K a p i t e l 3 4

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Chloe:

Es passiert nur wenige Tage später. Maria und ich haben gerade alles Organisatorische erledigt, ich habe den Papierkam geregelt und Patricias Suche nach einer neuen Mitbewohnerin war erfolgreich. Ich bringe nur zwei große Koffer mit in die Wohnung, die innerhalb von einer Stunde ausgepackt sind. Maria und ich haben gemeinsam gegessen, angestoßen und uns danach zum ersten Mal offiziell in unserem gemeinsamen Bett geliebt. Alles schien perfekt.

Der Anruf erreicht mich, während ich in der Uni bin. Es ist purer Zufall, denn mein Klingelton ist ausgeschaltet und hätte ich nicht das sachte Vibrieren in meiner Hosentasche gespürt, hätte ich ihn nicht angenommen. Unauffällig ziehe ich mein Telefon hervor und blicke auf das Display. Es ist Maria. Noch während ich mir meinen Weg durch die Reihen bahne, um den Audimax zu verlassen, gehe ich ran. "Was gibt's?", frage ich leise.

"Chloe?" Es ist eine Männerstimme, die mir irgendwie bekannt vorkommt, ich aber nicht zuordnen kann. Irritiert bejahe ich. "Hier ist Per Oetjen."

"Wie bitte?", hake ich nach, überzeugt, mich verhört zu haben. Was macht er an Marias Handy und was wieso ruft er mich damit an?

"Mir ist schon klar, dass Sie damit nicht gerechnet haben, aber Sie müssen mir jetzt gut zuhören, okay? Maria ist gerade vom Krankenwagen abgeholt worden. Mitten im Unterricht bekam sie auf einmal starke Krämpfe und Blutungen. Sie glauben, dass sie eine Fehlgeburt hat."

"Was?", hauche ich, bringe keinen klaren Ton heraus. Meine Knie werden weich. Das darf nicht sein. Es kann einfach nicht sein. Sie hat ihr Baby schon einmal fast verloren. Wahrscheinlich ist es erneut ein Fehlalarm.

"Sie hat ihr Handy hier vergessen und ich war mir sicher, dass sie Sie sehen will, Chloe", fährt Herr Oetjen fort. Seine Stimme ist ruhig, aber er klingt sehr besorgt. Kein bisschen Feindseligkeit ist darin zu hören. Der Mann hat ja doch eine Seele.

"Gibt es noch jemanden, den ich anrufen soll?"

Ich bemühe mich, einen klaren Gedanken zu fassen. "Ja", antworte ich dann. "Ihre Schwester Maren. Vielen, vielen Dank, dass Sie mich angerufen haben. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dazu sagen soll, aber...", ich haste zurück in die Vorlesung und raffe meine Sachen zusammen, eh ich meinen Satz beende, "... ich habe auch keine Zeit."

Ohne ein weiteres Wort lege ich auf und renne los so schnell ich kann. Der Weg zum Parkplatz kommt mir auf einmal unendlich weit vor. Als ich endlich im Auto sitze und losfahre, kann ich an nichts anderes mehr denken als daran, dass es in all dieser Zeit schon zu spät sein kann.

Es dauert eine geschlagene halbe Stunde, bis ich am Krankenhaus ankomme. Ich parke achtlos direkt am Bordstein neben dem Eingang und laufe im Stechschritt hinein. Am Empfang sitzt eine junge Frau, die gelangweilt ihre Nägel betrachtet.

"Hallo!", mache ich energisch auf mich aufmerksam. "Ich suche Maria Ruben." Sie starrt mich irritiert an und sucht dann in ihren Unterlagen. "Sie wurde gerade eben eingeliefert", füge ich hinzu. "Sie verliert ihr Kind. Zum Teufel nochmal, geht das nicht schneller?!"

Der Ausraster am Ende tut mir leid, aber in diesem Augenblick entlädt sich all der Stress und die Angst. Maria würde es nicht überleben, Emilia zu verlieren. Ich muss sie auf der Stelle sehen, ich muss ihre kleine zarte Hand halten, sie in meine Arme schließen und ich muss dafür sorgen, dass alles gut ist. Sie braucht mich.

Endlich scheint die Rezeptionista fündig geworden zu sein, sie greift nach einem Telefon und drückt eine Taste.

"Ist Doktor Rollins zu sprechen? Hier ist jemand für Frau Maria Ruben."

Sekundenlang lauscht sie in den Hörer, gibt dann ein knappes "Verstehe." durch und legt auf. "Sind Sie mit ihr verwandt?" "Was?", frage ich entgeistert. "Nein!" "Dann darf ich Ihnen keine Auskunft geben und Sie dürfen im Augenblick nicht zu ihr." Daraufhin betrachtet sie erneut ihre Fingernägel. "Hören Sie, ich muss wissen, was los ist. Sie braucht mich!" "Nur Verwandtschaft", wiederholt die junge Frau.

D E L I R I U MWo Geschichten leben. Entdecke jetzt