K a p i t e l 3 8

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Sehr bald ist es soweit. Viel zu bald. Mir ist nach nichts weniger zumute als nach Urlaub.

Maren hingegen hält die Idee für großartig. Ich erfahre erst kurz vor Chloes und meiner Abreise, dass die beiden unter einer Decke steckten und das Ganze gemeinsam ausgeheckt haben. Eigentlich hätte ich mir das schon denken können. Chloe alleine könnte sich niemals einen All Inclusive Urlaub in einem guten Hotel direkt am Strand leisten.

"Das wird dir guttun, Liebes", redet meine Schwester mir ein, als ich am Abend vor unserer Abreise mit ihr telefoniere. "Sonne, Strand, Unmengen an Essen, Wein..." "Hör auf", unterbreche ich sie. "Wieso versteht ihr nicht, dass ich einfach traurig sein will?" "Sei nicht so undankbar", rügt sie. "Du wirst schon selber noch merken, dass dein Mädchen und ich sowas wie Genies sind." Ich verdrehe die Augen. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, bezweifle ich das stark. Jedoch hat Maren recht. Ich bin undankbar. Und ein kleines bisschen freue ich mich auch, dass Chloe Spanien ausgewählt hat. Ich bin zwar noch nie auf Fuerteventura gewesen, habe aber ein Auslandssemester in Huelva verbracht und fühle mich mit dem Land sehr stark verbunden. Dass Chloe dabei ist, macht die Sache nur besser. Wir waren noch nie gemeinsam im Urlaub.

In der Nacht schlafe ich tief und fest ein, nachdem ich meine Beruhigungstabletten geschluckt habe, und werde am nächsten Tag erst um kurz vor zehn Uhr vormittags wach. Ich öffne schlagartig die Augen und blicke an die Decke. Als erstes überkommen mich die altbekannten Gefühle, die mich seit Emilias Tod jeden Morgen wieder einholen, nachdem ich traumlos geschlafen habe: Trauer, Herzschmerz, Sinnlosigkeit, Unmut. Doch diesmal mischt sich ein neues Empfinden dazwischen, das ich sehr lange nicht mehr gespürt habe.

Vorfreude.

Ich drehe mich um, um Chloe anzusehen, die selbst noch im Bett liegt und mich verschlafen anblickt. Ein leises Lächeln umspielt ihre Lippen. "Hi", flüstert sie und richtet sich auf, um sich über mich zu beugen und zart meine Stirn zu küssen. "Ich liebe dich."

"Ich dich auch", erwidere ich leise. Es ist dasselbe wie jeden Morgen. Für ein paar Minuten bleibt Chloe noch neben mir liegen, wartet auf ein Signal meinerseits, ob ich das Bedürfnis danach habe, mit ihr zu kuscheln oder nicht. Schließlich steht sie auf und öffnet schweigend die Vorhänge. "Pfannkuchen?", fragt sie und dreht sich zum Bett um.

Ihre schlanken Beine in den knappen Schlafshorts gekreuzt, die Hände in die Hüften gestemmt steht sie da und grinst mich auffordernd an. Ihre Haare haben sich zu einem Großteil aus dem Zopf gelöst, zu dem sie sie zum Schlafen zusammengebunden hat, und stehen in alle Himmelsrichtungen von ihrem Gesicht ab. Sie sieht so süß aus, dass ich nicht anders kann, als ergeben zu nicken. "Okay", sage ich und mache mich daran, aufzustehen.

Ich bediene mich aus der bereits von Chloe gepackten Kulturtasche, um meine Zähne zu putzen, mein Gesicht einzucremen und meine wilden Locken mit dem Kamm zu bändigen. Nachdem ich es geschafft habe, sie in einen Haargummi zu zwängen suche ich nach etwas zum Anziehen. Die letzten Wochen habe ich mich aus meiner Jogginghose und dem weiten Schlabbershirt kaum herausbewegt. Heute muss es etwas Anständiges sein. Wir fliegen schließlich in den Urlaub.

Ich entscheide mich für einen langen Jumpsuit in einem Ockerton und schwarze Converse. Als ich Chloe so unter die Augen trete, überfliegt ein breites Grinsen ihr Gesicht.

"Was ist?", frage ich irritiert nach. "Nichts", erwidert sie und reicht mir meinen Teller, auf dem ein Pfannkuchen liegt und jämmerlich in Ahornsirup ertrinkt. "Du siehst nur schön aus."

Ja, weil alles Hässliche an mir bedeckt ist.

"Danke", murmle ich. Wir setzen uns an den Tisch und fangen an zu essen. Chloe spricht ununterbrochen darüber, was sie noch einpacken muss, in welchem Koffer sie die Rucksäcke hat und was sie in diesen verstaut hat. Ich höre einfach nur zu und sehe sie dabei an, während ich lustlos auf meinem Pfannkuchen herumkaue. Ein kleines Lächeln kann ich mir jedoch nicht verkneifen.

Unser Flieger geht um fünfzehn Uhr und zu meiner Erleichterung läuft alles reibungslos ab. Wenn ich etwas noch weniger gebrauchen kann, als in den Urlaub zu fliegen, ist es, in den Urlaub zu fliegen und dabei Stress zu haben.

Chloe sitzt am Fenster und ich neben ihr. Langsam sinkt mein Kopf an ihre Schulter, als ich zu den Klängen von Tom Kloses "Welcome Home" aus meinen Kopfhörern wegdöse. Sanft wie eine Feder streifen ihre Finger durch meine Haare und verleihen mir ein wohliges Gefühl der Nostalgie.

Wir landen pünktlich in Puerto del Rosario, der aktuellen Hauptstadt der Insel. Hand in Hand laufen wir durch den Flughafen zum Gepäckband. Chloe jammert darüber, dass sie noch immer Druck auf den Ohren hat, und ich lache sie ein bisschen dafür aus. Als wir unsere Koffer gefunden haben, suchen wir unseren Shuttlebus zum Hotel, was sich ziemlich schwierig gestaltet. Endlich sind wir da. Ich bin so müde.

"Oh, wow", stammle ich und blicke an dem riesigen, cremefarbenen Gebäudekomplex empor. Palmen und anderweitige Pflanzen rahmen den Eingangsbereich ein, ein künstlich angelegter Bach plätschert in einen Teich. In riesigen chromglänzenden Buchstaben steht der Name des Hotels über der ausladenden Drehtür, darunter vier Sterne wie ein penetrantes Statussymbol.

"Das ist etwas anderes als meine Backpackerhostels in Irland", scherzt Chloe und greift nach meiner Hand. "Lass uns reingehen."

Während Chloe eincheckt, genehmige ich mir ein Glas Orangensaft von dem Tablett, das mir angeboten wird. Es ist komisch, doch noch immer vermeide ich Alkohol. Es fühlt sich einfach noch nicht richtig an. "Ich nehme auch eins", höre ich Chloe hinter mir auf Spanisch zu der jungen Frau sagen, die das Tablett trägt. Kurz darauf hält sie einen Sekt in der Hand und stößt ihr Glas mit einem leisen Klirren gegen meines. "Auf den Urlaub?", versuche ich es. "Auf dich", korrigiert sie und lächelt. "Die stärkste Frau, die ich kenne."

Als wir unsere Gläser geleert haben, reicht Chloe mir ein Plastikarmband, das scheinbar unseren All Inclusive-Status symbolisieren soll, und die Zimmerschlüssel. "Gehen wir?" "Ja!", erwidere ich und greife nach meinem Koffer.

Unser Weg für uns durch einen Flur und dann hinaus zwischen dem Restaurant und dem Pool mitsamt Poolbar hindurch in ein weiteres Gebäude, das über eine sehr hohe Decke verfügt und dessen Flur von Palmen gesäumt ist. Endlich finden wir unser Zimmer, die Nummer 212, und ich schließe auf.

"Wow", sage ich wieder, als ich eintrete. Der erste Teil des Zimmers ist mit einer Couch und hölzernen Garderobe ausgestattet, dahinter geht es ins Badezimmer. Um die Ecke befindet sich das weiß bezogene Doppelbett gegenüber eines riesigen Flachbildfernsehers und der Minibar, ein Tisch mit Stühlen, ein Schrank mit verspiegelten Schiebetüren, der die gesamte Breite des Zimmers einnimmt, und schließlich die Tür hinaus zum Balkon. Das Badezimmer ist groß und hellgrau und schwarz gefliest mit einer ebenerdigen Dusche hinter einer Glaswand. Chloe strahlt mich an. "Volltreffer!", sagt sie.

Ich nicke langsam. Die bleierne Müdigkeit, die ich bereits im Flugzeug verspürt habe, nimmt mich vollkommen ein. Ohne ein Wort zu sprechen, packen wir aus, Chloe macht dabei leise Musik an. "Stört es dich, wenn ich mich kurz hinlege?", frage ich sie. "Natürlich nicht", antwortet sie sanft. Bevor sie sich auf den Balkon verzieht, nimmt sie mich zögernd in den Arm. Ich erwidere ihre Umarmung und stelle fest, dass sie sich gut anfühlt. Sie fühlt sich beruhigend an und nach Geborgenheit. Am liebsten würde ich in ihren Armen einschlafen... Doch da hat sie mich schon losgelassen und geht hinaus.

Ich ziehe meine Schuhe aus und schlage die dicke Bettdecke zurück, um vollkommen bekleidet darunter zu kriechen. Ich rechne nicht damit, einzuschlafen, doch ich möchte mich ausruhen.

Es dauert keine paar Minuten, bis eine dichte Schwärze mich überkommt und ich langsam, aber sicher wegdrifte.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt