● 1 - Mein wunderschöner Name und seltsame Beleidigungen

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Nachdenklich drehte ich den Kreuzanhänger in meinen Fingern. Der Anhänger, welchen meine Mutter mir zur Firmung geschenkt hatte, war klein und aus Silber.
Ach, meine Firmvorbereitung... Ein halbes Jahr, das ich versuchte, so schnell wie möglich wieder zu vergessen. Ich hätte meinen Kopf während dieser Zeit gerne gegen eine Wand geschlagen, wenn unser Pfarrer nicht bei jedem kleinen Mucks direkt Todesblicke abgefeuert hätte.

»Cassiel, komm bitte herunter, es gibt Essen!«, rief meine Mutter meinen von mir äußerst verhassten Namen. Cassiel – ein Engel, der Engel des Donnerstags... Beweisstück A, dass meine Mutter einen Schaden hatte.

Ich verließ mein Zimmer nun also viel zu früh – um 6:22 Uhr – um mit meiner Mutter zu frühstücken.
Und wie jeden Morgen kam ich um kein Tischgebet herum. Leise murrte ich die Zeilen des Gebets mit, die meine Mutter voller Enthusiasmus über den Tisch rief. Mit gesenktem Kopf hingen mir einige meiner ungekämmten Haare im Gesicht.

Meine Mutter beschwerte sich immer darüber, dass ich mich weigerte, meine Haare zu schneiden, und dass sie ja schon viel zu lang sein, für einen Jungen.
Das, meine Freunde, war meine Art zu rebellieren. Das machte man halt so mit 15: Die einen fingen an zu rauchen und ich sparte meiner Mutter das Geld für den Friseur.

»Wir bekommen heute übrigens einen neuen Schüler«, sagte ich mit halbgefülltem Mund.
»Ach echt, schon heute? Sagtest du nicht, er komme erst nächste Woche?«, fragte meine Mutter.
»Nein, Mama, das hab ich letzte Woche gesagt...«
»Ach, echt?«
»Ja...«

Ich war ein Einzelgänger, in meiner Schule zogen sie mich auf, wegen meiner Haare oder einfach nur aus Spaß, weil ich ein leichtes Opfer war. Ich wehrte mich nicht, denn ich wurde erzogen, alles einfach über mich ergehen zu lassen. Es tat weh, aber ich konnte es ignorieren.
Ich hatte keine Freunde, aber wer würde auch mit mir befreundet sein wollen? Den meisten war ich nur solange gut genug, wie sie von mir abschreiben konnten.

Aber genug der Depri-Scheiße, ich war dankbar dafür, dass ich nicht die Probleme anderer hatte. Irgendwo hatte ich ja immer noch ein recht lebenswertes Leben.

Und ja, für euch auf Wattpad, damit jetzt auch der letzte Idiot Bescheid weiß: Ich. Bin. Ein. Kerl!
Cassiel Weiß, männlich, 15, Deutsch-Norddeutsch, lasst mich.
Gut, dass wir das jetzt auch geklärt haben...

Der Unterricht begann nun wie immer 10 Minuten zu spät, da unser unfassbar beliebter Biolehrer Herr Laike unbedingt noch vor dem Unterricht eine rauchen musste.
Noch geiler war's, wenn er uns dann was davon erzählte, wie schädlich das Rauchen doch sei, und Drogen überhaupt.

Nachdem ich dann die halbe Doppelstunde verschlafen hatte, und die andere Hälfte damit verbracht hatte, die blöden Sprüche meiner Mitschüler zu ignorieren, erlöste uns die Klingel in die erste Pause.
Gerade hörte ich aus dem Klassenzimmer heraus das Lästern einiger meiner Mitschülerinnen: »Habt ihr gehört? Der Neue soll Ausländer sein! So aus Norwegen oder so«, sagte Lishka Merkke, ein isländisches Mädchen, welches nicht mal wirklich schlecht aussah; aber ihr Deutsch war eine Qual und ihr Benehmen eine viel Größere.

»Ih, ist der dann Heide oder wie?!«, quiekte Mari Fehrens, nichtmal das dümmste Exemplar, aber ich wiederhole: Aua, das Deutsch.
»Was' denn das?«, fragte Lishka nach und zog ein dümmliches Gesicht.
»Na, Leute, die nicht an Allah glauben oder an Gott. Die sind voll brutal und vergewaltigen alles!«, rief Maris Schwester Lele-Katrina (Ich will an der Stelle um eine Schweigeminute für sie bitten. Ich meine, nicht mal etwas so hohles wie sie hat so einen Namen verdient).
»Echt?!«, kreischten die anderen beiden Mädchen.

Ich lief an ihnen vor bei; ich hatte Hunger und außerdem ging mir ihr Geschrei auf die Nerven, gemeinsam mit diesen Vorurteilen.
Die kannten den Neuen doch noch gar nicht.

Im Augenwinkel, im anderen Gang, nahm ich wahr, wie unsere Klassenlehrerin mit einem Jungen redete. Ich sah ihn nur von hinten, aber ich war mir ziemlich sicher, dass das der neue Schüler sein musste.

Die halbe Stunde Pause verging, meiner Meinung nach, viel zu langsam. Mehr als 20 Minuten hatte ich nichts besseres zu tun, als auf meine leere Brotdose zu starren.
Als die Pause dann nun endlich zu Ende war, stand Klassenlehrer-Unterricht an, was hieß: Entweder machten wir Deutsch, Englisch oder Klassenrat.
Heute war Letzteres angesagt, nicht zuletzt, weil unsere Lehrerin den neuen Schüler vorstellen wollte.

»So«, sagte Frau Wolkens übermotiviert in Richtung Klasse. »Wie ihr unschwer erkennen könnt, ist hier ein neues Gesicht«, zeigte sie auf den Jungen neben ihr.
Er war ziemlich normalgroß, vielleicht ungefähr so wie ich, hatte dunkle Haare und eisblaue Augen, die ich bis zu meinem Platz in der dritten Reihe sehen konnte. Ich bekam eine Gänsehaut, als sein Blick kurz über mich huschte.
Er stand da ganz ruhig, scannte die Klasse wie einen Tatort.

»Willst du dich nicht vorstellen?«, fragte Frau Wolkens den Jungen.
Natürlich. »Ich heiße Fenris, aber bitte, Fen reicht allemal.«
Ich wäre fast aufgesprungen und ihm um den Hals gefallen, denn bis auf einen kleinen (wenn auch echt cool klingenden) Akzent, sprach er echt gerades Deutsch.
Dann wurde er irgendwo hingesetzt, was allerdings in einer gigantischen Diskussion zwischen zwei Mädchen und Frau Wolkens endete. Durch Fen, der zwischen sie gesetzt wurde, saßen sie jetzt nicht mehr nebeneinander, und das gehe halt gar nicht, deren Meinung nach.

Also wurde nun als Kompromiss die gesamte Sitzordnung geändert.
Jetzt saß zu meiner Rechten ein hämisch grinsender Marek Lind, einer der ganz flotten Sorte: Er hatte fast die komplette siebte Klasse von mir abgeschrieben und somit eine Fünf nach der anderen kassiert. Und links neben mir saß doch tatsächlich Fen und starrte auf seinen blauen Collegeblock.

Die restliche Stunde wurde über belangloses Zeug geredet und leider war auch ich wieder ein Thema. Als Frau Wolkens kurz einen Kaffee holen wollte, tippte mich Marek an der Schulter an: »Ey, Penner, lass mich mal wieder abschreiben, jau!«
»Nein, du weißt, wie das das letzte Mal ausging«, sagte ich so ruhig wie möglich.
»Jau, lass mich abschreiben, du Pussi!«

»Er sagte nein, fífl!«, sagte Fen neben mir. Erstaunt schaute ich zu ihm.
»Was willst du denn?! Selber Fefül! Was heißt das überhaupt?!«, sagte Marek aufgebracht.
Fen antwortete: »Das bedeutet ›Idiot‹, Idiot.«
»Halt die Schnauze, du Hund!«
»Ich bevorzuge Wölfe, aber danke, du
Intelligenzknochen.«

In dem Moment als ich Angst bekam, die beiden fielen sich gleich gegenseitig an, kam Frau Wolkens mit ihrer Tasse Kaffee wieder.

Und ich war erstaunt, hatte mich der neue tatsächlich verteidigt? Mit irgendeiner seltsam klingenden Beleidigung?!

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now