● 4 - Fen hat eine seltsame Familie und das war glaube ich noch nicht mal alles

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Ich muss sagen, die Mutter von Fen – Mary Nygård – war ziemlich normal im Gegensatz zu ihren Kindern. Vor allem im Gegensatz zu Loree...

Mary war eine schlanke Frau mit sanft rot-orangenen Haaren, die sie in einen seitlichen Zopf geflochten hatte. Sie hatte stets ein freundliches Lächeln im Gesicht und das erste, was sie tat, als Fen und ich aus dem Keller kamen, war, mich herzlich zu umarmen.

»Fenris, scheuch du deinen Vater aus der Garage. Loree, du hilfst mir beim Kochen. Cassiel, wenn du möchtest, kannst du mit Fenris gehen.«
»Ich–... Ich kann auch beim Kochen helfen.«
»Ach, Quatsch, du bist Gast, du gehst mit Fenni.«

Aber ich hatte doch helfen wollen...

Fen nahm meine Hand und zog mich sanft mit sich. Ich trottete etwas beleidigt hinter ihm her. Fen murmelte etwas, das ich nicht verstand.
Er brachte mich durch die Hintertür in seine Garage.
Der Geruch von Benzin benebelte mich und das beißende Gefühl in meiner Nase war äußerst unangenehm.

Fen ließ meine Hand wieder los und sagte: »Papa, essen!«
Von hinten aus der Garage war ein Poltern zu hören.
»Sag deiner Mutter, ich komm gleich.«
Fen zuckte mit den Schultern und drehte um. Und ich trottete ihm wieder hinterher.

»Det var vellykket«, murmelte Fen, ich tippte auf Norwegisch. Was auch sonst?
»Was hast du gesagt?«, fragte ich nach.
»Hm? Was–... Äh, soviel wie ›Das war erfolgreich‹, aber es war Sarkasmus... Ich hol jetzt Loree.«
Ich nickte nur.
Loree kannte ich noch nicht sonderlich lange, gerade mal ein paar Stunden, aber sie schien mir wie jemand... Wie soll ich sagen... Aufdringliches.

Fen marschierte in die Küche, in welcher Loree gerade fünf Teller auf den Esstisch verteilte. Sie schaute auf und zog die Augenbrauen hoch.
»Wo ist dein Vater?«, fragte Mary.
Fen antwortete nicht, sondern warf nur einen genervten Blick zu Loree, die direkt zu verstehen schien. Sie legte den letzten Teller an seinen Platz und verließ die Küche mit schnellen Schritten.
Ich schaute etwas irritiert zwischen Mary und Fen hin und her. Fen holte Besteck aus einer Schublade und begann, Lorees Aufgabe zu beenden.
Und ich stand schon wieder nur rum und fühlte mich fehl am Platz.
Mary schüttelte nur den Kopf.

Loree brauchte etwa fünf Minuten, um ihren Vater zu holen. In dieser Zeit wurde das Essen immer fertiger und mir wurde immer unangenehmer.

Ein Mann, der Fen ziemlich ähnlich sah, kam herein und murrte etwas Unverständliches auf Norwegisch.
– Oder sah Fen ihm ähnlich?
Es war jedenfalls deutlich, dass dies Fen's Vater war. Die gleichen dunklen Haare und die gleichen blauen Augen. Loree tauchte hinter ihm auf: »Fen hat mich nicht auf dich angesetzt. Und sprich Deutsch! Wir haben Besuch.«

»Huch, da ist ja wirklich jemand Neues.«
Fens Vater stellte sich zur Begrüßung vor mich, um mir die Hand zu schütteln. Er grinste, das gleiche breite Grinsen, wie Loree es dauernd  hatte. Ich lächelte zurück.
»Nenn mich Erik.«
»Cassiel«, antwortete ich.

Das Essen war klasse, doch fühlte ich mich etwas undankbar meiner Mutter gegenüber. Sie würde gleich angefangen haben, Abendessen zu kochen, und ich würde nach Hause kommen und keinen Hunger haben.
Ich musste wohl aussehen, als wäre ich gerade dabei erwischt worden, wie ich zum Teufel betete, denn Fen stupste mich an der Seite an und schaute etwas besorgt. Einen üblichen Blick bekam ich von Mary. Loree hatte die Augenbrauen zusammengekniffen, schaute aber Fen an. Und Erik hatte sich bereits wieder in die Garage verzogen.

»Geht's dir gut? Wenn du das Essen nicht magst, kannst du es ruig sagen«, meinte Mary freundlich.

Ich schluckte. »Ja–... Äh, also nein. Das-... Das Essen ist klasse. Mir geht's gut.«

Ich dachte schon wieder zu viel nach.

»Warum heißt Fen wie ein Wolf aus der nordischen Mythologie?«, schleuderte es aus mir heraus und – super – jetzt hatte ich schon wieder zu wenig nachgedacht; ich bereute meine Worte bereits, bevor ich sie ausgesprochen hatte.

Mary schaute mich etwas verwundert an, lächelte dann aber weiterhin. »Hm, dann sag mir doch mal, warum du wie ein Engel aus der christlichen Mythologie heißt.«
Ich konnte die Hitze in meinen Wangen spüren. Mary schaute mich siegessicher an, als hätte sie mich genau da, wo sie mich haben wollte.

»Äh, meine Mutter wollte einen christlichen Namen für mich«, stammelte ich.
Fen neben mir hörte einfach nur stumm zu.

»Und ich wollte meinem Sohn einen nordischen Namen geben und mein Mann kam auf ›Fenris‹. Nicht alles hat immer einen tieferen Sinn; ich fand den Namen schön, also nahm ich den Vorschlag von Erik an.«

Ich nickte stumm. Das war eine gute Antwort.

Ich legte mein Besteck zusammen, weil wir fertig mit dem Essen waren.
Dann legte ich meine Hände zu einem Gebet zusammen, weil ich es es am Anfang vergessen hatte; ich tat es also jetzt.

Ich hörte Fen neben mir etwas auf Norwegisch nuscheln, genau wie Mary und Loree es taten. Es klang auch fast wie ein Gebet, aber es war kurz und vielleicht höchstens ein Satz.
Erik hatte das gleiche gesagt, als er ging.

Ich spürte Fens Blick auf mir und ich drehte mich halb zu ihm. Er hatte einen überlegenen Blick im Gesicht.

Ich half Mary beim Abräumen des Tisches. Und ich erfuhr ein paar recht interessante Sachen über Fens Familie. Mary war äußerst gesprächig und teilweise schaute Fen ziemlich geschockt zu seiner Mutter.
Zum Beispiel als Mary anfing, über Fens frühe Kindheit zu reden und wie Loree Fen im Winter mal im Schnee eingebuddelt und so getan hatte, als sei Fen nicht mehr da gewesen.

Fen schien sich nicht mehr daran erinnern zu können, Loree aber umso besser, denn sie lachte schon wieder ausgelassen und ich musste schmunzeln.
Mary erzählte auch von ihrer Kindheit, die sie in Texas verbracht hatte, bevor sie für Erik nach Norwegen zog.

Sie war wirklich sehr gesprächig, aber das machte sie irgendwie sehr sympathisch. Fen schien das anders zu sehen, er sah aus, als hätte er die ganze Zeit Angst, seine Mutter könnte zu viel reden, irgendein »Geheimnis« ausplaudern.

»Ich muss bald zu Hause sein«, stupste ich Fen an seinem Arm an, als wir mit dem Aufräumen fertig waren.

Er nickte und fragte mich, ob er mich noch ein Stück begleiten solle.

Ich zögerte kurz, lehnte dann aber ab.

Fen lächelte und nickte, ließ es sich aber nicht nehmen, mich noch bis vor die Tür zu bringen.
Loree kam auch mit.

»Komm bloß bald wieder, Fen war noch nie so ruhig!«, rief sie.

»Das stimmt doch gar nicht!«, knurrte er.

»Stimmt, du hast recht. Du warst schon einmal so still, als du in dieses Mädchen aus Oslo verknallt warst«, sagte sie und grinste.

»Äh... Ich geh dann mal... Dann, ähm, sehen wir uns morgen in der Schule, Fen.«

»Ja«, war die einfache Antwort, die ich von Fen bekam, und ich ging nach Hause.

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now