*16. Ich glaube mein Leben liebt mich doch*

5.4K 454 20

Jay hatte mir am Freitag den schönsten Tag meines Lebens gemacht. Elf meiner Wünsche waren bereits erfüllt worden und mein Magen kribbelte angenehm. Obwohl es kurz vor sieben war, fühlte ich mich hellwach.

Ich hatte die Augen aufgeschlagen und als aller erstes musste ich ein Lächeln unterdrücken. Wie lange war es her, dass ich morgens aufgewacht war, mit dem Gedanken: „Heute ist ein guter Tag"? Ich drehte mich auf die Seite. In wenigen Augenblicken müsste ich aufstehen, doch der Gedanke an die unmittelbar bevorstehende Schule jagte mir an diesem Morgen keine Heidenangst ein. Heute freute ich mich darauf Jay zu sehen, schweigend mit Kathrine in der Kantine zu sitzen. Ich freute mich auf den Tag und hoffte, dass Leben würde mich so begeistern wie am Freitag.

Seit ich Jay kannte, war ich ein anderer Mensch geworden, ein besserer. Ein Mensch, der sich nicht total panisch im Bett verkroch. Ich setzte mich auf, noch bevor der Wecker aufging und klopfte mit den Fingern gegen meinen nackten Oberschenkel. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass der Sommer sich langsam dem Ende zu neigte. So langsam wurde es auch Zeit, die Hitze war inzwischen unerträglich geworden.

Ich holte tief Luft und versuchte etwas aus meiner Kehler zu bekommen. Etwas Einfaches um für den Fall der Fälle bereit zu sein.

»Mein Name – «, begann ich leise zu krächzen. Ich räusperte mich und ließ mich zurück aufs Bett fallen. Mein rechtes Bein hing leblos vom Bett herunter und meine Zehe berührten den kühlen Boden. Konnte eine Stimme für immer verschwinden? Hatte ich in all der Zeit meine Stimmbänder unbrauchbar gemacht? Allein diese zwei Worte hinterließen ein unangenehmes Kratzen in meiner Kehle. Mit einem letzten Räuspern begann ich von vorne: »Mein Name ist Cynthia – « Der Wecker unterbrach meine jämmerlichen Versuche wieder mit dem sprechen anzufangen.

Mit einer flüssigen, schnellen Bewegung langte ich nach der Uhr und stellte ihn. Das nerventötende Piepen versagte. »Cynthia Anastasia Barrow«, krächzte ich noch hastig hervor, dann rappelte ich mich auf und zog mir etwas zum Anziehen aus dem Kleiderschrank. Leise öffnete ich meine Zimmertür und verschwand hastig und ohne dass meine Eltern etwas davon mitbekamen, im Badezimmer. Meine Klamotten landeten lieblos auf dem Klodeckel. Der Spiegel zeigte ein blasses Gesicht mit zotteligen Haaren. Ich strich mit den Fingern unter meinen Augen entlang, zeichnete meine Augenringe nach und fuhr mir dann durch die blonde Haarmähne. Vielleicht sollte ich mal einen Friseurbesuch auf die Wunschliste setzen. In den letzten drei Jahren war es einfach vor sich hingewachsene, unbekümmert und ohne eine Schere zu sehen.

Ich drehte mich von dem Spiegel weg und entledigte mich meinen Schlafsachen. Der Wasserstrahl war kalt und ich unterdrückte einen panischen Aufschrei, während ich wegzuckte und mich in die eine Ecke der Dusche presste, damit das kalte Wasser meinen Körper nicht noch einmal treffen konnte. Mit der Hand sah ich vorsichtig nach, ob es wärmer wurde.

Vorsichtig stellte ich mich zurück unter den Wasserstrahl und räusperte mich erneut. Der Sprechversuch hatte sich noch immer nicht aus meinem Hals gelöst. Wieso versuchte ich es überhaupt? Nein, die Frage die mir heute durch den Kopf ging, war: Wieso hatte ich überhaupt beschlossen mit dem Reden aufzuhören? Wem hatte ich etwas beweisen wollen? Mir selbst? Definitiv nicht.

Ich war mir sicher, dass ich nur noch schwieg, damit Dr. Egotrottelschwein nicht dachte, er hätte mich irgendwie von den Qualen befreit. Ich wollte nicht, dass meine Eltern dachten, es sei sein Verdienst, dass er die Belohnung kassierte, die meine Eltern in all ihrer Verzweiflung aufgestellt hatten.

Würde Jay sein Versprechen noch immer halten, wenn er das Geld bekäme? Oder wäre seine Mission damit erledigt?

Und falls er mich fallen lassen würde, würde ich mich fangen und mein Leben endlich selbst in die Hand nehmen oder würde ich wieder in das unausweichliche Schema meines bisherigen Lebens verfallen?

Cynthia Barrow - Alle meine WünscheLies diese Geschichte KOSTENLOS!