2.11. Sensation im Dorf

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(Fortsetzung Kapitel 2.08.)

Die Ankündigung, in den ABC-PTV News gäbe es die 'Sensation', entfacht eine nicht gekannte Sogwirkung. Wer keinen eigenen Fernseher hat und das sind die meisten im Dorf, strömt jetzt zu Vater Kandayo. Der hat den größten TV-Apparat weit und breit.

Der kleine Vorplatz vor Michaels und Vicentes Haustür leert sich schnell. Romolo, gestützt vom 16-jährigen Sohn Silas humpelt über den kurzen Steg. Dahinter Matthew, Langs Ehemann. Vicente trägt das kleine Mäxchen auf dem rechten Arm. Ihr linker Arm ruht auf Langs rechter Schulter. Beinahe wie eine Blinde lässt sich Vicente von Lang führen. Vicentes kleine Tochter ist schon vorgeeilt. Michael verschließt die Hütte und ist der Letzte, der den Steg verlässt. Das blaue Nokia 3310 in der Hand, den Haustürschlüssel an der dünnen Schnur um den Hals gehängt. Mäxchen nuckelt zufrieden am erbeuteten neuen Spielzeug, Ernestos Kugelschreiber.
"Alles wird gut", schluchzt Vicente, trauriger als sie dies will.
"Sicher", schluchzt Lang zurück.
"Das ist ein Missverständnis", mischt sich Michael ein und versucht Optimismus zu verbreiten.
"Das wird sich aufklären", auch Vicente versucht es mit Zweckoptimismus, aber es klingt kaum glaubhaft.
"Kinder im BSWD. Das gefällt mir nicht. Ihr wisst ja, wenn das BSWD erst mal einen hat, geben die den so schnell nicht wieder her", schüttelt Lang den Kopf.
"Male den Teufel nicht an die Wand", erwidert Vincente resigniert.
"Nun lasst uns doch erst mal den Bericht in den News sehen. Dann wissen wir mehr", beendet Michael die kurze Konversation und übernimmt schnellen Schrittes Mäxchen.

Vater Kandayos Haus ist nur wenige Meter vom Strand gelegen. Im Gegensatz zu den meisten Bambushütten ist es ein gemauertes, verputztes und mit gelber Farbe gestrichenes Einfamilienhaus. Den Boden zieren weiße Fliesen. Das Dach besteht aus neuem und hell glänzendem Wellblech. Vor dem Haus, eine kleine Veranda zur Straße, mit Tisch, Stühlen und Bank aus Bambus. Im Grunde besteht das Haus hauptsächlich aus Wohnzimmer. Hier hängt auch der riesige Flachbildschirm rechts an der Wand. Die Nebenräume erscheinen nachträglich angebaut. Ein kleines Schlafzimmer links, für Vater und Mutter Kandayo. Geradezu die offene kleine Küche mit Feuerstelle und auf der gefliesten Ablage der Gaskocher. Dort befinden sich Küchenutensilien und das Waschbecken. Sogar einen Kühlschrank kann Familie Kandayo ihr eigen nennen. Neben der Küche das winzige Klosett.

Vor dem Fernseher sitzen einige der jüngsten Enkel und schauen 'Tom und Jerry'. Weitere Enkel schlafen noch in einer Ecke auf dem Boden, eng aneinander gekuschelt auf einer Bastmatte, unter einem dünnen Tuch.
Vater und Mutter Kandayo (beide schon über siebzig, aber rüstig), sind vom überraschenden Ansturm überfordert. Vater Kandayo ist auch eben erst wach geworden. Sein Atem enthält eine leichte Alkoholnote.
"Gestern Nacht?", versucht er sich zu erinnern. "Wann verdammt nochmal war eigentlich Schluss letzte Nacht?"
Von der Story um Tommy und den Jungs weiß Ehepaar Kandayo noch nichts. Die ersten Besucher drängen sich am verdutzten Hausherrn vorbei ins Wohnzimmer. Ein älterer Enkel schaltet ungefragt auf ABC-PTV um. Der kurze Protest der 'Tom und Jerry' schauenden Kleinkinder erstirbt sofort, da Unmengen von Dorfbewohnern in das Wohnzimmer drängen. Jugendliche und größere Kinder verscheuchen die Kleinkinder und pflanzen sich wie selbstverständlich vor den Apparat. Vater Kandayo hat den Grund des Ansturmes immer noch nicht so richtig verstanden, nur dass alle plötzlich TV sehen wollen. Das Wohnzimmer ist bereits zum Bersten voll. Er fährt sich über die grauen Bartstoppeln, die sein faltiges Gesicht verunzieren.
Viel zu spät protestiert er verwirrt und redet merkwürdiges Zeug: "Was wollt Ihr? Was ist los? Chinesische Invasion? Oder Japanische? Oder sind die Spanier zurück? Irgendwo ein Erdbeben? Hat man Marcos reaktiviert?" Sein ehemals weißes Doppelrippunterhemd ist von zahlreichen, unterschiedlichen farbigen Flecken übersät. Unter den Achseln hat er Schweißränder.
Ernesto hat sich zum Wortführer der Gruppe ernannt und berichtet im Telegrammstil: "Sein Sohn Sam und dann die Söhne von Matthew und Lang, Jan und Dan und Romolos Sohn, der Aboy und der Sohn von Michael und Vicente, der Phil, die seien im BSWD, in Tugalm City. Tommy, der Deutsche sei verhaftet. Angebliche Rettungsaktion. Gestern Nacht. BSWD, Polizei und TV. Alle im Hotelzimmer. Nun wollen sie Nachrichten schauen."

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