Der Videospieltester

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Die rundliche Frau mittleren Alters, die neben mir saß und den Eindruck einer Buchhalterin vermittelte, stieß mich an. Sie war bei einer Frage über „Charisma" angelangt und fragte ihre Nachbarn nun laut flüsternd, was das Wort bedeutete. Ich konnte nicht verstehen, was der Mann antwortete, der zu ihrer anderen Seite saß, aber er versuchte, eine ernste Miene beizubehalten. Die Frau errötete und trug ihre Antwort mit der Schnelligkeit eines Druckers auf ihrem Tablet ein. Dabei verdeckte sie mit der linken Hand, was sie schrieb. Ich schüttelte den Kopf. Wenn das meine Konkurrenz war ... Ich kreuzte zuversichtlich die Option „Virtuelle Währung entnehmen" an.

Die Entscheidung war getroffen, jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich versuchte, das unangenehme Gefühl der Angst loszuwerden, das mich beschlich, wenn ich an mein leeres Bankkonto dachte. Doch das war nicht alles. Da gab es noch den überfälligen Kredit, dessen Zinsen sich langsam, aber sicher anhäuften. Wenn ich in den nächsten Wochen nicht wenigstens einen Teil davon abbezahlen konnte, würde die Bank meine Karte sperren. Außerdem hatten meine Schwester und ich seit drei Monaten keine Miete mehr bezahlt. Unsere Vermieterin hatte bereits damit gedroht, uns rauszuwerfen. Es würde äußerst schwierig sein, ohne festes Gehalt auszukommen.

Trotzdem hatte ich beschlossen, das Risiko einzugehen, genau wie damals, als ich die Ingame-Immobilie in Königreiche der Schwerter und Magie gekauft hatte. Doch dieses Mal setzte ich nicht nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung aufs Spiel, sondern alles, was meine Schwester und ich noch besaßen.

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„HALLO UND WILLKOMMEN!" Ein elegant gekleideter, dunkelhäutiger Mann mit dunklen Locken betrat die kleine Bühne. „Mein Name ist Alexandro Lavrius. Ich bin Direktor der Abteilung Sonderprojekte des Unternehmens von Reich ohne Grenzen. Sie wurden ausgewählt, um unter meiner Leitung als Videospieltester zu arbeiten. Was ist mit dem Mikrofon los?"

Das Mikrofon gab einen lauten Pfeifton von sich, sodass meine Ohren schmerzten. Die junge Assistentin des Direktors sprang schnell auf die Bühne und stellte das Mikrofon ein, das an Alexandros Kragen befestigt war. Der Direktor warf ihr einen unzufriedenen Blick zu, der nichts Gutes versprach, und fuhr fort: „In Ordnung, jetzt sollte es funktionieren. Zuerst eine kurze Einführung. Das virtuelle Reich ohne Grenzen, in dem Sie arbeiten werden, ist sehr groß. Es ist nicht grenzenlos, wie der Name vielleicht vermuten lässt, doch es hat eine beachtliche Größe. Es ist jetzt schon größer als unsere Erde, Sie können also praktisch grenzenlos herumreisen und neue, interessante Orte entdecken. Zurzeit gibt es etwa 240 Millionen Spieler in Reich ohne Grenzen und diese Zahl steigt pro Monat um etwa zwei bis drei Millionen. Man könnte meinen, unser Unternehmen wäre stolz darauf, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen und das Geld einfahren. Das ist aber nicht der Fall. Unser Management lässt sich ständig neue, noch grandiosere Pläne einfallen, die Entwicklung des Spiels ist nach wie vor in vollem Gange. Die Planungsabteilung sieht jedoch bestimmte Risiken für die mittelfristige Zukunft und die Direktoren sind der Meinung, dass eine reale Gefahr besteht.

Wir sehen zwei Hauptprobleme. Erstens: Trotz der vielen verschiedenen Völker und ihren einzigartigen Charakteristiken in Reich ohne Grenzen wollen 78 Prozent der Spieler als Menschen spielen. Das ist eine deutliche Unausgewogenheit. Wenn wir außerdem in Betracht ziehen, dass 17 Prozent als verschiedene Arten von Elfen- und Halbelfen spielen und drei Prozent als Zwerge, kommen wir direkt zur Wurzel des Problems. Nur zwei Prozent wählen ein anderes Volk aus den über 100 verfügbaren Möglichkeiten.

Es gibt vielfältige Gründe für dieses Ungleichgewicht. Vor allem haben potenzielle neue Spieler praktisch keine positiven Gamer-Vorbilder, die weniger beliebte Völker gewählt haben. Die Spielforen sind voll von detaillierten Anleitungen über menschliche Paladine, Waldelfen-Bogenschützen und Halbelfen-Assassinen. Daher ist es keine Überraschung, dass neue Spieler Angst haben, einen unbekannten Pfad zu wählen. Weil sie nur einen Charakter haben können, wollen sie kein Risiko eingehen. Das Ergebnis ist, dass sie menschliche Paladine, Elfen-Bogenschützen und Dunkelelfen-Nekromanten erstellen, die es in unserer Welt schon im Überfluss gibt. Unsere bisherigen Nutzer verlieren zu Recht ihr Gefühl der Einzigartigkeit und ihr Interesse am Spiel, weil sie jeden Tag mehrere exakte Ebenbilder von sich selbst treffen.

Der Videospieltester (Kräutersammler der Finsternis Buch 1) von Michael AtamanovWo Geschichten leben. Entdecke jetzt