2.00. Konfusion im Kopf

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In der Nacht hast du nur etwa eine Stunde geschlafen. Die meiste Zeit unruhig gedöst. Seit etwa einer halben Stunde stehst du an der Zellentür und wartest darauf, dass etwas passiert. Aber auch deshalb, um den penetranten Gestank der Zelle zu entkommen. Du riechst aber auch dich selbst. Schweiß und Adrenalin.

Die Hände und die Stirn am groben, rostbraunen Baustahl der Gitterstabtür. Apathisch blickst du ins Leere. Jetzt im Morgenlicht wird das ganze Ausmaß des Müllchaos, an der Wand gegenüber dem Bett sichtbar. Du willst da gar nicht hinschauen. Dann diese verdreckten, absolut schwarzen, feuchten Wände und Decke. Es wirkt tatsächlich, als sei die Zelle vor kurzem ausgebrannt. Das Viehzeug, Kakerlaken, die Ameisenstrasse und die vielen Fliegen sind verschwunden. Auch die Ratten oder Mäuse ließen sich nicht mehr blicken.

Du bewegst ständig die Beine um die Mücken abzuwehren, denn die sind noch unermüdlich aktiv. An Armen und Knöchel bist du schon ganz zerstochen. Im Mund hast du einen metallischen Geschmack, dein Rachen ist rauh. Du bist furchtbar durstig. Der linke Handrücken zwickt unter dem Pflaster. Wohl als Folge des Schlafmangel und der Erschöpfung spürst du ein Anflug von Migräne in den Schläfen.
'Du bräuchtest auch bald mal eine richtige Toilette und eine Dusche.' Bei den Gedanken, kommt dir beides wie Luxus vor.

'Vom 4-Sterne Cottage direkt in die Gruft', stellst du zynisch und kopfschüttelnd fest.

Die letzten Stunden waren emotional eine Achterbahnfahrt. Angst, Wut, Verzweiflung und Panik, die waren und sind die vorherrschenden Emotionen der Nacht und jetzt.
Von Zuversicht und Optimismus - dass sich das Missverständnis vielleicht heute aufklären wird - keine Spur.
Die quälenden Fragen: "Ist da tatsächlich ein Gesetzesverstoss? Wie kann man die Angelegenheit aus der Welt schaffen? Was ist als nächstes zu tun? Wie lange können die dich festhalten? Was ist mit den Jungs?"
Du findest keine Lösungen oder Antworten.

Aber Angst, Wut, Verzweiflung und Panik sind nunmal - bekanntermaßen - schlechte Ratgeber.

Irgendwann war auch die Discomusik vorbei. Die danach einsetzende Stille - abgesehen vom sonoren Surren der Mücken - war bedrückend.
Das Realisieren der Situation: Verhaftung, Verhör. Die Kinder irgendwo? Du allein in diesem Loch. Und die Erkenntnis, verdammt große Probleme zu haben.
Die Kernfragen kristallisierten sich - trotz der Konfusion im Kopf - dann doch schnell heraus:

"Wie werden die Familien, die Eltern der Kinder reagieren?
Wie die Leute (deine Freunde) im Dorf?
Wie deine Familie in Deutschland?
Wer hilft dir?
Wer steht zu dir?
Wer bringt dir dein Geld und Basics, wie die Versorgung mit Essen und Trinken und den Dingen des täglichen Bedarfs?
Saubere Kleidung?"

Du musst deine Leute anrufen, informieren!
Auch den Freunden und natürlich den Familien der Jungs bescheid geben.
Aber dein Handy ist konfisziert und darfst du es benutzen?

Keine Antworten auf die vielen Fragen.

Das Gedankenkarusell drehte sich und drehte sich immer schneller. Der Blutdruck stieg und sang. Dir wurde heiß, dein T-Shirt war schnell verschwitzt. Anschließend war dir furchtbar kalt im feuchten T-Shirt.
Erschöpft - nach all den Geschehnissen, nach all dem Stress - bist du in einen Halbschlaf gefallen und konntest dennoch keinen richtigen Schlaf finden. Dann dieser Anflug von Migräne, der immer noch anhält.

Es geht jetzt gegen sechs Uhr und ein gut gelaunter Officer Sarang erscheint endlich.
"Guten Morgen, Sir. Kaffee? Frühstück?"

'Also hat Er wohl doch keinen kein Rüffel letzte Nacht von seiner Chefin bekommen', freust du dich gedanklich für ihn.

Du antwortest schnell: "Ja Sir, das ist was ich jetzt wirklich brauche. Eine gute Tasse Kaffee!"

Sarang klimpert mit dem Schlüsselbund, lässt das Schloß knacken und die Zellentüre quitschen. Er trägt von seiner Uniform nur die dunkelblaue Hose mit den dünnen roten, senkrechten Streifen am Bein. Kein gestärktes Hemd, nur ein weißes T-Shirt mit dem schwarzen Aufdruck 'Philippine National Police', seinem Namen und der Dienstnummer. Anstatt seiner schwarz-glänzenden Dienstschuhe trägt er nur einfache Badelatschen ohne Strümpfe.

Officer Sarang schließt die Zelle. Lässt erneut die Tür quitschen, das Schloß knacken und den Bund klimpern. Vor der Zelle atmest du tief die klare Morgenluft ein. Rechts wedelt ein dürrer, brauner Arm - mit alter, schlaffer Haut - eine Plastikflasche durch die Gitterstabtür. Der alter Mann krächzt: "Mineral, Mineral, Palihug!" Die Flasche fliegt Sarang vor die Füße. Der füllt sie im Raum links mit Wasser aus dem Hahn ab und wirft sie im hohen Bogen vor die Gitterstabtür. Die Flasche verschwindet in der Zelle.
Der Arrestierte bedankt sich mit den Worten: "Salamat kaayo, Sir."

Ein paar Schritte - gerade seit ihr durch das in der Nacht verschlossene Zauntor - und du trittst ins Leere. Dein Fuß steckt in einem etwa 20 Zentimeter tiefen und ebenso breiten offenen Wasserkanal fest. Der ist mit dichtem, glitschigen Moos bewachsenen. Es ist nur sehr wenig Wasser im Kanal. Der Fuß ist leicht verdreht. Reflexartig konntest du dich mit der rechten Hand am feuchten Boden abstützen. Sarang - der hinter dir lief - greift dir sofort unter die Achseln und hilft dir, mit den Worten hoch: "Vorsicht Sir! Ist etwas passiert?"
Du rückst die Sandale zurecht. Keine Schmerzen: "Nichts passiert Sir, alles okay!"
Sarang schaut dich kurz an und erschrickt: "Ich sage Ihnen jetzt nicht, wie sie aussehen. Sie haben aber auch ein Pech! Erst die zu engen Handschellen, dann die zu niedrige Tür des Büros - Ma'am Papillio erzähle das - und nun der Abwasserkanal."
"Ja!", antwortest du resigniert, "scheine 'ne Pechsträhne zu haben", und lächelst gezwungen. Nun ist dir auch klar, was Sarang mit der Warnung - in der letzten Nacht - meinte.

Der schwer bewaffnete Wachmann im Wachturm und der, der die Schranke bedient, grüßen wieder freundlich mit verschlafenen Gesichtern und erhobenen Händen.

Durch den Windfang mit den zwei Türen, geht es gerade zu den Flur entlang. An den Wänden Schaukästen mit Informationen. Warnung vor Erdrutsch, mit vorher/nachher Fotos.
Ein weiteres Poster zur Warnung vor 'Shabu'. Du hast keinen blassen Schimmer was das ist. 'Wahrscheinlich eine synthetische Droge?', sinnierst du. Ein Foto mit weißem, kristallinen Pulver. Die kurzfristigen und die langfristigen Folgen - beim Konsum - werden tabellarisch aufgelistet.
Wie auf allen Postern, mehrere Hotline-Nummern und Internet-Adressen.
Ihr passiert das Büro linker Hand von gestern abend. Mittig im Flur eine Treppe zum ersten Stock. Auch die passiert ihr. Vor einer Tür rechts, ein sehr junger Polizist im Trainingsanzug. Er drückt dir Shampoo im Briefchen und ein zusammen gelegtes Handtuch in die Hand und öffnete für dich die Tür: "Sir, die Toiletten sind vorne, hinten die Duschen."

Die morgendliche Dusche tat ausgesprochen gut. Du fühlst dich wie neu geboren. Die Sorgen, der Pessimismus und die Migräne hast du in den Ausguss gespült. Die Sinne sind belebt, der Optimismus kehrt zurück:

'Das ist ein Missverständnis und wird sich bald aufklären! Da ist doch absolut no crime-scene im Hotel!', überlegst du.

Vor der Tür wartet der junge Polizist. Der Flur endet hier hinten auf eine Kaserne. Wahrscheinlich eine Polizeischule. Viele junge Leute, die meisten im Trainingsanzug. Ihr geht Richtung Ausgang mit den Windfangtüren. Zu deiner Freude, biegt ihr aber vor dem Windfang, nach rechts in ein Büro ab. Erzählte nicht Officer Sarang etwas von Kaffee?

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