2.00. Chaos im Kopf

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Irgendwann ist dann auch die Discomusik vorbei gewesen. Erschöpft nach all den Geschehnissen und dem Stress, bin ich in einen unruhigen Halbschlaf gefallen, um dann wenige Stunden später schweißgebadet wieder aufzuwachen. Die Stille, abgesehen vom sonoren Surren der Mücken, hat mich zum Nachdenken gebracht. Das Gedankenkarussell hat sich immer schneller und schneller gedreht. Mein Blutdruck ist gestiegen und gefallen. Zuerst ist mir heiß gewesen und mein T-Shirt war vollkommen verschwitzt, um anschließend furchtbar zu frieren. Die letzten Stunden sind eine emotionale Achterbahnfahrt gewesen. Angst, Verzweiflung, Wut, Panik und dann die Hoffnung, dass dies alles nur ein Missverständnis sei. Eins ist klar, ich muss kämpfen und ich ahne, dass das ein harter Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit wird.

Diese Fragen beschäftigen mich:

• Wo - verdammt - ist hier ein Gesetzesverstoß?
• Wie kann ich die Angelegenheit schnell aus der Welt schaffen?
• Wie lange können die mich festhalten?
• Was wird mit den fünf Kindern im Jugendheim geschehen?
• Was ist als Nächstes zu tun?

Ich zermartere mir das Gehirn, finde aber keine Antworten. Es kommt mir ein Spruch in den Sinn, den ich im beeindruckenden Roman "Stadt der Blinden" von José Saramago gelesen habe:

'Angst, Verzweiflung, Wut und Panik sind die schlechtesten Ratgeber.'

Trotz des anfänglichen Chaos im Kopf, haben sich die Kernfragen dann doch herauskristallisiert:

• Wie werden die Eltern der Kinder reagieren?
• Wie reagieren die Leute und meine Freunde im Dorf?
• Wie reagiert meine Familie in Deutschland?
• Wer hilft mir und wer steht mir bei?
• Wer bringt mir Geld und erledigt grundsätzliche Dinge, wie die Versorgung mit Verpflegung und den Dingen des täglichen Bedarfs?

Ich sinniere und plane: 'Ich muss meine Familie in Deutschland anrufen und informieren und auch die Deutsche Botschaft in Manila! Auch den Freunden und natürlich den Familien der Jungen Bescheid geben. Aber mein Handy ist konfisziert und darf ich es überhaupt noch einmal benutzen?'

Seit etwa einer halben Stunde stehe ich nun schon an der Zellentür und warte darauf, dass etwas passiert, damit ich endlich tätig werden kann aber auch deshalb, um den penetranten Gestank der Zelle zu entkommen. Jetzt rieche ich mich auch selber, den getrockneten Schweiß und das Adrenalin.

Diese Untätigkeit und Ohnmacht machen mich fertig. Ich muss etwas tun, Leute informieren, Hilfe anfordern. Von Minute zu Minute werde ich nervöser.

Ich kralle die Hände um die rostigen Gitterstäbe der Zellentür und drücke die Stirn dagegen. Apathisch blicke ich ins Leere und dann über die Schulter. Jetzt im trüben Morgenlicht wird das ganze Ausmaß des Müllchaos an der Wand gegenüber dem Bett sichtbar. Da will ich gar nicht hinschauen. Dann diese verdreckten, absolut schwarzen, feuchten Wände und Decke. Es wirkt tatsächlich, als sei die Zelle vor kurzem ausgebrannt. Das Viehzeug, Kakerlaken, die Ameisenstraße und die vielen Fliegen sind verschwunden. Auch die Ratte hat sich nicht mehr blicken lassen.

Um die Mücken abzuwehren, bewege ich mich ununterbrochen. An Armen und Beinen bin ich zerstochen. Im Mund habe ich einen metallischen Geschmack und der Rachen ist rau und trocken, wenn ich nur nicht so furchtbar durstig wäre. Der linke Handrücken zwickt unter dem Pflaster. Wohl als Folge des Stresses, dem Schlafmangel und der Erschöpfung kommt auch noch ein Anflug von Migräne hinzu.

'Ich brauche auch bald einmal eine richtige Toilette und eine Dusche!' Verzweiflung kommt auf und Frustration, denn ein Klo und eine Dusche erscheint mir gerade wie purer Luxus. "Vom 4-Sterne-Hotel direkt in die Gruft. Was für ein Abstieg!", flüstere ich und schüttel ungläubig den Kopf.

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Es geht jetzt gegen sechs Uhr und ein gut gelaunter Officer Sarang erscheint endlich an der Gebäudeecke und fragt in klarem Englisch: "Guten Morgen, Sir, Dusche, Kaffee, Frühstück?"

'Was für eine Frage? Dusche, Kaffee, Frühstück?, freue ich mich und konstatiere: 'Officer Sarang hat wohl doch keinen Rüffel letzte Nacht von seiner Chefin bekommen'. Erleichtert antworte ich schnell: "Ja, Sir, das ist genau das, was ich jetzt wirklich brauche, einen guten starken Kaffee."

Officer Sarang lässt das Schloss knacken und die Zellentüre beim Öffnen quietschen. Er trägt von seiner Uniform nur die dunkelblaue Hose mit den feinen roten senkrechten Streifen an jedem Hosenbein. Heute Morgen ziert ihn kein gestärktes Hemd. Er lächelt freundlich in einem weißen T-Shirt, mit dem blauen Aufdruck "Philippine National Police" auf dem Rücken. Vorne ist in kleinen Lettern sein Name und darunter die Dienstnummer zu lesen. Anstatt der polierten Dienstschuhe trägt er nur einfache Flip-Flops ohne Strümpfe. Nun verschließt er die Gitterstabtür. Vor der Zelle atme ich tief die klare Morgenluft ein.

Rechts hält ein dürrer brauner Arm eine Plastikflasche durch die Zellentür. Der Mann krächzt: "Mineral, Mineral, palihug!" Die Flasche fliegt Officer Sarang vor die Füße. Der füllt sie im Raum links mit Wasser ab und wirft sie im hohen Bogen zurück vor die Gitterstabtür. Die Flasche verschwindet in der Zelle. Der Arrestierte bedankt sich mit den Worten: "Salamat kaayo, Sir."

Gerade sind wir durch das Zauntor getreten, da trete ich ins Leere und komme ins Stolpern. Mein Fuß steckt in einem etwa 20 Zentimeter tiefen und ebenso breiten offenen Wasserkanal fest. Der ist mit glitschigem Moos bewachsen. Zum Glück im Unglück ist nur sehr wenig Wasser im Kanal und der Fuß ist auch nur leicht verdreht. Reflexartig habe ich mich mit der rechten Hand am feuchten Boden abgestützt. Officer Sarang greift sofort unter meine Achseln und hilft mir hoch: "Vorsicht, Sir! Ist etwas passiert?"

Ich rücke die Sandale zurecht, habe aber keine Schmerzen: "Nichts passiert, Sir, es ist alles okay!"

Sarang schaut mich kurz an und erschrickt: "Ich sage Ihnen jetzt nicht, wie sie aussehen. Sie haben aber auch ein Pech! Erst die zu engen Handschellen, dann die zu niedrige Tür des Büros, Ma'am Papillio hat von der Kollision erzählt und nun der Abwasserkanal."

"Ja!", antworte ich frustriert, "Ich scheine 'ne Pechsträhne zu haben. Angefangen hat aber alles mit der Arrestierung, Sir."

Der offene Abwasserkanal ist also Officer Sarangs Warnung in der letzten Nacht gewesen.

Die müden Wachmänner an der Schranke und im Wachturm grüßen wie in der Nacht freundlich und mit erhobenen Händen.

Es geht durch den Windfang mit den zwei Türen und geradezu den Flur entlang. An den Wänden befinden sich Schaukästen und Poster. Warnung vor Erdrutschen, mit vorher/nachher Fotos. Ein Poster warnt vor "Shabu." Darauf ist ein Foto mit weißem kristallinen Pulver abgebildet. Die kurzfristigen und die langfristigen Folgen beim Konsum werden tabellarisch aufgelistet. Wie auf allen Postern, mehrere Hotline-Nummern und Internet-Adressen.

'Eine Droge', denke ich.

Vorbei geht es an Ma'am Papillios Büro, welches linker Hand gelegen ist. Mittig im Flur befindet sich eine Treppe zum ersten Stock, auch die passieren wir. Vor einer Tür rechts wartet ein junger Polizist im Trainingsanzug. Er drückt mir ein Briefchen mit Shampoo und ein Handtuch in die Hand, öffnet für mich die Tür und erklärt: "Sir, die Toiletten sind vorne, hinten sind die Duschen."

Die Dusche tut ausgesprochen gut. Ich fühle mich wie neu geboren. Die Sorgen, der Pessimismus und die Migräne spüle ich den Ausguss hinunter. Die Sinne belebt, der Optimismus kehrt zurück: 'Das ist ein Missverständnis und wird sich schnell aufklären! Wozu die Gedanken der Nacht, wozu das Zermartern der grauen Masse, wenn ich schon Heute oder Morgen entlassen werde?'

Vor der Tür wartet der junge Polizist. Der Flur endet hier hinten auf eine Kaserne. Sicherlich eine Polizeischule, denn dort sind viele junge Leute in blauen Trainingsanzügen zu sehen. Wir gehen den Flur zurück Richtung Ausgang. Zu meiner Freude biegen wir vor dem Windfang rechts in ein Büro ab.

Hat der nette Officer Sarang nicht etwas von Kaffee und Frühstück erzählt?

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