0 - Prolog

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Er ließ das Geld durch seine Finger gleiten. Jeden einzelnen der orange-braunen Scheine. Langsam und genüsslich mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger, zählte er die Fünfziger. Einen nach dem anderen.

Es erfüllte ihn schon immer mit Stolz. Mit einem Gefühl des Triumphes, ja sogar der Erregung. Es war blutiges Geld. Aber es war seins. Durch Drohungen, Erpressungen, den Tod von Menschen oder dem Verkauf von allem, was illegal war: Drogen, Waffen, Menschen. Er war für diese Welt gemacht, er war für sie geboren. Er lebte sie. Er liebte sie. Als es an seiner Tür klopfte, wusste er schon vorher, dass er es sein würde. Es gab nichts, dass sich in seinem Einflussbereich abspielte, von dem er nichts wusste. So wusste er auch jetzt, wer vor seiner Tür stand.

Es war sein bester und brutalster Schläger. Sein persönlich abgerichteter Bluthund. Liam. Er war vor Kurzem zu ihm gekommen, aus demselben Grund, aus dem die meisten zu ihm kamen. Er brauchte Hilfe. Hilfe, um sich in dieser kriminellen Welt zurecht zu finden. Hilfe, um seinem bösen Daddy und dessen perversen Spielchen nicht weiter ausgeliefert zu sein.

Er hatte ihm die Hand gereicht. Was für ein Mensch wäre er, es nicht zu tun? Er hatte ihm die Unterstützung, die Führung gegeben, die er gebraucht hatte. Auch wenn er das sicher nicht aus Nächstenliebe getan hatte. Sein Bluthund war nicht viel jünger als er, aber unerfahren in der kriminellen Welt. Beinahe unschuldig auf seine Art. Und er selbst? Er war voller Schuld. Jede Faser seines Körpers, seines Geistes, seiner Seele war durchtränkt von Schuld, Hinterlist und Selbstsucht. Er war ein aufgehender Stern am schwarzen Himmel des Untergrundes. Er war ehrgeizig, wusste ganz genau, was er wollte und wie er es bekam. Er wusste auch, warum sein Hund heute zu ihm kam. Er brauchte für diese Nacht einen Unterschlupf. Doch heute war es etwas anders als sonst. Liam kam nicht allein. Sondern er brachte seine kleine Freundin mit. Die Kleine, von der er ihm schon so oft erzählt hatte. Das Mädchen, dem er so heldenhaft versprochen hatte, sie eines Tages zu retten. In seinen Augen war der Gedanke vollkommen lächerlich. Wie sollte er sie retten können, wenn er nicht einmal sich selbst retten konnte? Er fragte sich, ob Liam glaubte, dass er sie aus Mitgefühl bei sich übernachten ließ? Aus Freundlichkeit, Sympathie oder gar Mitleid?

„Naiver, kleiner Junge", flüsterte er zu sich selbst.

Sein bester Schläger floh vor seinem Vater, der ihm nichts gab außer Angst und Gewalt. Keine Liebe. Der ihn dazu zwang kleine Mädchen zu missbrauchen.

„Dabei hat er doch noch Glück," schoss es ihm durch den Kopf, „er kann doch froh sein, dass es nicht um seinen eigenen Arsch geht."

Er ließ einen weiteren Fünfziger durch seine langen, schlanken Finger gleiten. Rief den jungen Mann vor seiner Tür noch nicht zu sich hinein. Er sollte warten. Die Unsicherheit und die Angst sollten noch weiter steigen.

„Ich frage mich bis heute, Liam, warum du zu mir gekommen bist. Warum du vor einem offensichtlich kranken Kinderschänder ausgerechnet zu mir geflohen bist", flüsterte er und fragte sich, ob es Liam bewusst war, dass er keinen Deut besser als sein Vater, nein, wahrscheinlich sogar noch schlimmer als er war. Während Balthasar ohne zu zögern Jacke und Schuhe ausgezogen hätte, um ein ertrinkendes Kind aus einem See zu retten, würde er ihm hingegen neugierig und genüsslich beim Ertrinken zusehen. Ihm war das Leben anderer, ob Tier oder Mensch, Mann, Frau, Kind, vollkommen egal.

„Komm rein, Liam", rief er schließlich und legte die Scheine sorgsam in die Geldkassette vor sich auf seinem Schreibtisch.

Als die Tür aufgedrückt wurde, war er gespannt und neugierig. Er wollte das Mädchen endlich kennenlernen. Wie würde die Kleine aussehen, der er so oft unten was reingeschoben hatte, das er aber partout nicht ficken wollte? Und das, obwohl ihre beiden Väter das so vehement von ihm verlangten. Er zog sein geliebtes Butterfly-Messer aus seiner Hosentasche und begann es immer wieder auf und zu schnappen zu lassen. Es bedurfte nicht mehr als einer leichten Drehung aus dem Handgelenk. Klapp klapp klapp, auf und zu, auf und zu. Es war für ihn eine beruhigende Beschäftigung. Ein kleines Ventil seiner Nervosität oder manchmal auch der Langeweile. Als Liam das Zimmer betrat, sah er ihn nur kurz an. Liam war nicht nur groß und muskulös, sondern auch intelligent. Dennoch war er ihm unterlegen. Denn er würde ihm IMMER einen Schritt voraus sein. Ihre Blicke kreuzten sich kurz, ehe er an ihm vorbei zu seiner Begleitung sah. Er suchte ihre Augen. Die Augen des kleinen Mädchens, das jeden Abend Daddys Schwanz streicheln durfte. Er fragte sich, wie zerstört sie wohl war, innerlich und äußerlich, wie sehr man ihr das Leid ansah. Er musste ein vorfreudiges Lächeln unterdrücken, doch als er die Gestalt des 13 Jahre alten Mädchens erblickte, erfroren seine Züge und er umfasste das Messer in seiner Hand mit festem Griff. Das Klappen hörte jäh auf.

Er wollte den Blick wieder von ihr lösen, doch es ging nicht.

„Wieso, Liam", flüsterte er leise, als er aufstand und auf die beiden zuging, „wieso hast du mir nicht erzählt, dass du einen Engel zu mir bringen würdest?", hauchte er und hing einen Moment lang seinen Gedanken nach, während er die beiden zu umkreisen begann wie ein Raubvogel seine Beute. Sie war so schön wie ein Engel. Seine Gedanken drehten sich für den Bruchteil einer Sekunde um seine Mutter. Ihr Name war Angel.

Das Mädchen vor ihm war so bezaubernd. Ihre Gestalt wirkte wie eine zerbrechliche Puppe aus Porzellan, die durch die Gewalt, die ihm angetan wurde, überall schon gefährliche Risse hatte. Sie durfte nun nur noch mit großer Sorgfalt behandelt werden, damit sie nicht gänzlich zerbrach. Als er vor seinen beiden Gästen wieder zum Stehen kam, griff er ohne zu zögern nach ihrem Handgelenk. Die Kleine zuckte zusammen. Er zog mit einem Ruck an ihr und drehte ihren Arm herum, sodass er die Innenseite betrachten konnte. Er verengte abschätzend die Augen, als er die Schnitte sah, die sich teils als Narben oder als relativ frische Wunden offenbarten. Tadelnd schnalzte er mit der Zunge und schüttelte missbilligend den Kopf. Sie verletzte sich selbst und sie war viel zu dünn. Schon beinahe mager. Das missfiel ihm. Er betrachtete ihren Körper noch einmal eindringlich.

Es missfiel ihm sogar sehr.

Im Augenwinkel konnte er erkennen, wie Liam ihn abwartend und auch nervös ansah. „Na Liam? Betest du zu deinem Gott, dass dir der Teufel wieder mal seine helfende Hand reichen soll?", dachte er abfällig, was ein Lächeln über seine blassen, schmalen Lippen huschen ließ.

„Du und Daddys Girl könnt bleiben", sagte er zu Liam, ohne den Blick von seiner kleinen Freundin abzuwenden.

„Kommt so oft und bleibt so lange, wie ihr wollt", fügte er noch an und schenkte nun auch dem blonden, dünnen Mädchen ein Lächeln, welches sie zögerlich und mit großen, ängstlichen Augen erwiderte. Und sie kamen zu ihm. Wieder und wieder. 

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Dies ist der Prolog zum 2. Teil. Diejenigen von euch, die schon in der Geschichte fortgeschritten sind, können ihn sicherlich zuordnen, alle die neu beginnen, werden den Zusammenhang im späteren verlauf erfahren ;)


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