● 2 - Menschen, Tiere und Tomaten

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Okay, ich gab zu, dass ich eine soziale Katastrophe war, aber jetzt wurde es einfach nur lächerlich.
Den ganzen restlichen Tag konnte ich mich noch weniger konzentrieren und in der zweiten Pause verhielt ich mich wie ein verdammter Stalker, weil ich Fen die ganze Zeit beobachtete. Das einzig Gute war, ich konnte mir ihn etwas genauer ansehen.

Er trug ziemlich dunkle Sachen: Schwarze Hose, schwarzes Shirt, dunkelgrünes Flanell-Hemd, schwarze Schuhe. Er trug auch ein langes Lederband um den Hals, mit einem Anhänger, der ein bisschen aussah wie ein Vorschlaghammer, bei dem man den Griff etwas sehr kurz gemacht hatte.

Ich war dann leider doch etwas zu sehr damit beschäftigt, mir jedes Detail von ihm einzuprägen, sodass ich nicht mitbekam, wie Fen sich plötzlich vor mich stellte.
»Starren ist ganz schön unhöflich, Eldúsfífl«, sagte er mit vor der Brust verschränkten Armen.
Ich schreckte zusammen: »W-was?«
Ich musste schrecklich dumm aussehen. »Nichtsnutz«, antwortete er sofort.
Jetzt war ich endgültig verwirrt...
»Hä?«
Er stöhnte genervt auf: »Eldùsfífl bedeutet Nichtsnutz.«

»Achso.« Ich schaute beschämt zu Boden. Ein toller Start.
»Darf ich jetzt eventuell auch den Namen meines Stalkers erfahren?« Er zog eine Augenbraue nach oben und musterte mich.
Von meinen schulterlangen, dunkelblonden und ungekämmten Haaren bis runter zu meinen alten, früher mal weiß gewesenen Turnschuhen.

Sein Blick bohrte sich in meine Haut und ich bekam eine Gänsehaut... Schon wieder. Diese Gänsehaut schien mich zu verfolgen und immer dann anzugreifen, wenn ich in Fens Nähe war.
Krampfhaft versuchte ich, einen vernünftigen Satz aufzubauen, wie: ›Hey, ich bin Cass oder Cassiel, um genau zu sein.‹
Aber das traute ich mir unter dem eiskalten Blick von Fen nicht zu, also piepste ich nur leise: »Cassiel Weiß.«

»Also gut, Cass, warum verfolgst und beobachtest du mich?«
Ganz im Ernst, ich wollte überhaupt gar nichts mehr sagen. Am liebsten würde ich jetzt einfach nur weglaufen. Auf so eine Art hatte ich noch nie mit Menschen interagiert, und Fens ausdrucksloser Blick machte es nicht besser, ich fühlte mich wie ein aufgeschrecktes Rehkitz, das von einem Wolf eingekesselt wurde. Fen war definitiv der Wolf und ich hatte wirklich Angst, dass er mich gleich einfach anfiel und umbrachte; aus seinem Blick und Gesichtsausdruck konnte ich ja nicht viel lesen.

Er seufzte: »Ich mache dir Angst, oder?«
Ich setzte jetzt einfach auf Ehrlichkeit, meine Stimmlage kurierte das aber nicht: »Ja, schon ein bisschen...«
Er seufzte erneut.
»Tut mir leid. Ehrlich, ich will hier niemandem Angst machen. Ich bin halt nur etwas angespannt, wegen meiner Eltern, wegen des Umziehens, wegen der neuen Schule –«
Er sackte richtig in sich zusammen, sah nun nicht mehr annähernd so gefährlich aus, wie gerade eben noch. Er sah nun eher verzweifelt aus.
Ich unterbrach ihn in seinem Redefluss: »Ist schon gut.«

Er schaute mich erstaunt an, dabei bekam ich schon wieder eine Gänsehaut (Langsam fing es an, wirklich zu nerven).
»Fenris, Fenris Nygård.«
»Ny-was?«
Er lachte, und ich war mir ziemlich sicher, er lachte über mich.
»Nygård, das spricht man Nyguard aus, und beim å musst du etwa so klingen, als hättest du einen Frosch im Hals; aber nicht zu doll, das muss subtil scheiße klingen.«
Jetzt musste ich auch lachen.
»Aber wenn es dir recht ist, belassen wir es bei Fen, einfach nur Fen«, lachte Fen und er wirkte nun nicht mehr annähernd so angsteinflößend wie zu Beginn.
»Gut, Fen.«
»Gut, Cassie.«
»Cassie?«
»Jap, richtig gehört. Cassie.«

Es war ein unfassbar seltsames Gefühl, hier zu stehen und einen Spitznamen zu bekommen. Fast so, als wären ich und Fen so richtige Freunde.

»Hey, hast du Lust, nach der Schule mit zu mir zu kommen? Ich muss meiner Schwester beweisen, dass ich nicht unfähig bin, Freunde außerhalb der Tierwelt zu machen.«

Fen hielt kurz inne, er merkte wohl selbst, wie skurril das klang. »Frag bitte nicht...«

»Nein, nein, ich versteh schon. Also ich führe sehr interessante Gespräche mit meinen Tomatenpflanzen. Es sind sehr einseitige Gespräche, aber interessante.«

Fen fing an, laut loszulachen und ich realisierte, was genau ich da gerade gesagt hatte. Ich musste mittlerweile aussehen wie eine der Tomaten, mit denen ich regelmäßig redete. Das schien Fen nur noch mehr zum Lachen zu bringen. »Also, hast du Lust?«, fragte Fen, als er damit fertig war, mich auslachen.

»Äh, ja, klar. W-warum nicht?«

»Det er supert!«, rief Fen erfreut.

»Bitte was?«

»Ach, nichts. Norwegisch.«

»Ist dein Name auch Norwegisch? Also dein Vorname? Fenris?«

»Nein, nicht wirklich. Es ist der Name eines Wolfes aus der Nordischen Mythologie und tatsächlich weiß ich gar nicht, was meinen Vater dazu geritten hat, mich so zu nennen. Na gut, meine Mutter wollte mich Iva nennen und das wär noch seltsamer gewesen...«, erklärte Fen.
Ich verstand nur irgendwas von Wolf und nordisch, dann war ich raus.

Ich mochte Wölfe, es waren schöne Tiere, aber etwas Angst machten sie mir schon, wie fast alles auf dieser Welt... Ich war so schlagfertig wie Watte. Und so mutig wie eine Mimose.
Hab etwas mehr Selbstvertrauen, Cass.
Ich würde mich nur selbst anlügen, würde ich versuchen, selbstbewusst zu sein.

Aber zurück zu Fen. Ich gab mir Mühe, den Faden wiederzufinden, den ich während der Denkerei verloren hatte.
»Ich muss dann noch meiner Mutter Bescheid geben. Das heißt, ich muss noch kurz zu mir nach Hause«, sagte ich eine Spur zu genervt.
Das merkte anscheinend auch Fen, denn er fragte: »Alles okay? Warum rufst du sie nicht an?«

»Geht nicht. Mama hat Angst vor moderner Technik. Wir haben auch kein Auto oder einen Fernseher, geschweige denn Handys.« Ich fuchtelte mit den Armen in der Luft rum; das tat ich oft, wenn ich mich aufregte. Mich störte es zwar nicht wirklich, dass wir keine technischen Hilfsmittel hatten, aber manchmal machte es Dinge unnötig kompliziert.

»Naja, auch gut. Dann komm ich eben noch kurz mit zu dir. Meinen Eltern macht das nichts«, sagte Fen.
»Okay.«

Ihr ahnt gar nicht, wie seltsam das war. Den gesamten Weg vom Klassenraum übers Schulgelände bis zum Schultor wurde ich von allen schief angesehen... Fen neben mir schien das kein bisschen zu stören: Er redete heiter über das Essen, welches seine Mutter heute kochen würde, und über das dumme Gesicht seiner Schwester, wenn er mich ihr vorstellen würde.

Ich nahm Fens gute Laune hin, er sah unfassbar niedlich aus dabei. Ich musste schmunzeln.

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now