2.01. Straßenjungen im Youth Home

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Gegen 5:30 Uhr schlägt der fast 13-jährige Jan die Augen auf. Er kann erst gar nicht realisieren wo er sich befindet. Kinder im Raum schreien, toben und spielen. Er liegt in der unteren Etage eines Etagenbett aus Metall und reibt sich nun mit beiden Händen die Müdigkeit aus Augen und Gesicht. Seine kurzen, dichten schwarzen Haare sind zerwuselt. Er schlief in seiner kurzen Hose und T-Shirt. Der Rucksack - erinnert er sich - blieb im Büro, bei diesem dicken, komischen Typen. Er erinnert sich auch an den spärliche beleuchteten, gruseligen Flur mit den speckig-glänzenden Wänden, durch den Ma'am Burque sie in tiefster Nacht in den Schlafsaal führte. Auch an ihren lustigen Zopf, der beim Gehen hin und her schwang. Das Bad sei direkt gegenüber dem Schlafsaal, sagte Ma'am. Auch erinnert er sich, daß im Saal schon andere Jungs in den Betten schiefen. Und das er - hundemüde - sofort eingeschlafen sein muss.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengrube erinnert er sich auch an die Dinge die davor geschahen: 'Die zähe Befragung durch die Polizistinnen, die ihn so müde machte. Er wundert sich immer noch, was die alles über ihn und die Anderen wissen wollten. Und an die geheimen Blicke - durch die Glasscheibe der Tür - zu Tommy. Der arme Tommy. Ob die ihn schon entlassen haben? Der hat doch gar nichts getan.'

'Im Hotel hatte er nur in Unterhose gepennt. Es war so warm. Dann plötzlich die vielen Leute um sein Bett herum. Das war peinlich. Und kein Tommy.' Jan schüttelt heftig den Kopf und damit die blöden Gedanken weg.
Sein 10 jähriger Bruder Dan, wird wohl wegen des Trubels im Raum ebenfalls gerade wach und schaut mit müden und verwirrtem Blick über die Bettkante hinunter zum Bruder. Kurze Zeit später hüpft er schwungvoll vom Bett und sitzt neben Jan.

Der 11 jährige Aboy hat sich an einem roten Plastiktisch nieder gelassen und stöbert in einem Stapel Bilderbücher: „Phil und Sam sind im Bad", sagt er beschäftigt.

„Da gehe ich jetzt auch hin", gähnt Jan.

„Ich komme mit", dehnt sich der kleine Dan. Die dünnen Arme über dem großen Kopf gestreckt, den Rücken - zum Hohlkreuz - durch gedrückt.

Einige ihnen unbekannte Jungs toben und machen furchtbaren Krach im Raum. Ma'am Burque taucht unvermittelt in der Türe auf und ermahnt die Tobenden zur Ruhe. An Aboy, Jan und Dan gewandt sagt sie: „Das Bad ist gegenüber Jungs. Um 6 Uhr gibt es Frühstück. Also nun husch, husch."
'Sie hat ein bezauberndes Lächeln', findet Jan. Auch Aboy hat so einen merkwürdigen Glanz in den Augen, während er - mit offenem Mund - Ma'am anblickt. Zu den anderen Jungs ist Ma'am lauter und strenger: „Das gilt auch für euch! In 20 Minuten fertig sein!"

Die Drei ermahnten murren etwas unverständliches. Sie sind im gleichen Alter wie die fünf Neuankömmlinge und sehen ärmlich aus.
'Ihre Gesichter sehen irgendwie alt aus', findet Jan.

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Kurz nach sechs Uhr befinden sich die Fünf - frisch geduscht und nach Shampoo duftend - an einem runden Tisch im Speisesaal. Es sind weitere Kinder - von etwa fünf Jahren bis zu Ihrem Alter - dort. Jungen sowie Mädchen.
Die drei ärmlichen Typen sitzen am kleineren Tisch nebenan.
Es gibt Reis mit Rührei und gebratenem Corned Beef. Auch ein kleiner Korb Pandesal - weiche Brötchen - steht auf ihrem Tisch.
In einer transparenten Kanne befindet sich Mango-Juice und Eis. Sam und Phil trinken lieber ‚Bear Brand', heiße Milch aus Milchpulver. Das Frühstück ist sehr lecker.
Ma'am Burque ißt mit den Kleinen und muss immer wieder für Ruhe im Saal sorgen. Besonders der Tisch mit den drei ärmlichen, spindeldürren Gestalten, mit den zu großen Klamotten und den harten Gesichtern, ist ein ständiger Unruheherd. Die Haare so kurz geschoren, dass die mit Narben übersähten Köpfhäute sichtbar sind. Meist gibt es Streit über die Portionen auf den Tellern.

Jan fallen auch die tief liegenden, trüben Augen auf. 'Dort brennt kein Feuer mehr. Feuer wie in ihren Augen', stellt er fest.

„Irgendwas stimmt mit den Typen nicht", flüstert er leise, seinen Freunden zu.
„Habt ihr die Augen gesehen?", fragt Jan dann.

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