erfrischend und ungewohnt schmeckt. Chloe lächelt und legt erneut ihre Arme um mich. Ich rutsche näher zu ihr, bis ich zwischen ihren Beinen sitze und mich an sie lehnen kann. Ihre weichen Lippen liebkosen meinen Scheitel und ihre Arme halten mich fest an ihren Körper gedrückt. Mit einer Hand umfasse ich ihre, mit der anderen trinke ich mehr von dem Wein. Als ich meinen Kopf nach hinten auf ihre Schulter sinken lasse, streifen ihre Lippen meine. Ich schmecke Macademia, Wein und ein bisschen Sand. Zum ersten Mal seit Wochen hinterfrage ich nicht, was ich tue. Ich genieße, wie sie mich hält und liebt.

Am selben Abend liege ich in meinem Pyjama in dem weichen Hotelbett, eingerollt zwischen Chloes Armen, unsere Beine miteinander verworren, mein Rücken fest gegen ihren Oberkörper gepresst. Ich kann ihren Atem in meinem Haar spüren und die sanften Streichelbewegungen ihrer Daumen auf meinem Unterarm. Sie hält mich so fest wie lange nicht mehr und lange nicht mehr hat es sich für mich so richtig angefühlt.

Ich habe keine Tablette genommen in dieser Nacht. Chloe hat gesagt, dass es auch ohne klappen wird und mich gebeten, es zu versuchen. Und ich versuche es. Ich schlafe einfach ein zu dem bekannten, beruhigenden Herzschlag der Person, die ich liebe.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt