Der Videospieltester

Beginne am Anfang
                                    

Ich sah mich zwar nicht als Verlierer, doch ich passte trotzdem in diese Gruppe. Ich war schon 22 Jahre alt, hatte aber keinen Job, keine Freundin, kein Geld und keine eigene Wohnung. Ich unterschied mich also nicht viel von den anderen. Ich war nicht dumm, ich besaß einen Abschluss in chemischer Forschung. Ich war in der Lage, eine Unterhaltung zu führen, sah nicht schlecht aus und war einigermaßen sportlich. Es fiel mir auch nicht schwer, mit Frauen zurechtzukommen, doch aus irgendeinem Grund hatten alle meine Freundinnen mich wegen anderer Typen verlassen. Sobald sie herausfanden, dass ich mich um meine gehbehinderte Schwester kümmern musste, machten sie sich aus dem Staub. Das war zwar schade, doch ich würde meine Schwester niemals wegen einer oberflächlichen Beziehung aufgegeben.

Meine Schwester Valeria war zur Zeit des Unfalls 11 Jahre alt gewesen. Mein Vater hatte am Steuer des fliegenden Familienautos gesessen, als es mit dem eines Diebes zusammenstieß, der auf der Flucht vor der Polizei war. Durch den Aufprall und dem daraus resultierenden 30-Meter-tiefen Fall waren meine Mutter und mein Vater sofort getötet worden. Meine jüngere Schwester überlebte, doch sie verlor beide Beine und erlitt schwere Verletzungen und Knochenbrüche. Die Polizei hatte ermittelt, dass mein Vater schuldlos gewesen war, doch das machte die Sache auch nicht leichter. Ich hatte unsere Wohnung in einer guten Gegend der Stadt verkaufen müssen, um Vals Behandlung und andere Rechnungen bezahlen zu können.

Ich wurde Valerias Erziehungsberechtigter, ihr Freund und Psychologe. Ich ersetzte ihr die ganze Welt. Am schwersten war die Zeit gleich nach dem Unfall gewesen. Valeria litt ständig unter starken Schmerzen und sah keinen Grund, weiterzuleben. Sie bat mich oft, ihr eine Handvoll Schlaftabletten zu geben, damit sie nicht mehr aufwachen musste. Ich tat mein Bestes, um meine Schwester zu trösten und sie davon zu überzeugen, keinen Selbstmord zu begehen. Tatsächlich wurde ihr Lebenswille nach und nach stärker. Wir versuchten viele Dinge, um ihre Stimmung zu heben, und es stellte sich heraus, dass Spaziergänge das beste Mittel waren. Wir wohnten neben einem großen, schönen Park, in dem wir uns oft aufhielten. Leider mussten wir bald aus dem Stadtzentrum an den Stadtrand ziehen, weil uns das Geld fehlte. Kurz danach wollte Val keine Spaziergänge mehr machen. Meine Schwester konnte die Witze und das Gelächter der Nachbarskinder nicht aushalten. Sie nannten sie Krüppel und bewarfen sie sogar mit Steinen. Es war einfach zu viel.

Doch dann fand sie eine neue Möglichkeit, ihre Behinderung zu vergessen. In virtuellen Computerspiel-Welten konnte sie sich austoben und wieder schöne Umgebungen genießen. Dieser neue Zeitvertreib brachte uns aber kein Geld ein. Ganz im Gegenteil. Die Situation hatte sich besonders in den letzten Monaten verschlechtert, als deutlich wurde, dass die Spielwelt, die sie einige Jahre zuvor gewählt hatte, Königreiche der Schwerter und Magie, zu Ende zu gehen drohte.

Ich schüttelte den Kopf, um die traurigen Gedanken zu verscheuchen, und kehrte zu dem Fragebogen zurück. Nachdem ich alle Fragen beantwortet hatte, kam ich zum letzten Punkt, der gewünschten Zahlungsart. Es gab zwei Optionen: Ein monatliches Festgehalt oder die Möglichkeit, virtuelle Währung zu entnehmen und sie gegen reales Geld einzutauschen. Wie bei den meisten MMOs war es in Reich ohne Grenzen normalerweise nur erlaubt, Geld einzuzahlen. Man konnte zwar reales Geld ins Spiel investieren, doch es war nicht möglich, es wieder zu entnehmen. Nur für die Angestellten des Unternehmens wurde eine Ausnahme gemacht. Wenn sie wollten, konnten sie anstatt eines realen Gehalts virtuelle Währung aus dem Spiel entnehmen.

Was mich betraf, war das der Grund, warum ich unbedingt für das Unternehmen von Reich ohne Grenzen arbeiten wollte. Keine Firma würde einem der kläglichen Verlierer, die mit mir in diesem Zimmer saßen, ein festes Gehalt zahlen. Doch wenn man Spielgeld auf legale Weise in reales Geld umtauschen könnte ... Die Möglichkeiten waren nicht abzusehen. Mein Charakter könnte im Spiel reich werden und damit meine finanziellen Probleme im realen Leben lösen. Meiner Schwester und mir war natürlich klar, dass auf jeden Spieler, der Glück hatte, Tausende kamen, die die falsche Wahl trafen, hart arbeiteten und höchstwahrscheinlich doch nur den Mindestlohn verdienten. Aber wir hatten unsere Entscheidung gemeinsam und bewusst getroffen.

Der Videospieltester (Kräutersammler der Finsternis Buch 1) von Michael AtamanovWo Geschichten leben. Entdecke jetzt