1 - Die Prinzessin und der Bösewicht

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Anna blickte aus dem Fenster des Busses und lehnte ihre Stirn an die kühle, wackelnde Scheibe. Ihr Blick folgte den vorbeiziehenden Gebäuden und Autos, während das Gemurmel, Gerede und Brummen des Motors für sie in weite Ferne rückte. Die Linie 63 würde durch die Innenstadt, vorbei am Bahnhof bis hin zu ihrer Schule fahren. Seufzend setzte sie sich auf, öffnete ihren Rucksack und nahm ihre Kopfhörer sowie ihren Discman heraus und spielte ihre derzeitige Lieblings-CD ab. Harte Gitarren-, Schlagzeug- und Bassklänge vermischten sich mit dem Gebrüll des Sängers zu einem wütenden Konzert und harmonierten perfekt mit dem schnellen Rhythmus ihres Herzens. Anna kuschelte sich in ihren Schal und schloss zufrieden ihre Augen. Mit Musik im Ohr war die ganze verfluchte Welt etwas erträglicher.

Ihr Zimmer war fast vollkommen dunkel und still. Lediglich durch den Spalt der angelehnten Tür fiel das Licht aus dem Flur herein und streifte eine Hälfte ihres Gesichtes. Ihre Wange lag auf ihrem Kissen, unter welches sie ihre kleinen Händchen geschoben hatte. Von unten drangen noch die Töne aus dem Fernseher und die Stimme ihres Vaters herauf.

„Mein Freund", sagte er, „mach dir einfach mal in Ruhe Gedanken über meinen Vorschlag. Anna und Liam sind beides Kinder, da ist das noch gar nicht schlimm. Und wir beide fassen sie überhaupt nicht an. Wir sehen nur zu", erklärte ihr Vater und wiederholte noch ein Mal betonend, „wir sehen nur zu."

Dann herrschte einen Moment stille, ehe die Haustür geöffnet wurde. Sie hörte mehrere Schritte.

„Also, dann kommt gut nach Hause", fuhr ihr Vater fort, „da kommt schon das Taxi. Warte, ich helfe dir mit dem Kindersitz."

Eine Weile herrschte Stille. Nur von dem Zimmer nebenan war nur das monotone Piepen zu hören, das Zischen und Pumpen des Beatmungsgerätes, welches ihre Mama mit Luft versorgte. Diese Geräusche hielten sie oft vom Schlafen ab, denn ihr Papa hatte ihr oft genug klargemacht, dass ihre Mama ohne diese Dinge sterben würde. Es war ihre Schuld. Weil sie auf der Welt war, war ihre Mama so schlimm krank und jetzt war sie das Einzige, was ihr Papa noch hatte. Sie zuckte heftig zusammen, als die Haustür donnernd ins Schloss fiel und dadurch das ganze Haus zu wackeln schien.

„Ja, Perfekt!", konnte sie ihren Vater von unten hören, wie er sich selbst bestätigte. Dann hörte sie Flaschen und Gläser klimpern, eine Bierflasche Zischen und ihren Vater zwischen Küche und Wohnzimmer hin und herlaufen. Anna schloss ihre Augen und wollte einschlafen. Einschlafen und vergessen, was heute passiert war. Das Onkel Balthasar ihrem Papa Angst gemacht hatte. Ebenso wie ihr und Liam. Doch noch bevor sie zur Ruhe kommen konnte, hörte sie die schweren Schritte ihres Vaters, der die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf lief und kurz darauf warf sein Körper einen dunklen Schatten auf ihr kleines Bettchen, als er die Tür öffnete. In der rechten Hand hielt er eine Bierflasche, die er nochmal zu seinen Lippen führte, ehe er sie auf den kleinen Schrank neben der Tür stellte.

„Anna, meine kleine, liebe Prinzessin, begann er und kam näher. Anna setzte sich auf und blinzelte. Papa sah zufrieden aus. War sie heute ein gutes Mädchen gewesen? „du warst wundervoll. Du hast deinen Papa sehr sehr stolz gemacht."

Das Bett knarrte und die Matratze senkte sich herab, als er sich zu ihr setzte. Seine blaugrauen Augen waren glasig und sein Atem roch nach Alkohol.

Müde rieb sich Anna ihre Augen und lächelte dann schüchtern. Papa war stolz. Das war toll! Vielleicht bekam sie nun die Puppe, die sie immer im Fernsehen sah und sich schon lange wünschte. Sie konnte trinken und sogar aufs Töpfchen gehen!

„Oh mein Schätzchen, du bist so bildschön", hauchte Markus und schlug ihre Decke langsam zurück, „soll sich Papa noch ein bisschen zu dir legen?"

Ohne ihre Antwort abzuwarten legte er sich neben sie und deutete ihr mit einem Blick zu verstehen, dass sie zu ihm kommen sollte. Annas Lächeln wurde unsicher, als sie sich zu ihm in den Arm legte.

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