*17. Selbstzweifel und Hoffnung*

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Ich versuchte zum tausendsten Mal ruhig zu bleiben. Es brachte rein gar nichts, wenn ich mich nach jedem einzelnen Wort schwer atmend und heulend auf meinem Bett zusammenrollte. Dabei war es gar nicht so schwer zu sprechen, mein Hals kratzte etwas und nach jeder Silbe hatte ich das Gefühl, gleich verdursten zu müssen. Ich war wütend auf mich selbst, dass ich so empfindlich darauf reagierte.

Seit zwei Tagen überlegte ich, wie ich Jay beibringen konnte, das Ende für das Buch zu verfassen. Wenn ich so recht überlegte, gehörte es wohl zu den grausamsten Dingen um die man einen Menschen überhaupt bitten konnte. Immerhin sollte der Junge, der sich darum bemühte meine Wünsche zu erfüllen, beschreiben wie ich gestorben war. Und es nieder schreiben in ein Buch, das darstellen sollte, wie scheiße mein Leben überhaupt gewesen war.

Mit einem Seufzen stand ich auf und griff nach meiner Liste. Ein weiterer Wunsch hatte sich zu den anderen siebenundzwanzig gesellt: #28 Mich bei Jay bedanken.

Doch ich konnte nicht mit einer solch untrainierten Stimme zu ihm marschieren und ein Dankeschön herauskrächzen. Er hatte mehr als das verdient. Jay verdiente eine ganze Unterhaltung. Nur verweigerten meine Stimmbänder bereits nach jämmerlichen sieben Silben ihre Funktion.

In den letzten neunundzwanzig Stunden war ich hauptsächlich in meinem Bett gewesen und hatte vor mich hin gegrübelt. Die zwei Stunden bei Dr. Egoschwein hatte ich im Grunde genauso verbracht, bloß die siebzehn Stunden, in denen ich in der Schule hocken musste, hatten mich von meinen Gedanken abgelenkt.

Jay war berauschend. So sehr, dass ich in seiner Nähe keinen klaren Gedanken daran fassen konnte, wie ich mich bei ihm bedanken sollte. Wenn nicht die Angst meine Brust zusammenziehen würde, wann immer ich auch nur tief Luft holte, hätte ich ihm vermutlich mitten auf dem Schulhof mein Herz ausgeschüttet. Wie wunderbar ich ihn fand, wie dankbar ich ihm war.

Doch nein, in der Schule konnte ich ihn niemals ansprechen. Es musste bei ihm zuhause sein, alleine. Ohne Kathrine, Jesse oder sonstigen Freunden von Jay. Wir mussten alleine sein.

Und meine ersten Worte konnten nicht lauten „Danke für alles Jay, noch eine letzte Bitte: Kannst du schreiben wie mein Tod verlaufen ist?" – nein, ich musste mich schon mit ihm unterhalten. Smalltalk vom feinsten, philosophieren, mehr über ihn erfahren, über mich erzählen, alles was nun mal zu einer guten Unterhaltung dazugehörte.

»But I've got high hopes«, murmelte ich. Je leiser ich sprach, desto einfacher fiel es meinen Stimmenbändern. »it takes me back to when we started.« Ich versuchte aus dem Flüsterton rauszukommen und meine Stimme wirklich zu benutzen. Dann verstummte ich wieder, an den Rest des Liedes konnte ich mich nicht mehr erinnern.

Songtexte auszusprechen war leichter als über Worte nachzudenken. Nachplappern war immer einfacher, als selbst zu denken. »I guess I just lost my husband, I don't know where he went.« Die Melodie weiter vor mich hin summend stand ich vom Bett auf und setzte mich an meinen Schreibtisch. Auf ein weißes Blatt Papier schrieb ich mit meiner schönsten Schrift: „Ich würde mich freuen, wenn ich dich die Tage wieder besuchen könnte." Da drunter setzte ich meinen Namen. Und weil ich schon in Musiklaune war, schrieb ich die beste Stelle des Liedes nieder, welches ich zum letzten Mal wirklich gehört hatte.

„The more I see, the less I know, the more I like to let it go" Zu dem Lied hatte ich getanzt und geweint, ich habe gelacht, still dagelegen und ich hatte das Bleichmittel getrunken. Das Lied, dass mich wohl am meisten prägte.

Ich faltete den Zettel und steckte ihn in die Seitentasche meines Rucksackes, dann ließ ich mich wieder aufs Bett fallen.

Morgen.

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!