1.08. Die Zelle!

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Aus dem Büro heraus, rechts den Flur entlang, durch das diffuse niedrige Gebäude. Die dreistufige flache Treppe zwischen den beiden Windfangschwingtüren hinunter. Gerade zu, vorbei an der geschlossenen Schranke zu deren rechten sich ein quadratischer, zweistöckiger Wachturm befindet, wäre der Ausgang. Die Schranke mit dem Wachturm wird von einer matten weißen Neonröhre beleuchtete.
Der Wachmann mit kurzem Maschinengewehr (Du glaubst: 'Das könnte eine Uzi sein') schaut müde aber neugierig. Sicherlich denkt er: 'Zwei Kollegen mit einem Ausländer - auf dem Weg zu den Zellen - das gibt's nicht alle Tage (oder Nächte)!'
Ihr biegt, nachdem ihr aus dem Windfang getreten seid, sofort nach links ab und dann gleich nochmal links durch ein klappriges, offenes Maschendrahtzauntor.
Officer Sarang, er geht vor dir, ruft: "Vorsicht Sir!", und zeigt zum Boden. Du siehst nicht was er meint, es ist zu dunkel und ihr seid zu schnell und habt dann sicherlich auch die vermeintliche Gefahrenstelle schon passiert.
Wenige Schritte noch und ihr steht vor einem zweiten - diesmal verschlossenen - Maschendrahtzauntor. Mühselig schließt Sarang mit dem großen Schlüsselbund das Vorhängeschloss auf. Officer Pangutana, der sich immer hinter dir befindet, leuchtet ununterbrochen mit einer hellen Stabtaschenlampe.

Du fragst: "Officer, was hat es mit der guten Nachricht auf sich?"
Officer Sarang beschäftigt den richtigen Schlüssel zu finden antwortet gestresst: "Oh, da werde ich mir wohl heute Nacht noch einen Rüffel von der Chefin abholen. Habe schon zu viel gequatscht. Das wird Ma'am mit Ihnen morgen früh besprechen. Nur soviel, das hat mit Ihren Gadgets zu tun."

Es klimpert, Sarang flucht abermals, aber das Maschendrahtzauntor schwingt nun quitschend auf und scharrt dabei auf dem Boden.
Jetzt ist Sarang - wieder fluchend - daran eine Gitterstabtür zu öffnen.
Das flache Gebäude vor dem ihr steht erinnert dich an einen Stall. Einen Pferdestall mit Boxen. Wahrscheinlich der Größe und der Anordnung der Türen wegen. Soweit du das im trüben Nacht- und Lampenlicht erkennen kannst, gibt es drei weitere Gitterstabtüren rechts. Links ist ein Türrahmen ohne Tür zu erahnen.
An der Gebäudewand gegenüber zwei wohl ehemals starke Halogenstrahler. Nun leuchten sie funzelig gelb. Fette Motten oder andere Insekten klatschen ständig gegen die trüben Scheiben der Lampen. Einige verglühen dabei zischend.
Die Räume hinter den Gitterstabtüren sind stockfinster und totenstill.
Der Schlüsselbund klimpert, das Schloß knackt, die Gitterstabtür quietscht beim Öffnen und auch beim Schließen. Der Schlüsselbund klimpert und das Schloß knackt erneut und du bist drin.

Allein in der Zelle!

Du hast die Hände und die Stirn an den feucht-kalten, rostigen Gitterstäben der Tür. Daumendicker, grob geschweißter Baustahl. Hinter dir das absolute Nichts. Du traust dich nicht dich umzudrehen. Die Offiziere Sarang und Pangutana schließen gemeinsam auch das Zauntor ab und verschwinden schnell und springend in die schwül-warme Tropennacht.

"Gute Nacht!", wünschen sie dir.

Du hoffst, sie mögen zurück kommen. Den Bund klimpern, das Schloß knacken und die Tür quitschen lassen. Zurück nach draußen. Hinaus, in die Freiheit. Dem irrealen, surrealen Spuk ein Ende setzten. Es geht nicht in deinen Kopf:

'Verdammt, du bist eingesperrt!'

Von irgendwo her wehen in Wogen Diskomusik und Lachen heran. Ab und zu blitzt es in allen Farben. Das muss vom Platz gegenüber der Polizeistation kommen. Da war reges Treiben, als ihr von der Straße auf dem Hof der Polizeistation abgebogen seit. Du fasst Mut und drehst dich um. Schwarz, Rabenschwarz! Das innere im Kessel einer Dampflokomotive. Schwärzer geht nicht.
'Vielleicht ist die Zelle vor kurzem ausgebrannt und deshalb so dermaßen rußschwarz.', ist dein erster Gedanke. 'Blödsinn!', der zweite Gedanke. Es riecht nicht verbrannt.
Langsam gewöhnen sich deine Augen an die Finsternis. Gegenüber der Gitterstabtür, schimmert Mondlicht durch ein schmales Fenster unter der Zellendecke. Der Fensterspalt ohne Glas, ist nur etwa 40 Zentimeter hoch und erstreckt sich über die gesamte Zellenlänge. Der grobe Baustahl ist wie die Tür, zum Gitter verschweißt. An der Wand zwischen Zellentür und Fensterwand ein schiefes, grob gezimmertes, abgewetztes und versifftes Etagendoppelbett. Es erscheint wie ein bedrohliches Schiffswrack, wie ein Gerippe aus einem Horrorfilm. Es krächzt und ächzt dann auch verdächtig, als du dich auf das untere Bett setzt und du hoffst, es bricht nicht zusammen.
In der Tiefe der Zelle ist in der absoluten Finsternis nichts zu erkennen. Das Mond- und schwache Lampenlicht sind zu diffus.
Schlimmer als die Dunkelheit ist jedoch der Gestank, der dich jetzt ereilt. Urin, Schweiß, Erbrochenes, der süßliche Geruch nach Fäulnis, abgestandener und verbrauchter Luft. Feuchte Erde und Moder. Von draußen weht Duft von Grillfleisch herein. Das muß vom Platz gegenüber kommen. Dort wo die Action und die Musik sind. Dort wo das Leben tobt, wo die Menschen feiern und glücklich sind. Hier scheint nur Tod, Moder und Verwesung zu sein.

Vollkommen entsetzt schauderst du und flüsterst leise: "Das ist eine Gruft. Das ist der Vorhof zur Hölle! Es fehlt nur das Fegefeuer!"

Du drückst den Knopf für Licht deiner Armbanduhr. Für wenige Sekunden ist das schwarze Nichts - nicht hell aber ausreichend - beleuchtet. Sofort bereust du das! Denn das was du siehst, ist ungeheuerlich. Du traust deinen Augen nicht! Absolutes Chaos an der Wand gegenüber dem Bett. Deckenhoch türmt sich ein Müllberg. Ein chaotischer Müllberg. Du tippst nochmal den Knopf der Uhr und nochmal und nochmal. Papier, Pappe, Kartons, volle und leere Plastiktüten. Kaputte Plastikstühle und -tische. Dosen, teilweise verrostet. Neue und alte milchige Plastikflasche, zerschlagene und komplette Glasflaschen. Mehrere kaputte Cola-Kisten mit etlichen Flaschen von Coca-Cola darin. Teilweise offen und halb leer. Verrostete Metallteile. Alte, gelbe Neonröhren. Ein Autoreifen mit Felge. Zersplittertes Holz. Ein alter, früher wohl mal weißer Reissack mit dem Aufdruck: 'NFA Rice, Grade 5, Vietnam, 50 kg'. Der Sack ist verschnürt. Verpackung von Jollibee und Mac Donalds. Vieles ist im diffusen Licht nicht zuordbar. Die Quelle des üblen Gestanks ist der Müllberg. Es raschelt im Müll und Teile des Mülls bewegen sich.

Der Schock sitzt!

Nichtsdestotrotz musst du plötzlich mal. Das viele Mineralwasser heute Abend! Doch wo? Da ist kein Klo, kein Waschbecken und auch kein Wasserhahn. Da ist nichts. Nicht mal ein Loch im Boden. Einfach nichts! Aus der Tür pinkeln traust du dich nicht, denn trotz der finsteren Nacht, ist dir dennoch nicht die Kamera entgangen, die ihr Auge auf die Zellentüren richtet. Auf dem Boden eine Plastikflasche. Eine klare sicherlich neue Mineralwasserflasche. Sauber mit Verschluss. Nicht lange überlegt und hinein gepinkelt, Flasche verschraubt und in den Müllberg gefeuert. Sofort huscht etwas stinkendes mit glänzenden, dunklem Fell und langem, glatten Schwarz panisch-quickend an dir vorbei, zur Gitterstabtüre hinaus. Du bist ebenso erschrocken, wie die Ratte.
Du schauderst erneut und sinnierst mit Grausen: 'Was wäre, hätte die dich angesprungen?'
Sofort drückst du nochmals den Knopf für Licht. Da ist noch mehr Viehzeug. Eine Ameisenstraße vom Müllberg zur Tür hinaus. An der Tür turnen munter fette Kakerlaken. Beigefarbene - kleine Eidechsen ähnliche Tierchen - krabbeln an Wände und der Decke. Die jagen Insekten. Nun vernimmst du auch das Surren der Mücken. Du leuchtest einmal im Halbkreis. Am Boden des Bettes über dir, Spinnweben und irgendwo versteckt sicherlich auch die dazu gehörigen Spinnen.
Du bist vollkommen kaputt und dir ist nun alles egal. Erschöpft legst du dich auf die versiffte Pappe. Die linke Hand zwickt aber das ist nun auch egal. Scheißegal!
Du willst den Knopf für Licht nochmal drücken, um die Zeit zu checken. Aber du lässt es.

Egal! Auch die Zeit ist doch egal!

Nun liegst du da, wie man dich festgenommen hat. In Sandalen, kurzer Hose, T-Shirt und du hast die dunkelblaue Basketball Mütze auf.
'Die verleiht irgendwie Schutz, wie ein Helm', denkst du müde. Dir ist jetzt wirklich alles Scheißegal! Der üble Gestank, die feuchten beschmutzten Pappen auf denen du liegst, das windschiefe, knarzende Bett, die Mücken, das Rascheln im Müllberg, die Diskomusik und die bunten Lichtblitze der Disko.

Du denkst an die Jungs: 'Oh mein Gott. Sorry Kinder. Hoffentlich findet ihr einen besseren Platz zum Schlafen. Sicherlich ist das so. Ihr seit nun wertvoll. Wertvoll für Polizei, Medien und für wen oder was sonst noch? Für dich! Ja, besonders für dich!', kommst du zum Schluß und reibst dir das Gesicht .
"Dumme, unnötige Gedanken!", flüsterst du in die Nacht.

Du schließt die Augen und sofort bist du dort, wo du vor wenigen Stunden schon einmal gewesen bist. Zwischen Wachsein und Schlaf. In irgendeiner irrealen Zwischenwelt.

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