K a p i t e l 3 5

839 76 2

Schwärze, als ich aufwache. Dunkelheit. Als wäre alles ein endloses Nichts, mich selbst eingeschlossen.

Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, eingeschlafen zu sein. Mein Kopf fühlt sich benebelt an, wie wenn man betrunken einschläft, aufwacht und immer noch Alkohol im Blut hat. Ich will mich aufsetzen, aber als ich meine Muskeln anspanne, durchzuckt ein höllischer Schmerz meinen Kopf. Wäre das hier eine klischeehafte, dramatische Geschichte, würde die betroffene Person jetzt ein paar Minuten brauchen, um zu sich zu kommen und sich zu erinnern, doch ich weiß noch genau, was passiert ist.

Ich hatte gerade meine sechste Klasse in Spanisch, als es anfing. Ich stand an der Tafel und konjugierte, als der erste Krampf in meinen Unterleib fuhr. An sich war das nichts Ungewöhnliches, doch diesmal klang der Schmerz nicht ab. Im Gegenteil, er wurde immer schlimmer. Als die ersten Schüler fragten, was denn los sei, weil ich beinahe in die Knie ging vor Schmerz, sagte ich, ich müsse mich kurz setzen. Als ich nach einigen Minuten wieder aufstand, hinterließ ich eine Blutlache auf dem Stuhl.

Ich hatte immer wieder mal Krämpfe und Blutungen, eine Risikoschwangerschaft kann gar nicht ohne ablaufen. Aber dieser Augenblick ließ mich in Panik verfallen wie nie zuvor. Ich wusste, dass es passierte. Ich wusste, dass ich mein Kind verlor, doch ich konnte es nicht wahrhaben. Ich ging zu Boden wie ein gefällter Baum, krümmte mich auf dem kalten Linoleum, ging unter in den Wellen des Schmerzes und der Gischt der Angst. Die Strömung war stark und schleuderte mich gegen felsige, harte Klippen, bis ich zerbarst. Ich wusste in dem Moment, dass ich sterben würde.

Ich kam im Krankenhaus wieder richtig zu mir. In dem Augenblick verstand ich nicht, was los ist. Doch ich sollte sehr bald aufgeklärt werden.

Ich erinnere mich an Tränen, an Krankenschwestern, an Beruhigungstropfen, an Maren, an Chloe. Sie brachte mich in unsere Wohnung. Und da bin ich nun.

Zuhause; ein Wort, das sich für mich fremd anhört. Nur wenige Meter von mir entfernt stehen ein Gitterbettchen und warten die ersten Strampler auf den kleinen, zarten Menschen, für den sie bestimmt waren und den es nun niemals geben wird. Irgendwo in meinem Körper befinden sich Spuren, die die Instrumente der Ärzte hinterlassen haben, die den letzten Rest dessen aus mir herausgeschabt haben, das mein Baby ernährt hat. Irgendwo verwendet jemand warmes Wasser, Zitrusspray und den Schleudergang der Waschmaschine, um das, was einmal meine Tochter Emilia war und sein sollte, aus Sitzbezügen und Handtüchern zu waschen. Ich schluchze laut auf.

Eine Tür wird aufgerissen, Licht durchflutet den Raum und erlaubt mir einen verschleierten, benebelten Blick auf mein Wohnzimmer. Meine Finger krallen sich automatisch so sehr in die Wolldecke, in die ich gewickelt bin, dass meine Knöchel weiß hervortreten. Ich starre wie benommen auf meine Hände, höre jemanden wimmern und brauche ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass ich selbst es war, die dieses Geräusch verursacht hat. Jemand sagt meinen Vornamen. "Maria." Chloe ist da.

Ihre Hand ist weich und warm und umfasst meine, löst sie vorsichtig aus der Umklammerung der Decke. Sie setzt sich auf die Sofakante und zieht mich vorsichtig in ihren Schoß. Ich lasse sie einfach machen. In meinem Kopf und meinem Herzen pulsiert der Schmerz und der Verlust.

"Du hast ein paar Stunden geschlafen", höre ich sie leise eine Erklärung in meinen Ohr flüstern. "Der Vormittag hat dich sehr angestrengt. Du musst dich ein paar Wochen ausruhen und sollst nicht arbeiten gehen oder dich körperlich verausgaben. Und du musst viel Vitamine essen. Hast du Hunger? Worauf hast du Lust?"

Es erscheint mir absurd, wie Chloe in diesem Augenblick an so etwas wie Essen denken kann.

"Ich bin nicht hungrig", murmle ich. "Verstehe", sagt sie und reicht mir stattdessen ein Glas Wasser. "Aber ich wette, dass du Durst hast." Wie Recht sie hat. Gierig leere ich das Glas in einem Zug und spüre, wie ich augenblicklich wacher und klarer im Kopf werde. "Kann ich noch eins bekommen?", bitte ich sie leise. Sie holt ein zweites Glas Wasser und setzt sich wieder zu mir. Ich rapple mich langsam auf und blicke mich um.

"Wie spät ist es?", möchte ich wissen. "Halb sechs", antwortet sie. "Maren wollte gleich noch vorbei kommen. Sie war die ganze Zeit hier, aber sie musste zumindest kurz nachhause zu Brian." "Nein", sage ich entschieden.

"Nein, was?", fragt Chloe zögernd nach. Mir ist klar, dass sie nicht verstanden hat, was ich meine. Mir ist auch klar, dass sie nicht verstehen kann, wie es mir im Augenblick geht. Niemand wird das je verstehen können, sie nicht und auch Maren nicht.

"Nein, ich will nicht, dass Maren herkommt", wiederhole ich. "Was?", stammelt Chloe verwundert. "Wieso denn nicht?"

Ich ertrage es nicht mehr.

"Ich gehe jetzt duschen", sage ich, schlage die Wolldecke beiseite und laufe ins Badezimmer. Mir wird leicht schwarz vor Augen, nachdem ich aufgestanden bin. Mein Körper ist am Ende und das lässt er mich spüren. Wütend knalle ich die Tür hinter mir ins Schloss, lasse meine Klamotten zu Boden fallen und steige ohne einen Blick in den Spiegel unter die heiße Dusche.

Das Wasser tut gut. Vermischt mit dem Seifenschaum rinnt es sanft an meinen Armen hinunter und spült alles von mir, die Schuldgefühle, die Traurigkeit, die Frustration, die Reste meiner Schwangerschaft.

Ich blicke auf den Boden und sehe Blut in der Duschwanne. Hellrote Spiralen bilden sich im abfließenden Wasser und werden nach und nach in den Abfluss gezogen. An der Innenseite meines Schenkels rinnt mehr hinab, wie ein schwacher, kleiner Wasserfall. Ich schreie auf.

Wieso blute ich noch immer? Wo kommt das her? Es ist, als würde ich mein Kind nochmal verlieren, nur ohne den körperlichen Schmerz. Meiner Seele hingegen reißt es sämtlichen Boden unter den Füßen weg. Die Geschehnisse dieses Vormittags sind mir augenblicklich wieder präsent. Ich kann nicht aufhören, zu schreien.

Die Badezimmertür wird aufgerissen und der Duschvorhang zur Seite gezogen. "Maria, was ist los?" Ich kann die Panik in Chloes Stimme hören. "Ich blute", bringe ich hervor und zeige mit der rechten Hand darauf, während ich mit der linken hastig versuche, das Blut von meinem Bein abzuwischen. Sie stellt das Wasser ab und greift nach einem Handtuch, wirft es um meine Schultern und zieht mich in ihre Arme, um mich davon abzuhalten. "Das ist ganz normal", erklärt sie leise. "In den ersten Wochen wird das noch öfter passieren." Ich starre auf das weiße Badetuch, auf dem sich in Höhe meines Schoßes rote Flecken bilden, und dann in Chloes Gesicht.

Die kleinen Löckchen, die sich aus ihrem Zopf gelöst haben und ihr Gesicht umrahmen, sind nass geworden, ihre grauen Augen blicken mich verängstigt und mitfühlend an.

Mitfühlend. Als ob sie irgendetwas von dem nachempfinden könnte, das ich fühle.

"Lässt du mich jetzt duschen?", frage ich kalt und schiebe sie und das Handtuch von mir. Ich weiß nicht mal, warum ich so bin. Ich kann einfach nicht anders.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt