1.07. Gesetz ist Gesetz

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Mit beiden Händen reibe ich Müdigkeit aus dem Gesicht und bringe etwas Schweiß von der Stirn in die Augen. Jetzt sehe ich CIDG-Officer Villanova nur noch verschwommen. Ich frage erneut, diesmal förmlich und gespielt freundlich: „Sir, please, warum bin ich verhaftet worden? Was gibt Ihnen das Recht, an den Cottage zu klopfen und mich und die Kinder hierher zu bringen?"

Wohl wegen meiner plötzlichen Freundlichkeit, schaut Villanova verwirrt und stottert: „Sir", Ihr Name ist Heger?"

„Korrekt, Sir", antworte ich schnell.

Er führt aus: „Mhm, okay. Moment Mr. Heger, ich schalte das Tablet an. Dann zeige ich Ihnen, wo das Problem liegt."

Officer Sarang und Officer Pangutana schauen zufrieden auf. Sie spüren, die latente Aggression ist endlich aus dem Raum.

Das Tablet leuchtet weiß. Villanova ist ungeduldig, wischt mit dem dicken Finger über die Scheibe und brummt: „Mhm, sehen Sie hier, das ist das Problem. Hier ist ein Absatz vom philippinischen Gesetz, Republik Act 7610."

Er hält mir das Tablet so dicht vor die Nase, dass ich kaum etwas lesen kann. Ich drücke es vorsichtig zurück und nehme das Tablet schließlich in die Hand.

Villanova schiebt mit dem Finger den Text nach oben: „Lesen sie Absatz (b)."

Ich lese, wie Villanova mich angewiesen hat, ab Absatz (b). Zuvor überfliege ich aber die Überschrift:

„Other Acts of Neglect, Abuse, Cruelty or Exploitation and Other Conditions Prejudicial to the Child's Development."

Soweit meine Konzentration das zulässt und ich das Englisch verstehe, übersetzte ich es beim Lesen:

"Andere Handlungen der Vernachlässigung, des Missbrauchs, der Grausamkeit oder der Ausbeutung und anderer Bedingungen, die die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen."

Dann schiebe ich den Absatz (a) nach oben, aus dem Screen hinaus und überfliege  Absatz (b):

„(b) Any person who shall keep or have in his company a minor, twelve (12) years or under or who in ten (10) years or more his junior in any public or private place, hotel, motel, beer joint, discotheque, cabaret, pension house, sauna or massage parlor, beach and/or other tourist resort or similar places shall suffer the penalty of prision mayor in its maximum period and a fine of not less than Fifty thousand pesos (P50,000): Provided, That this provision shall not apply to any person who is related within the fourth degree of consanguinity or affinity or any bond recognized by law, local custom and tradition or acts in the performance of a social, moral or legal duty."

Den Text verstehe ich nur in Teilen:

"Jede Person, die einen Minderjährigen von zwölf Jahren oder jünger beschäftigt oder wenn das Kind jünger als zehn Jahren ist und das Kind an einen öffentlichen oder privaten Ort, in ein Hotel, Motel, in einer Bierstube oder in eine Diskothek, Kabarett, Pension, Sauna oder Massagesalon, Strand und/oder andere Fremdenverkehrsorte oder ähnliche Orte bringt, wird mit einer Gefängnisstrafe im Mayorbereich mit der Höchstdauer und einer Geldstrafe von mindestens 50.000 Pisos bestraft. Diese Bestimmung gilt nicht für Personen, die im vierten Grades mit dem Kind blutsverwandt sind oder einer nach dem Gesetz, lokalen Sitte und Tradition oder in einer anerkannten Bindung stehen oder in Ausübung einer sozialen, moralischen oder rechtlichen Pflicht handeln."

Ich bin überfordert und muss das erst einmal verarbeitet.

Villanova ist nun freundlich. Es scheint ihm auch wohler zu sein, dass wir eine vernünftige Kommunikationsebene gefunden haben: "Wenn ich zusammen fassen darf. Die Kinder sind 12 Jahre und darunter. Sie sind nicht der Vater, Stiefvater, Onkel, Cousin, Schwager und so weiter? Haben auch keine offizielle soziale oder rechtliche Legitimation?"

Ungläubig schüttel ich den Kopf. Mir wird auf der Stelle heiß, Schweißperlen bilden sich auf meiner Stirn. Ich spüre den Puls im Hals. Der Blutdruck steigt, denn der Druck in meinen Schläfen nimmt zu. Ich huste, da mein Rachen staubtrocken ist. Ein paar Sekunden bin ich außerstande, klare Gedanken zu fassen. Der Raum dreht sich und wankt leicht.

Meine aufkommende Panik wird von CIDG-Officer Villanova scheinbar bemerkt. Er weist Officer Sarang an, weitere Flaschen Wasser zu bringen.

Wie ein Häufchen Elend sitze ich zusammen gesunken da, bin sprachlos und muss endlich mein Gehirn unter Kontrolle bringen.

Sofort schütte ich das kühle Wasser hinunter und fühle mich augenblicklich etwas besser. Ich stammel mit rauer Stimme: „Das habe ich nicht gewusst, Sir! So ein Gesetz gibt es bei uns, ich meine, in meinem Land nicht. Das ist ein Missverständnis! Ich kann das erklären."

Villanova schüttelt den Kopf: „Gut, alles weitere bespricht Ma'am Papillio mit Ihnen. Viel Glück und passen Sie auf ihre Hand auf." Er zeigt kurz auf das Pflaster, macht zackig auf dem Absatz kehrt, nickt den jungen Polizisten zu und verlässt wortlos den Raum.

'Kurz und schmerzlos der Typ', denke ich.

Officer Sarang errät meine Gedanken: "Der ist eben so. Nehmen Sie es dem nicht übel. Der hat viel durchgemacht. Seine Frau war auch Polizistin. Wurde von einem Drogendealer angeschossen. Sitzt nun im Rollstuhl."

Ich weiß nicht recht, etwas mit diesen Informationen anzufangen und nicke vorsichtig. Das war gerade alles etwas zu viel zur späten Stunde.

Ma'am Tolisan eilt aus der Kammer und verlässt, ohne mich eines Blickes zu würdigen, das Büro.

Officer Sarang kommt heran: "Ich denke, da ist noch eine gute Nachricht für Sie drin, Sir. Aber das sollte besser Ma'am Papillio, die Chefin, mit Ihnen besprechen. Officer Sarang schaut auf seine Armbanduhr und erschrickt: „Oh mein Gott, schon so spät! Also, um Ihre Gadgets kümmern wir uns dann Morgen. Ich möchte Sie nur kurz bitten, zu schauen, ob alle Gadgets im Rucksack sind." Er lacht laut: „Nicht, dass dort etwas im Hotel liegen geblieben ist."

Über den Scherz kann ich gerade nicht lachen und kontrolliere den Inhalt: "Es scheint alles da zu sein!"

Sarang nimmt zufrieden den Rucksack hoch und verschließt ihn in einem Schrank in der linken Kammer.

"Keine Sorge, hier kommt nichts weg", grinst Officer Sarang lausbubenhaft.

Mein Humor kehrt ebenfalls zurück: „Ja, immerhin sind wir hier in einer Polizeistation."

Die Bürotür wird aufgestoßen. Es ist aber nicht Ma'am Tolisan, die hereinkommt und durch das Büro fliegt, sondern die kleine dicke Frau, die an die Cottagetür im Hotel geklopft und hyperventiliert hat. Ihre Funktion ist mir immer noch nicht klar. Sie reißt die Tür zur Kammer auf, sodass die Glasscheibe im Rahmen scheppert und wechselt wenige Worte mit Ma'am Papillio.

Ma'am Papillio zischt klar und deutlich das Wort: "Shit!"

Die Frau tritt erschrocken einen Schritt aus der Kammer heraus und beginnt erneut zu hyperventilieren.

Ich spüre die plötzliche Spannung in der Luft.

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REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt