2 - Küss mich, Liam Winterfeld

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Oh Gott! Fuck! Liams Herz blieb stehen, als Anna ihn von unten herauf aus ihren großen Augen ansah und eine ihrer dünnen, kalten Hände auf seinen Unterarm legte. Dass sie so offensiv auf seinen Scherz einging, hatte er nicht erwartet. Nicht von ihr. Nicht von einem 13 Jährigen, missbrauchten Mädchen. Gleichzeitig jedoch beeindruckte ihn ihr Selbstvertrauen und ließ ihn selbst unsicher werden.

Woher nahm sie die Stärke, mit ihm zu flirten? Mit demjenigen, der ihr so oft so wehgetan hatte?

„Im Wald gibt es keine Ecken, also müssen wir zum Knutschen mit einem Gebüsch oder einer Bank vorlieb nehmen", sagte Anna und biss sich grinsend auf die Unterlippe, als sie Liam einfach hinter sich herzog.

Er wehrte sich nicht. Er konnte gar nicht. Seine Beine setzten sich einfach in Bewegung und mit völliger Leere im Kopf folgte er ihr, bis sie zu einer Laterne kamen, die aufgrund des anbrechenden Tages bald ausgehen würde.

Anna lehnte sich gegen sie, drückte ihre Zigarette aus, warf sie in den Mülleimer nebenan und griff mit der anderen Hand ebenfalls nach seinem Pullover, um ihn näher zu sich heranzuziehen. Sie nahm auch ihm seine heruntergebrannte Kippe aus der Hand, zog noch einmal daran und beförderte anschließend auch sie in ihre letzte Ruhestätte. Sie lächelte noch immer, blies den Qualm in die Luft, und als sie ihn nah genug zu sich gezogen hatte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, reckte ihren Kopf und schloss abwartend die Augen.

Liams Mund war staubtrocken, als er ihr Gesicht überfordert musterte. Sein Herz hatte inzwischen wieder zu schlagen begonnen, doch diesmal in dreifacher Geschwindigkeit. Zum Glück hielt sie ihn an seinen Armen fest und nicht an seinen Händen, denn diese waren inzwischen schweißnass. Was würde Anna dann von ihm denken? Die Leere in seinem Kopf wurde von einer Welle aus Fragen und Gedanken geflutet. War das wirklich ihr Ernst? Konnte sie das wirklich wollen? Konnte sie ihn wirklich wollen? Es war so falsch. Die Vorstellung ihre weichen Lippen mit seinen zu berühren, löste in ihm etwas Unbekanntes aus. Ein Gefühl der Wärme. Ein Kribbeln. Er konnte es weder zuordnen noch verstehen, doch er wusste, dass es falsch war!

„Hallo?", fragte sie ungeduldig, und als sein Verstand aus seiner Paralyse zurück in die Realität kehrte, hatte Anna ihre Augen wieder geöffnet und eine ihrer schmalen, blonden Augenbrauen war in die Höhe geschnellt.

Liam atmete tief ein und nahm allen Mut zusammen, den er irgendwo in sich finden konnte, lehnte sich zu ihr herab und berührte ihre Lippen für einen Sekundenbruchteil mit seinen. Es reichte kaum aus, um überhaupt etwas zu spüren, als er schon wieder zurückzuckte und einen Schritt rückwärts machte, um Abstand zwischen sich und sie zu bringen. Nervös griff er nach den Kordeln seiner Kapuze und sah sich nach links und rechts um. Er wollte überall hinsehen, nur nicht in ihr verwundertes Gesicht.

„Das nennst du Knutschen?!", fragte sie empört. Anschließend brach sie in Gelächter aus. Verfickte Scheiße. Er hätte sich auch direkt die Eier abschneiden und ihr auf einem Silbertablett servieren können. Wo war die Schaufel, mit der er sich jetzt vergraben konnte?

Liam stöhnte und rieb sich mit den Händen über das Gesicht und durch sein Haar.

„Anna, es ist falsch, okay? Wir können das nicht machen", brachte er hervor und hätte sich selbst dafür in den Arsch beißen können, dass seine Stimme ein wenig brach.

„Warum nicht?", fragte sie genervt und mit einem theatralischen Augenrollen, „weil es dir niemand befohlen hat? Soll ich das machen?", sie breitete auffordernd ihre Arme aus und wartete. Doch als er nicht reagierte und nur zur Seite wegstarrte, kam sie wieder auf ihn zu und griff nun energisch nach seinem Kragen.

„Küss mich, Liam Winterfeld. Aber richtig. Mit Zunge", forderte sie. Obwohl ihre Worte in ihm den Wunsch auslösten, zu gehorchen, obwohl sie das Kribbeln nur verstärkten, löste er ihre Hände mit einem Ruck und schüttelte seinen Kopf. Es ging einfach nicht. Er konnte das nicht.

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