Der Videospieltester

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„HABEN SIE schon einmal Reich ohne Grenzen gespielt?", eröffnete der HR-Mitarbeiter mittleren Alters das Vorstellungsgespräch mit ausgerechnet der Frage, die ich am meisten gefürchtet hatte.

Laut Stellenanzeige musste ich unbedingt eine Anforderung erfüllen: Ich durfte das Spiel noch nie gespielt haben. Wenn ich die Frage mit „ja" beantwortete, würde das Gespräch vermutlich so schnell beendet sein wie es begonnen hatte.

„Spielen Sie irgendwelche anderen bekannten Spiele, äh ... Timothy?", fragte er, nachdem er meinen Namen auf dem Bildschirm vor sich gelesen hatte. Er schien einen langen Tag hinter sich zu haben und war bestimmt müde.

„Ja, natürlich. Ich bin seit ungefähr sechs Jahren ein Gamer. Ich habe ziemlich lange Königreiche der Schwerter und Magie gespielt."

„Gamer", murmelte er geringschätzig und runzelte die Stirn. Der umgangssprachliche Ausdruck schien ihm nicht zu gefallen. „Und wie haben Sie sich im Spiel unserer Konkurrenz geschlagen? Haben Sie besondere Leistungen erbracht, Timothy?"

Sollte ich ihm die Wahrheit sagen oder war es unklug, einem Fremden solche Details zu verraten? Trotz meiner Bedenken entschied ich, das Risiko einzugehen.

„In den letzten fünf Jahren war es meine einzige Einkommensquelle. Ich habe natürlich nicht genug für eine Luxusjacht oder eine Villa auf einer tropischen Insel oder so etwas verdient, aber es war mehr als genug, um davon leben und mein Studium bezahlen zu können."

„Warum sagen Sie ‚natürlich nicht genug für eine Jacht'?", hakte er nach, ehe er zu meiner Überraschung lachte. „Die Spitzenspieler von Reich ohne Grenzen verdienen ohne große Anstrengung genug für ein seetüchtiges Boot. Doch soweit ich weiß, verstößt das Entnehmen von Spielgeld bei KSM gegen die Regeln. Möchten Sie mir ein bisschen mehr darüber erzählen, Timothy?"

Ich hatte wohl die falsche Entscheidung getroffen. Ich hätte nichts davon erwähnen sollen. War dies das Ende? Würde ich abgelehnt werden? Aber der Mann bestand nicht auf einer Antwort. Stattdessen stellte er eine völlig andere Frage.

„Warum wollen Sie mit KSM aufhören? Doch das können wir wohl überspringen, die Antwort liegt auf der Hand. Die Anzahl der aktiven Spieler ist stark gesunken. Mehr und mehr Leute wechseln zu Reich ohne Grenzen. Es ist schließlich unterhaltsamer und realistischer. Das Geld muss einfach ausgegangen sein."

Ich nickte nur, denn ich hatte dem nichts hinzuzufügen. Früher hatte unser Clan zwischen fünf- und siebentausend Spieler für PvP-Raids in feindlichen Gebieten oder zur Vernichtung eines Superbosses zusammentrommeln können. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Gestern hatten wir gerade mal fünfzehn Spieler für einen Angriff auf eine feindliche Burg zusammenbringen können und drei davon waren Newbies gewesen, die erst eine Woche im Spiel waren. Aber dennoch ... wir hatten die Burg gestürmt! Der einzige Verteidiger des feindlichen Clans, der übrig gewesen war, schien froh zu sein, die Bürde loszuwerden. Er hatte uns viel Glück gewünscht und versucht, uns sein Konto aufzuschwatzen, weil er das Spiel verlassen wollte, um bei Reich ohne Grenzen einzusteigen.

Da beschloss ich, dass es an der Zeit war, das sinkende Schiff zu verlassen, bevor es von der Konkurrenz völlig versenkt wurde. Es war natürlich sehr ärgerlich, all das Geld zu verlieren, das ich in das Spiel gesteckt hatte. Nach dem tragischen Tod meiner Eltern hatte ich ihre Wohnung geerbt, doch ich musste sie verkaufen, um die Arztrechnungen meiner Schwester bezahlen zu können. Danach war noch eine ordentliche Summe übrig gewesen, weshalb ich beschlossen hatte, in eine virtuelle Immobilie in der Nähe einer Hauptstadt in KSM zu investieren. Zu der Zeit war Königreiche der Schwerter und Magie rasant gewachsen und es schien eine gute Anlage zu sein.

Der Videospieltester (Kräutersammler der Finsternis Buch 1) von Michael AtamanovWo Geschichten leben. Entdecke jetzt