1.04. Polizeistation Nummer 1

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In der "Polizeistation Nummer 1" wirkt alles eng und niedrig. Ohne Vorwarnung mache ich, während ich in das Büro gebracht werde, unangenehme Bekanntschaft mit dem Türquerbalken: "Autsch, verdammt!"

"Seien Sie vorsichtig", warnt Papillio erschrocken, aber es ist bereits zu spät. Die Kollision ist nicht heftig und das Reiben der Stirn ist, wegen der auf dem Rücken gefesselten Hände, nicht möglich. Um den Schmerz zu vertreiben, schüttel ich den Kopf.

"Setzen Sie sich dorthin", weist Papillio mich freundlich, aber bestimmend und in gutem Englisch an. Der Polizist in Zivilklamotten und seine chromblitzende Automatik haben glücklicherweise das Büro sofort verlassen. Ein junger Polizist nimmt mir die Handschellen ab. Verspätet reibe ich die leicht schmerzende Stelle an der Stirn. Der linke Handrücken brennt und blutet ein wenig, das rechte Handgelenk ist nur gerötet. Das Werk der Handschellen. Die untersetzte Polizistin, sie hat im Hotelzimmer unzählige Fotos geschossen, kramt in einer halbleeren Erste-Hilfe-Kiste, dann beträufelt sie einen Wattebausch mit dunkler Jodtinktur und reicht ihn mir, auch sie spricht verständliches Englisch: "Drücken Sie das auf die Wunde. So etwas infiziert sich leicht. Ich schaue mir das gleich an und versorge das."

"Nicht nötig", brumme ich.

Die Polizistin baut sich vor mir auf, mustert die Stirn und bemerkt beiläufig und scherzhaft: "Na, mit dem Kopf scheint alles okay zu sein." Dann nimmt sie ungefragt meine linke Hand. Ich hebe den Wattebausch an. Nach der Begutachtung der oberflächlichen Wunde, attestiert sie: "Nur ein kleiner Ritz, seien Sie trotzdem vorsichtig. Ich klebe später ein Pflaster darauf."

Ich spüre nicht das geringste Zwicken. Sicherlich Adrenalin oder Schocksymptome. Wahrscheinlich beides. Meine Hände zittern leicht und es fällt mir schwer, klare Gedanken zu fassen. Dennoch lese ich die weiße Schrift auf dem schwarzen Namensschild der Polizistin und keuche mit trockener Kehle: "Danke sehr, Miss Tolisan."

Ihre Antwort ist ein gezwungenes Lächeln.

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Die Bürotür fliegt krachend auf, das Kamerateam stürmt ungefragt ins Büro und hält das Mikrofon sofort unter meine Nase. Der Spot wird unvermittelt angeschaltet und blendet mich sogleich. Der abgerissene Typ mit dem Mikrofon, schüttet ein Schwall von Fragen, im viel zu schnell gesprochenem Englisch, über mich aus. Ich verstehe nur Sprachfetzen: "Nationalität? Heimatstadt der Kinder? Warum schlafen Sie im Hotel? Alter Kinder?" Ich schiebe genervt das unangenehm riechende Mikrofon beiseite. Was ich jetzt gerade absolut nicht gebrauchen kann, sind diese penetranten Typen. Schützend halte ich mir die Hände vor das Gesicht. Der vom Jod braune Wattebausch klatscht auf den Boden. Blut und Jod laufen am Arm herab und dramatisieren die Verletzung erheblich. Die Kamera zoomt das in die Totale und produziert perfekte Bilder.

Polizistin Papillio wirft die Medientypen kurzerhand mit einem resoluten "Es ist genug!" hinaus.

Nur Sekunden später entwickelt sich im Flur vor dem Büro eine lautstarke Diskussion.

Eine junge Männerstimme ruft empört: "Lassen Sie die Kinder in Ruhe! Keine Interviews! Lassen Sie uns durch!"

Die Frau, die an die Cottagetür geklopft hat, ruft: "Ist schon okay! Lassen Sie die doch Fragen stellen!"

Die Männerstimme protestiert lautstark: "Nein, versperren Sie uns nicht den Weg! Das sind doch noch Kinder! Weg da jetzt, verschwindet, Ihr."

Einige Kinder heulen laut.

Jetzt brüllt der Typ mit dem Mikrofon: "Hey, Finger weg von der Kamera!"

Die Frau schreit spitz: "Ist doch okay, okay!"

Die Polizistinnen stürzen aus der Bürotür. Augenblicklich ist der Tumult im Flur beendet.

Nun sitzen die fünf Jungen und ich auf verschlissenen Stühlen aus Kunststoff, die bei der kleinsten Bewegung schrecklich knarzen. Die Kinder sind in einem bemitleidenswerten Zustand. Sie sehen übernächtigt aus, haben gerötete und verheulte Augen und zerzaustes Haar. Aboy und Sam tragen ihre T-Shirts auf links, die Innenseite ist außen. Die normalerweise gesunde, braune Gesichtsfarbe der Jungen, erscheint nun aschfahl. Sam und Dan weinen leise. Dan lehnt am großen Bruder Jan, seine schmalen Schultern beben beim Schluchzen. Jan legt brüderlich und tröstend einen Arm um den kleinen Bruder. Die Kinder verstehen die Situation nicht und stehen sichtlich unter Schock. Phil und Jan wirken apathisch und abwesend. Sie schlafen scheinbar mit offenen, glasigen Augen. Aboy sitzt trotzig nach vorne gebeugt. Die Ellenbogen hat er auf die Knie gestützt. Seine Hände befinden sich an den runden Wangen und die Finger berühren dabei die Ohren. Ab und zu formt er Blasen mit Spucke, lässt sie zerplatzen und wischt dann mit den gelben Islander-Flip-Flops die Spucke auf dem Betonfußboden breit.

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt