Freitagmorgen, kurz vor Erlösung

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Tick
Tack
Tick
Tack
Mit schläfrigen Augen beobachtete Jess, wie die Zeiger der Klassenuhr vorwärts rückte. Die Uhr ging falsch, solange sie zurückdenken konnte, aber sie war die einzige Geräuschquelle im Raum - wenn man von Herr Johnson absah, und das tat Jess geflissentlich.
Wenn ein Mann eine Stimme hatte, gegen die das Ticken einer Uhr interessant war, hatte er nichts anderes verdient.
Der Kugelschreiber war ihr schon vor zwanzig Minuten aus der Hand gerutscht und hatte dabei einen hässlichen Strich über ihre Notizen gezogen, ihr Kopf ruhte auf ihrem Ellenbogen.
Warum genau waren die Details afrikanischer Gebirge bedeutend für ihr Leben?
"...der Killimandscharo ist einer der größten Berge von..." für einen kurzen Augenblick erlaubte sie ihrer Aufmerksamkeit, sich dem Geschwafel des Lehrers zuzuwenden, und bereute es prompt. Sowas von einschläfernd.
Stattdessen suchte sie jetzt nach Blickkontakt mit einer ihrer Freundinnen.
Chrissie starrte mit leerem Blick aus dem Fenster ( es hätte Jess nicht gewundert, wenn ein Speichelfaden aus ihrem Mundwinkel herausgetropft wäre ), Mel schien etwas sehr interessantes unter ihren Fingernägeln gefunden zu haben und Lisas Blick war verdächtig tief auf etwas unter ihrem Tisch gerichtet.
Gelangweilt zog Jess ihr eigenes Handy aus ihrer Hosentasche. In der Ecke oben links blinkte das Nachrichtensymbol.

In letzter Zeit was von Dean gehört?
😏

Genervt schnallzte Jess mit der Zunge. Das Lisa nichts besseres einfiel...

Nein, habe ich nicht, und das soll auch besser so bleiben.
Wie geht's deinem Bruder?

Prompt, fast ein bisschen zu schnell, ploppte die nächste Nachricht auf.

Immer noch Stress mit Dad. Sollte sich wirklich eine anständige Stelle suchen.

Gibt's grade keinen anderen, den du zutexten kannst?
Was ist mit Tobi los, ist sein Handy kaputt?

Neeee, aber der olle Schlürrmann hat ihn das letzte Mal damit erwischt. Ist vorsichtiger in letzter Zeit.

Jess hob ihren Blick vom Bildschirm. Und blickte zu Johnson. Sie versuchte sich vorzustellen, wie diese Trantüte ihr eigenes Handy einkassierte.
Lächerlich.
Der Zeiger der Uhr war weiter gerückt. Die Zeit schien doch Gnade mit ihnen, den gebeutelten Schülern zu haben, und ein schrilles Klingeln zerriss den Vortrag des Lehrers.
Innerhalb von Sekunden verwandelte sich die gedrückte Stille im Raum in quitschendes Tischerücken und geräuschvolles Aufspringen.
Jess vormals so träge Klassenkameraden konnten sich mit einem Mal gar nicht schnell genug Richtung Ausgang bewegen, und sogar ein Lachen flog zwischen den Zurufen hin und her.
Jess schwang sich ihren eigenen Rucksack auf den Rücken und ließ sich von Strom mitziehen.
"Naah du?", Chrissie schlug ihr von hinten auf die Schulter, "bereit für den Endspurt vorm Wochenende?"
"Immer doch", Jess reihte sich grinsend neben ihrer Freundin ein und lenkte ihre Schritte in Richtung ihres Spindes, "du kommst morgen auch zu Jaspers Geburtstag, oder etwa nicht?"
"Darauf kannst du Gift nehmen", Chrissie hakte sich bei ihr ein, "Ich weiß nur noch nicht, was ich anziehen soll. Denkst du, das schwarze Top sieht gut aus?"
Jess legte den Kopf schief und schürtzte die Lippen.
Ja, schwarz würde dem schlanken Mädchen gut stehen.
"Das Neue?", erkundigte sie sich vorsichtshalber.
"Welches sonst", Chrissie lachte und schloss ihren Spind auf.
Er lag direkt neben Jess' Spind. Ein glücklicher Zufall, dem sie ihre Freundschaft zu verdanken hatten.
Sie hatten sich vor Jahren hier kennengelernt, als Jess Chrissie an ihrer beiden erster Schultag die dünne Metalltür voller Elan gegen die Stirn gedonnert hatte.
Jess lud das dicke Geographiebuch, dass sie hierher hatte schleppen müssen, in den Eingeweiden des Schrankes ab und tastete stattdessen nach ihrer Sporttasche, die sie am Morgen in den kleinen Schrank hinein gequetscht hatte.
"Jess", wisperte Chrissie auf einmal sehr nah an ihrem Ohr. Sie fuhr zusammen.
"Was, verdammt? Erschreck mich doch nicht so!", zischte sie.
Chrissie ließ sich davon jedoch nicht beeindrucken: "Jason kommt in diese Richtung", wisperte sie stattdessen weiter.
Oh, verflucht!
"Gib mir Deckung! Schnell!", forderte Jess, so laut sie sich traute und versenkte ihren Oberkörper soweit sie konnte im Spind, in der Hoffnung, die Tür möge sie verbergen.
Jason war ein Junge, mit dem sie vor ungefähr einem Monat ausgegangen war, mit dem sie sich aber schnell gelangweilt hatte. Er sah zwar ganz annehmbar aus und war freundlich, doch der Bursche war so farblos wie ein altes Schwarzweiß Foto, nur ohne den nostalgischen Charme, den so eine Fotografie veströmte.
Nach dem sie es eine Weile miteinander versucht hatten, war Jess zu dem Schluss gekommen, dass es besser war, getrennte Wege zu gehen.
Nur leider teilte Jason ihre Ansicht überhaupt nicht.
"Oh, Hallo Jason!", gedämpft hörte Jess Chrissies überschwängliche Stimme von außerhalb hereinschallen.
Sie musste Jason ein paar Meter entfernt abgefangen haben.
"Wenn du Jess suchst, ich habe sie in Richtung Cafeteria gehen sehen vorhin. Sie meinte, sie hätte ihr Frühstück zuhause vergessen... naja, du weißt ja, wie sie ist. Ich würde mal da vorbeischauen."
Jess kniff ihre Augen zusammen und hoffte, das ihre Freundin Erfolg hatte - sie hatte jetzt wirklich nicht die Nerven, mit Jason die Qualität ihrer verflossenen Beziehung zu diskutieren.
Zu ihrer Erleichterung entfernten sich seine Schritte anstatt näher zu kommen.
"Luft ist reihn", raunte Chrissie, und Jess krabbelte stöhnend wieder aus ihrem Spind heraus.
"Danke", sagte sie und streckte ihren Rücken.
"Kein Ding", Chrissie zwinkerte, "aber die Cafeteria würde ich vorerst meiden, wenn ich du wäre."
"Das lässt sich einrichten", grinste Jess zurück.
Zumindest bis zum Mittagessen.

Während den Mittagspausen war es in der Schulcafeteria meist so voll, dass man kaum einen Schritt laufen konnte ohne irgendjemandem auf die Füße zu treten.
Mit ausgefahrenen Ellenbogen bahnte Jess sich einen Weg durch die Massen, während sie einen Salatteller vor sich her balancierte.
Einmal, als sie noch kleiner gewesen war, hatte ein älterer Schüler sie angerempelt und ihr Mittagessen war im hohen Bogen durch die Luft geflogen.
Dass wollte sie nicht noch einmal erleben.
In einiger Entfernung von sich konnte sie einen Tisch am Fenster ausmachen. Ein Mädchen in einem grünen T-shirt saß daran, die Nase so tief in ein Buch gesteckt, dass alles, was man sah, ihre schulterlangen, schwarzen Haare waren.
Jess änderte ihren Kurs und steuerte den freien Platz gegenüber des Mädchens an.
"Hi", sie knallte ihren Teller auf den Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen, "Wie geht's dir?"
"Ich habe in der nächsten Stunde Chemie. Also warum fragst du?", ihr Gegenüber senkte ihr Buch gerade so viel, dass Jess ihre Augen über den Seitenrand hinweg sehen konnte.
"Auch wieder war. Isst du nichts?"
"Bei dem Gedrängel?", das Mädchen legte ihr Buch beiseite und schnaubte, "sehe ich lebensmüde aus?"
Su.
So war der Name des Mädchens, und sie hatte schon immer eine sehr mürrische Seite gehabt, aber Jese war das egal.
Su war ihre Freundin. Ihre beste sogar, und das seit dem Tag, an dem Jess neu in die Stadt gekommen war und alleine und verlassen auf dem ihr so fremden Spielplatz gestanden hatte. Su war damals die einzige gewesen, die sie hatte mitspielen lassen, und das hatte Jess ihr nicht vergessen.
Würde man sich an der Schule umhören, würde man über Su nur erfahren, dass sie seltsam war. Dass sie sich abkapsele und sich keinen Deut um ihre Mitmenschen scheren würde.
Viele von Jess anderen Freunden verstanden nicht, warum Jess sich nich mit Su abgab, aber Jess ignorierte das.
Sie konnte sich auf Su verlassen, und das war alles, was wichtig war.
"Hast Recht. Mein Fehler. Kommst du morgen zu Jaspers Geburtstag?", wollte sie wissen.
Su's schmaler Mund formte ein leichtes Grinsen:"Wir werden sehen", antwortete sie und ihre Augen funkelten verschmitzt im Schatten ihres langen Ponys.

BatsongWo Geschichten leben. Entdecke jetzt