Der Videospieltester

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Wer hätte ahnen können, dass das bis dahin unbekannte Unternehmen Reich ohne Grenzen nur zwei Wochen nach meiner riskanten Anschaffung seine eigenen Spielserver starten würde? Hätte irgendjemand voraussehen können, dass es in nur drei Jahren zum weltweit größten und reichsten Unternehmen werden sollte, das viele hundert Millionen Spieler weltweit in seine äußerst realistische Welt ziehen würde? Der Wert meiner virtuellen Immobilie in Königreiche war so stark gefallen, dass er nicht einmal mehr die Zeit rechtfertigte, die ich damit verbracht hatte, sie zu bauen.

Der HR-Mitarbeiter verbrachte einige Minuten damit, sich meinen Lebenslauf genauer anzusehen, bevor er mich anblickte und lächelnd sagte: „Ein menschlicher Paladin auf Level 310, ein Dunkelelfen-Bogenschütze auf Level 270, ein Halbelfen-Magier auf Level 190 ... Nicht schlecht, gar nicht schlecht. Timothy. Hat man Sie darauf aufmerksam gemacht, dass Spieler in Reich ohne Grenzen nur einen Charakter haben können, der nicht geändert oder gelöscht werden darf? Auf diese Weise gehen wir sicher, dass unsere Spieler ihre Charaktere wirklich verstehen und eine enge Verbindung zu ihnen aufbauen. Nur dann erleben sie die Spielwelt als echte Realität."

Ich nickte nur, ohne etwas zu sagen. Natürlich wusste ich das. Es war der Punkt, über den ich mir am meisten Sorgen machte, seitdem ich die Online-Stellenanzeige für Reich ohne Grenzen-Spieltester gesehen hatte. Mein Problem war, dass ich schon einmal versucht hatte, Reich ohne Grenzen zu spielen. Doch das war vor über drei Jahren gewesen. Zu der Zeit war es noch eine offene Beta-Version gewesen, die mir etwas „halbgar" erschien. Es gab weder Übungsszenarien, Anleitungen, noch Ingame-Hinweise. Die Stelle, an der ich gestartet war, hatte grob und unvollständig ausgesehen. Keine „prächtigen, lockenden Horizonte" oder „hinreißend echten Sonnenuntergänge", wie die Werbung es jetzt versprach. Damals hatte es all das in Reich ohne Grenzen nicht gegeben.

Außerdem hatte ich nur sieben Minuten gespielt. Mein Charakter war ein Level-1-Barbar gewesen, ich hatte eine zweihändige Axt gewählt und den Startbereich verlassen. Gleich neben dem Dorf war ich auf eine Gruppe von Level-70-Vampirfledermäusen getroffen - und eine Sekunde später war ich tot. Als ich die Nachricht erhalten hatte, dass ich eine ganze Stunde warten müsste, um zum Spawnpunkt zurückkehren zu dürfen, hatte ich das unausgereifte, unausgewogene Spiel verflucht und es von meinem Computer gelöscht. Jetzt hoffte ich, dass mich mein früherer, fehlgeschlagener Versuch nicht daran hindern würde, einen Job als „Videospieltester" zu bekommen, wie die Position in der offiziellen Stellenanzeige ausgeschrieben war, um die ich mich in diesem Gespräch bewarb.

„Was gibt es noch zu sagen, Timothy? Sie haben wirklich viel Erfahrung mit Videospielen und keine physischen oder psychischen Probleme. Ich sehe keinen Grund, warum Sie nicht für unser Unternehmen arbeiten sollten", erklärte der Mann mit einem Lächeln und reichte mir ein Tablet mit einem Fragebogen. Er bat mich, in dem kleinen Nebenzimmer Platz zu nehmen, den Bogen auszufüllen und dann auf den Beginn des Einführungsgesprächs zu warten.

Ich ging in das Zimmer, holte mein Handy heraus und tat so, als ob ich ein Selfie vor dem coolen Poster mit dem blauen Wasserdrachen machen würde, während ich eine Nachricht sendete: Das Vorstellungsgespräch ist gut gelaufen.

Gleich darauf vibrierte mein Handy. Es war die Antwort: Keine Eile, aber was bieten sie dir an? Ich sehe mich mal in den Foren um.

Dann setzte ich mich auf einen Stuhl und begann, auf dem Tablet Kästchen anzukreuzen. Die Fragen konzentrierten sich auf meine Gesundheit, mein Familienleben, Vorstrafen und schlechte Gewohnheiten. Der zweite Teil war völlig anders und zielte darauf ab, herauszufinden, welcher Spielcharakter am besten zu meiner Persönlichkeit passte.

Neben mir saßen andere Jobsucher, die ebenfalls auf ihren Tablets herumtippten. Die meisten der Männer und Frauen waren in meinem Alter, einige waren älter und es waren sogar einige Senioren dabei. Es dauerte nicht lange, bis ich einen Eindruck von meinem zukünftigen Arbeitsumfeld hatte. Da waren Schüler, die wegen Abwesenheit oder schlechten Noten von der Schule verwiesen worden waren, Büroangestellte, deren Stellen abgebaut worden waren, gescheiterte Börsenmakler, hoffnungslose Spielsüchtige und verzweifelte Ruheständler, die es nicht geschafft hatten, eine passendere Arbeit zu finden ... Mit anderen Worten: Die Leute, die um mich herum saßen, waren Verlierer, die keinen Platz in der realen Welt gefunden hatten.

Der Videospieltester (Kräutersammler der Finsternis Buch 1) von Michael AtamanovWo Geschichten leben. Entdecke jetzt