3 - Home sweet Home

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Nachdem er seinen Vormittag mit Anna verbracht hatte, kam Liam nun wieder bei der großen, alten Villa an, die er sein zu Hause nannte. Seine Mutter hätte bei der Maniküre sein müssen, die sie jeden ersten Freitag im Monat um diese Uhrzeit hatte. Doch ihr silberner Porsche stand in dem gepflasterten Rondell, weil sie sich grundsätzlich nicht traute in die Doppelgarage einzuparken. Die großen, alten Bäume, die sich überall auf der Wiesenfläche befanden, die das alte, herrschaftliche Gebäude umsäumte, hatten bereits das meiste Laub abgeworfen. Der Gärtner hatte es zu Häufchen zusammengefegt und war gerade dabei, es in Säcke zu stopfen. Als er ihn bemerkte, nickte er ihm kurz zu, wagte aber nicht, zu fragen, warum der junge Hausherr schon so früh wieder hier war. Besser so. Es hatte den alten Knacker ohnehin nichts anzugehen.

Wenn er leise genug war, konnte er sich vielleicht trotz der Anwesenheit seiner Mutter unbemerkt in sein Zimmer schleichen und die letzten zwei Stunden bis zum offiziellen Schulschluss herumkriegen. Vielleicht würde Eva dann gar nicht bemerken, dass er geschwänzt hatte. Zumindest nicht, solange der beschissene Schuldirektor seine Füße stillhielt und ihn nicht verpfiff. So leise wie möglich schloss er also auf und schlüpfte in das Entree herein. Dank der alten Scharniere jedoch konnte er die Tür nicht vollkommen ohne Quietschen bewegen. Durch die hohen Decken und den Steinboden wurde der Hall wunderbar durch die ganze Etage getragen. Liam rollte seine Augen. Warum konnten sie nicht wie andere reiche Leute auch in so einem modernen viereckigen, super gedämmten Haus wohnen, anstatt in dieser alten, pompösen Bude, die jedoch schwerer zu durchschleichen war als eine Samuraiburg, deren Gänge mit Böden ausgestattet waren, die zwitscherten, sobald man sich darauf bewegte, um die gefährlichen Ninjas fernzuhalten? Schon klasse, was man für Wissen aus den Animes ziehen konnte, die immer im Nachmittagsfernsehen liefen.

„Am Montag direkt? Das wäre super", hörte er die Stimme seiner Mutter gedämpft hinter der Küchentür, „auch wenn ich es mit dem abgebrochenen Nagel kaum bis dahin aushalte. Schade, dass Bettina krank ist. Bestellen Sie ihr gute Besserung, ja? Auf Wiederhören."

Liam schlich auf Zehenspitzen auf die Treppe zu und betete, dass seine Mutter noch etwas Zeit in der Küche verbrachte und wie so oft ein Date mit ihrem geliebten Chardonnay hatte. Liam hatte gerade den Fuß auf die dritte Stufe gesetzt, als er hinter sich eine Tür hörte.

Stöhnend schloss er seine Augen.

„Liam Winterfeld!", begann seine Mutter sofort vorwurfsvoll, als sie ihn bemerkte. Ihre Schritte näherten sich eilig, „solltest du nicht in der Schule sein und etwas für deine Zukunft tun?!"

Liam legte seinen Kopf in den Nacken und rollte die Augen.

„Ich war in der Schule. Wir hatten früher Schluss. Die Schiller-Jankowitz ist krank", log er ohne zu zögern.

Er konnte es nicht sehen, doch er konnte förmlich spüren, wie sich ihre grünen Augen zu schmalen Schlitzen verengten und sie ihre Hände in die Hüften stemmte.

„Ach ja?", begann sie nach einer kurzen Pause mit schriller Stimme, „und wo ist dann dein Schulranzen?"

Fuck. Dieses Detail hatte er nicht bedacht. Er war heute Nacht nicht mit der Absicht in die Schule zu gehen aus seinem Zimmer verschwunden und hatte seinen Ranzen dementsprechend auch nicht mitgenommen. Idiotisch im Nachhinein. Ein Fehler, der ihm nicht noch einmal passieren würde. Aber er hatte ja nicht ahnen können, dass ihre blöde Nageltante krank war. Wie immer zeigte ihm das Schicksal den Mittelfinger.

„Komm sofort herunter, junger Mann! Ich hoffe, du hast eine gute Ausrede, wo du warst!", fuhr sie ihn an und als er nicht sofort reagiere, sondern noch mit dem Gedanken spielte, einfach nach oben in sein Zimmer zu verschwinden, griff sie nach dem Pullover an seinem Rücken und zerrte ihn rückwärts von der Treppe herunter.

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