Karl II d

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Thielen hob selbstgefällig und beschwichtigend die rechte Hand und wartete, bis sich die Menge wieder beruhigt hatte.

Der Schankraum war voll wie noch nie. Diesmal waren es sicher mehr als fünfzig Kameraden – und zu seiner Überraschung war auch sein junger Freund Thomas Worch anwesend und klatschte begeistert Beifall.

Wieder setzte Thielen theatralisch mit einer ausholenden Geste an, um seine Gefolgsleute auf ihre gemeinsame Ideologie einzuschwören.

»Und genau wie in jenen ersten Tagen der Bewegung unseres geliebten Führers müssen wir nun noch wachsamer sein und jeden weiteren Schritt noch sorgfältiger planen. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben. Der Feind ist stark, und er ist überall. Vielleicht sitzt er sogar hier unter uns? Nein, Kameraden, ich möchte keine Zwietracht sähen, denn das Gift des Misstrauens sitzt tief und zerfrisst auch die stärksten Bündnisse. Aber genau das ist das Ziel dieser Regierung, sie verbreiten ihre Lügengeschichten über uns, spucken auf die Ideale unserer Väter und Großväter und unterwandern unsere Reihen. Aber das lassen wir nicht zu. Kameraden! Das lassen wir nicht zu!«

Thielen muss vorsichtiger sein, dachte Karl. Als offizieller Vorsitzender einer demokratischen Partei durfte er sich nichts zuschulden kommen lassen. Schon die Floskel »unser geliebter Führer« konnte ihm politisch den Hals kosten. Öffentlich würde er es auch niemals wagen, sich als waschechter Neonazi zu outen, aber hier, unter seinen Brüdern im Geiste, ging ihm gerne mal der Gaul durch. Er liebte es dann, ganz in Goebbels-Manier die altbekannten Phrasen zu dreschen und seine wahre Gesinnung zu zeigen. Aber auch hier war das nicht ganz ungefährlich.

Karl blickte in die Reihen seiner Kameraden und fragte sich, ob unter ihnen ein Spitzel war. Seit 2001 der Verfassungsschutz beim ersten Verbotsverfahren zugeben musste, sogar V-Leute in der Führungsspitze der NPD zu haben, war ein gewisses Misstrauen unter ihnen entstanden. Nur eine falsche Bemerkung, nur eine leichte Kritik an der Bewegung – und schon konntest du in den Verdacht kommen ein V-Mann zu sein. Der Rauswurf aus der Kameradschaft war dann noch das kleinste Übel. Was dachte sich Thielen also dabei, hier solche Reden zu schwingen? Dafür gab es die Anheizer in der Kameradschaft. Typen wie ihn, die reden konnten – und eben nicht in der Partei waren. Der Verfassungsschutz wartete doch nur darauf, dass hochrangige NPD-Mitglieder genau solche Dummheiten begingen – und dann? Menschen wie Thielen lernten einfach nicht dazu. Selbst Hitler hatte nach seinem misslungenen Putschversuch 1923 eingesehen, dass der einzige Weg an die Macht ein legaler sein musste. Und was Thielen hier gerade abzog, war alles andere als legal. Oder gehörte es zu einem Plan, den er bislang noch nicht durchschaut hatte?

»Und ich sage euch, sollten sich hier in unseren ehrenvollen Reihen dreckige Ratten verstecken, die uns ausspionieren, dann werden wir nicht nur dieses Ungeziefer gnadenlos ausmerzen, sondern auch ihre Brut – ohne Rücksicht auf Alter, Geschlecht und Gesinnung!«, schloss Thielen, deutete mit dem Daumen vor seiner Kehle einen Schnitt an und schwieg.

Ekstatisch johlten und applaudierten die Kameraden und trommelten mit den Fäusten auf die Tischplatten. Es entstand ein ohrenbetäubender Lärm, der durch Mark und Bein ging, begleitet von Rufen wie »Bringt die Schweine um!«. Thielen hob wieder die Hand, aber es dauerte eine Weile, bis sich auch der letzte Hitzkopf beruhigt hatte und Stille einkehrte.

»Meine Kameraden, meine Blutsbrüder! Ich kenne euch alle und liebe euch wie mein eigen Fleisch und Blut.« Er legte eine Hand auf sein Herz. »Ich weiß, dass in euren Reihen kein Einziger ist, der unseren Bund verraten würde. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Dafür würde ich mein Leben geben!«

Was hat Thielen vor?, überlegte Karl. So theatralisch hatte er ihn selten erlebt. Erst jagte er ihnen eine Höllenangst ein, dann baute er sie wieder auf.

»Angst lähmt, meine Freunde. Aber wir dürfen keine Angst haben, denn vor uns liegen große Aufgaben, für die unser Schulterschluss enger sein muss als jemals zuvor!« Thielen nickte leicht, und Eckl wechselte zur nächsten Folie in der Präsentation. Die Leinwand zeigte eine 3D-Animation der geplanten Synagoge. Sofort begann das erregte Publikum zu pfeifen und zu buhen. Eine Bierflasche krachte gegen die Leinwand und brachte sie zum Wanken, während sich das Bier über das Bild der Synagoge ergoss. Das Publikum lachte.

Thielen brachte das Mikrofon näher an seinen Mund und übert.nte den Lärm. »Wollt ihr so einen Schandfleck in unserer deutschen Stadt haben? Wollt ihr das?«

Als Antwort erhielt er Pfiffe und Buh-Rufe. Aber Thielen war das noch nicht genug. Laut schrie er in das Mikrofon: »Ich kann euch nicht hören!«

Die Neonazis standen nun nacheinander auf, stampften mit den Springerstiefeln auf den Boden und schrien sich die Kehle aus dem Hals.

Thielen lächelte zufrieden. Ja, das waren seine Jungs, das war seine Armee! Wie ein Pfarrer bei der Segnung streckte er beide Hände nach ihnen aus, bis sich die Menge beruhigt und wieder hingesetzt hatte.

Nun senkte er auch seine Stimme und vermittelte wieder ganz den Eindruck eines gemäßigten Politikers.

»Bislang konnten wir den Bau dieses zionistischen Tempels erfolgreich vereiteln, aber nun ... Nun haben die Juden einen privaten Finanzier gefunden. Einen Juden, der so viel Geld in der Tasche hat – ich möchte nicht wissen, woher –, dass der Bau in absehbarer Zeit fortgesetzt werden könnte.« Ein Raunen ging durch die Reihen der Glatzköpfe.

Eckl wischte sich den Schweiß von der Stirn, dann wechselte er erneut die Folie. Thielen fuhr fort.

»Dieser alte Mann ...«, er zeigte auf ein schlechtes Foto von Ephraim Zamir, »... ist der jüdische Geldsack, der unsere deutsche Stadt in einen Schandfleck verwandeln wird, auf die andere Kameradschaften angewidert mit dem Finger zeigen werden!«

Der Zwischenruf einer Kinderstimme erntete laute Zustimmung: »Lyncht die Judensau!« Es war Thomas gewesen, der nun selbst auf einem Stuhl stand und aus voller Kehle den Satz immer wieder wiederholte, bis die Kameraden irgendwann zu lachen begannen und Thielen den Jungen anwies, nun leise zu sein. Kaum hatte Thomas sich wieder gesetzt, zeigte Thielen auf Gottfried Wegener und winkte den bulligen Kerl mit der Schlangentätowierung am Hals zu sich.

»Ich glaube nicht, dass wir den alten Mann gleich umbringen müssen. Wir sind doch keine Unmenschen, oder, Steiner?«

Alle lachten, und Karl wunderte sich darüber, wie wenig die meisten hier verstanden, dass man sie gerade vorgeführt hatte. Es war so leicht, diese zornige Masse zu manipulieren. Gottfried stand nun mit finsterem Gesicht neben Thielen, der ihm eine Hand vom Schemel herab auf die Schulter legte.

»Es wird völlig ausreichend sein, wenn Steiner und Kamerad Udo dem Itzig einen Besuch abstatten und ihm ganz ... vernünftig ... unsere Argumente unterbreiten.«

Dabei zeigte sein Gesicht ein teuflisches Grinsen.

TURMSCHATTEN (WattyWinner 2019)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt